"Gisi Tirsch" lindert ärgste Not

Wie eine Auerbacherin die Flutopfer im Ahrtal seit Juli unterstützt

13.1.2022, 15:00 Uhr
Gisela Tirsch verteilt mit einem kleinen Wagen die Spenden aus der Region um Auerbach an eine Anwohnerin in Bad Neuenahr.

Gisela Tirsch verteilt mit einem kleinen Wagen die Spenden aus der Region um Auerbach an eine Anwohnerin in Bad Neuenahr. © Foto: privat

Eine Freundin, die bereits vor Ort die Aufräumarbeiten unterstützt hatte, bat um Unterstützung. Seitdem fährt Tirsch mit verschiedenen Begleitern einmal im Monat ins Ahrtal, um Anwohner mit Sachspenden und Geld zu unterstützen. In einer Auerbacher Facebook-Gruppe ruft sie mit ihrem Account "Gisi Tirsch" seither regelmäßig zu Sachspenden auf. "Die Hilfsbereitschaft zu meiner Aktion war riesengroß."

Die erste Fahrt beschränkte sich auf Babyartikel und Babynahrung. In den letzten Monaten haben Tirsch und ihre Begleiter aber auch Baumaterial, Waschmaschinen, Radiatoren und Rollatoren transportiert. "Was man transportieren kann und was benötigt wurde, haben wir transportiert." Eine große Aktion im August konzentrierte sich auf haltbare Lebensmittel.

Große Teile von Bad Neuenahr-Ahrweiler hatten da noch keinen Zugang zu Strom und Wasser. Mittlerweile lagert Tirsch die Sachspenden in einer Halle, die ihr Günter Fuchs aus Auerbach zur Verfügung stellt. "Meine eigene Garage platzt regelmäßig aus allen Nähten. Solange Platz ist, kann ich die Spenden in der Lagerhalle von Dienstleistungen Fuchs lagern. Und die Familie hilft mir beim Sortieren und Einladen und bei den Fahrten. Das ist klasse und für die Hilfe bin ich sehr dankbar."

Im September hat im Garten des Tirschenreuther Kindergartens auch ein Benefizkonzert für Tirschs Hilfsaktion stattgefunden. Kerstin Lindner und Peter Stollberg singen als "Kerstin und Stolli" meist auf Hochzeiten, für Tirsch haben sie eine lohnenswerte Ausnahme gemacht.

Allein an dem Abend kamen über 4000 Euro an Spendengeldern zusammen. Auch der FC Troschenreuth hat im September die Einnahmen eines Fußballspiels an die Hilfsaktion gespendet. "Das war alles super genial. Das sind Gelder, die wir auch schon wieder investieren und weiterleiten konnten." In der Vorweihnachtszeit gab es dann wieder eine besondere Aktion.

"Im November hab ich mir dann gedacht, dass wir Plätzchen liefern könnten, weil viele noch keinen Herd, keinen Ofen haben. Dann hab ich wieder einen Aufruf in Facebook gestartet." Auch hier war die Resonanz groß. Eine Kindergärtnerin aus Hartenstein hat eine Nikolausaktion auf die Beine gestellt.

Kinder und ihre Eltern haben über 100 Nikoläuse mit kleinen Karten und Bildern verziert, die dann an eine schwer von der Überschwemmung getroffene Kita in Ahrweiler gingen. Die Auerbacher Bäckerei Bock hatte Tirsch sogar Backmaterialien und die hauseigene Backstube zur Verfügung gestellt.

Zusammen mit sieben Helferinnen konnte Tirsch so an einem Nachmittag 250 Lebkuchen backen und 200 Plätzchenpakete schnüren, die schließlich zusammen mit den Plätzchen-Spenden aus Auerbach und Umgebung zwei Autos gefüllt haben.

"In Ahrweiler bin ich dann mit meinen Freundinnen Paloma und Ricarda mit dem Bollerwagen losgezogen. Den Tag werde ich nie vergessen. Wir haben vor allem viele alte Menschen durch die Gassen gehen sehen. Und da war ein alter Mann mit Rollator. Ich habe ihn gefragt, ob er ein paar Plätzchen haben möchte. Und er sagt ‚Nein.‘ Ich frage ‚Warum?‘ Und er sagt ‚Weil ich es mir zurzeit nicht leisten kann.‘ Dann hat er sich gefreut, als ich ihm gesagt habe, dass er nichts bezahlen muss."

Kurzum: Sie hat ihm den Rollator vollgepackt mit Plätzchen. "Man denkt gar nicht, dass man mit so kleinen Päckchen so viel Freunde in ein Gesicht bringen kann."

Die letzten Plätzchen haben die drei in einer ehemaligen Pizzeria abgegeben, die in Ahrweiler als Sammelstelle für Spendenaktionen dient. Die Pizzas werden mittlerweile in einem Container gebacken, der wie vieles in Bad Neuenahr-Ahrweiler zurzeit als Zwischenlösung dient.

Viele Familie sind in von Hilfsorganisationen bereitgestellte Tiny-Häuser gezogen, weil ein Großteil der Häuser noch nicht wiederaufgebaut ist. "Im August und September war die ganze Stadt voller Helfer – heute ist alles wieder leerer. Der Wiederaufbau geht weiter, aber die Leute selber kommen etwas zur Ruhe."

Jetzt fingen viele erst langsam an zu verarbeiten", erzählt Tirsch. "Im kommenden Frühling wollen wir auch Spenden in Nachbarstädte bringen, die im Juli stark getroffen wurden." Eine Spendenfahrt ging bereits 2021 nach Altona, eine ebenfalls von der Flut betroffene Stadt in Nordrhein-Westfalen.

Zwei Pakete versandt

Im Winter ist erst mal weniger geplant. Zwei Pakete von rund 30 Kilogramm versandten Tirsch und ihr Ehemann im Dezember. "Wolldecken und Flüssigseifen wurden gebraucht. Das haben wir dann kurzfristig besorgt." Ruhiger wird es deshalb im Hause Tirsch aber nicht.

Tirsch und acht weitere Mitglieder sind gerade dabei, den Verein "Einfach machen" zu gründen. Der Verein konzentriert sich auf Hilfe bei Flut, Erdbeben oder anderen Schadensereignissen in Deutschland.

Für das Frühjahr sind Transporte von Baumaterialien und Möbeln geplant. "Teller, Bettwäsche, Matratzen. Das, was gebraucht wird", sagt Tirsch. "Wir werden mit den Familien vor Ort telefonieren, dann alles Nötige organisieren und wieder aufbrechen."

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