Donnerstag, 14.11.2019

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Wird Pegnitzer Arbeiterlokal "Stern" zum Genusshaus?

Pegnitzer Brauereitochter hat zusammen mit der Handwerkskammer ein interessantes Konzept entwickelt - 02.12.2015 17:05 Uhr

Gegenwärtig steht das ehemalige Pegnitzer Traditionslokal leer. © Knauber


Seit längerem geschlossen, bietet der ehemals renommierte Gasthof „Goldener Stern“ in Pegnitz ein ähnlich tristes Bild wie die unsägliche Bahnunterführung unmittelbar daneben. Gut möglich, dass hier in naher Zukunft ein Vorzeigeobjekt entsteht, das ganz neue Perspektiven für die Förderung der einzigartigen kulinarischen Landschaft Oberfrankens weit über die Region hinaus bietet.

Im April 2015 entstand im Verein „Genussregion Oberfranken“ die Idee, so genannte Genusshäuser zu etablieren, in denen die kulinarische Vielfalt erlebt und regionale Lebensmittel ganz besonders in Szene gesetzt werden können. Hierzu wurde zunächst eine Projektentwicklungsstudie auf den Weg gebracht, um Möglichkeiten und Ansätze zu recherchieren.

Fünf Monate hatte die Professorin Uta Hengelhaupt nach Auskunft des Ideengebers, des Handwerkskammer-Präsidenten Thomas Zimmer, für diese Arbeit Zeit. Sie, die vorher auch schon eine Datenbank für oberfränkische Spezialitäten erarbeitet hat – als letztes wurde kürzlich auf NN-Initiative die Troschenreuther Ochsen-Schipf aufgenommen -, hat hierfür nicht nur regional vorhandene Ideen gesammelt, sondern sich auch in Unterfranken, Österreich oder Südtirol bei vergleichbaren Projekten schlau gemacht. Wie groß jetzt schon die Resonanz ist, zeigt, dass aus der Idee inzwischen ein bundesweites Modell mit überregionaler Ausstrahlung geworden ist.

In wenigen Tagen sollen nun vier ausgewählte Genusshaus-Ideen vorgestellt werden, darunter neben einem im bisherigen Sparkassengebäude in der Bayreuther Opernstraße geplanten Projekt, dem Fränkisches Genusshäusla in Münchberg und der Krapfenbackschule im Fürstbischöflichen Vogteihaus in Hallstadt auch das ehemalige Wirtshaus „Goldener Stern“ in Pegnitz.

Julia Knopf, im Hauptberuf Professorin und Lehrstuhlinhaberin in Saarbrücken, will den "Goldenen Stern" zum Genusshaus entwickeln. © nn


Für letzteres hat Dr. Julia Knopf, eine Tochter des gleichnamigen Brauereibesitzers, Inhaberin des Lehrstuhls für Fachdidaktik Deutsch an der Universität des Saarlandes und Mitgesellschafterin am Hotel „Ratsstube“, ein interessantes Konzept entwickelt, das beim HWK-Präsidenten Thomas Zimmer auf Anhieb auf Begeisterung gestoßen ist.

Es ist zwar alles noch streng geheim, aber die NN haben schon einige Überlegungen erfahren. So soll dort nicht nur der kürzlich erst gegründete Verein für die fränkische Bratwurst eine Heimstatt erhalten, vielmehr ist in Zusammenarbeit mit einem frischgebackenen einheimischen Braumeister auch an eine Schaubrauerei gedacht.

Damit nicht genug: Im Zusammenhang mit dem geplanten neuen Fachmarktzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft und dem Neubau einer Bahnunter- oder -überführung soll das gesamte Umfeld auf eine höhere Wertigkeit gestellt werden, gibt es doch auch Bestrebungen von Seiten der Stadt, den Bahnhof samt des Geländestreifens bis zum Bahnhofsteig zu erwerben.

Weil das „Stern“-Genusshaus dann zumindest für VGN-Besucher strategisch günstig am Eingangstor zur Stadt liege, könnte dort zudem die neue Tourist-Information untergebracht werden. Pegnitz könnte sich somit einen teuren Umbau des Alten Rathauses sparen.

Julia Knopf will damit dem „Stern“ wieder etwas zu seiner früheren Bedeutung verhelfen. Gegründet um 1870, als die Eisenbahn von Nürnberg nach Hof vorangetrieben wurde, profitierte das Wirtshaus enorm von der Industrialisierung. Jeder, ob er von der D-Zugstation, der Post, der Amag oder dem Bergwerk kam, musste an dem Lokal vorbei, das deswegen auch zum Vereins-, Arbeiter-, SPD- und Streiklokal schlechthin avancierte.

"Nur eine Markthalle wäre zu wenig"

Wie muss man sich nun ein solches Genusshaus vorstellen? Thomas Zimmer fasst zusammen: „Nur eine Markthalle mit regionalen Produkten wäre zu wenig. Ein Genusshaus macht die kulinarische Vielfalt Oberfrankens erlebbar. Was die Genussregion mit Veranstaltungen bisher nur punktuell geschafft hat, bekäme ein Dach. Und ein Genusshaus hat einen Bildungsanteil. Wie funktioniert gute Ernährung? Was tun mit den Lebensmitteln aus der Region?“

Bernd Sauer, der Kuratoriumsvorsitzender des Vereins Genussregion, ergänzt: „Wir brauchen Orte, an denen man nicht nur Essen, Trinken und Einkaufen, sondern Oberfrankens vielfältige Genüsse erleben kann.“ Stolz ist er dabei darauf, dass der Verein auch Betriebe aus dem Handwerk, dem Gastgewerbe und dem Tourismus sowie Vertreter aus der Wissenschaft, von den Kommunen und aus der Verwaltung hinter sich weiß.

Den Ideen sind dabei keine Grenzen gesetzt, wie Informationsbesuche im Ausland bestätigten. Im Burgenland etwa wird besonderer Wert auf Workshops und Kurse gelegt sowie auf anschaulichen Unterricht für Kinder, damit diese die heimischen Produkte wieder schätzen lernen.

Auch in Südtirol gibt es in allen größeren Tourismuszentren schon Genusshäuser. Ihre Philosophie: Man nehme beste Produkte von den Bauern und von veredelnden Betrieben, nehme überlieferte Traditionen und Werte mit auf den Weg in die Zukunft und achte darauf, dass die Produzenten zwar ordentlich entlohnt werden, aber alles trotzdem bezahlbar bleibt.

Sauer, Zimmer und Hengelhaupt sind sich deshalb einig: „Wir haben die besten Produkte und ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis. Wenn ein solches Modell ein Erfolg wird, dann in Oberfranken.“
 

RICHARD REINL

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