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Zehn rote Jagdbomber am Himmel über Pegnitz

Am Osterdienstag jährt sich das Kriegsende zum 75. Mal: Kurz zuvor noch ein Luftangriff auf Pegnitz - 12.03.2020 10:23 Uhr

Auch in der Schloßberghalle waren einige Pegnitzer Zwangsarbeiter untergebracht. Diese durften sich nach der Kapitulation mit Erlaubnis der US-Kommandanten an den zweitägigen Plünderungen in der Stadt beteiligen.

© NN-Bildarchiv


Bereits zehn Tage vor dem Pegnitzer Kriegsende, am 4. April 1945, hatten US-Jagdbomber mit einem Angriff auf Pegnitz den Boden für den Einmarsch der Truppen bereitet. Am 4. April erschienen zehn rote Jagdbomber am Himmel über der Stadt. Die Menschen stürzten in die Keller, schon fiel die erste Bombe in das Anwesen Trautner/Krohse in der Nürnberger Straße 3. Im Garten tat sich ein gewaltiger Trichter auf.

Fritz Trautner, der seine Schreinerwerkstatt nicht verlassen hatte, wurde schwer verletzt — er starb. Aber wahrscheinlich später. Während in früheren Quellen die Zahl der Todesopfer bei diesem Luftangriff mit bis zu sechs beziffert wurde, zeigt sich Stadtarchivar Andreas Bayerlein deutlich zurückhaltender. "An diesem Tag starb kein einziger Mensch in Pegnitz". Wohl aber der eine oder andere viel später an den Spätfolgen. Oder außerhalb.

So auch die Hamburger Lehrerin "Fraulein" Wolpers. Vorname unbekannt. Sie glaubte, nach ihrer Evakuierung das Schlimmste überstanden zu haben. Wolpers war in Hamburg ausgebombt worden. Am Montag, 4. April, krachte eine Bombe in der Brauhausgasse auf die Straße.

 

Bombenangriff überlebt

 

Die Lehrerin, die in ihr Zimmer im Gasthof Weißes Ross an der Hauptstraße gelaufen war, um noch etwas zu holen — oder sich im Schrank zu verstecken — wurde schwer verletzt. Familie Ponfick beschaffte einen Wagen und ließ die Schwerverletzte in ein Bayreuther Notkrankenhaus bringen. Bei einem weiteren Luftangriff in der Nacht starben die Hanseatin und weitere Krankenhauspatienten im Bombenhagel.

Dass Anna Pastyrik einen Bombenangriff um Jahrzehnte überlebt hat, hatte sie einem glücklichen Zufall zu verdanken. So zumindest die von der Schülerin Isabel Chwalka in einer Facharbeit zusammen getragenen Erinnerungen. "Eine Fliegerbombe fiel in den Garten ihres damaligen Hauses in der Thoeodor-Storm-Straße und explodierte nicht." Diese Bombe war eventuell bei einem Flug zu einem Luftangriff auf Nürnberg verloren worden. Das passierte aber nicht am 4. April, dem Pegnitzer Schicksalsdatum. Not und Elend herrschten damals in der ganzen Stadt: Verletzte lagen auch in der Volksschule, die als Lazarett eingerichtet worden war.

 

Viele Geschädigte

 

Rund 30 Hausbesitzer wurden zu jener Zeit durch Luftangriffe geschädigt und stellten später Anträge auf Zuschüsse für den Wiederaufbau. Die vom ersten Nachkriegsbürgermeister Hans Gentner unterzeichnete Liste führt Familiennamen wie Ponfick, Trautner, Vogt oder Gentner auf, bis zur Evangelischen Kleinkinderschule am Wiesweiher, der heutigen Evangelischen Bildungsstätte. Im Wesentlichen traf es Hausbesitzer aus Hauptstraße, Nürnberger Straße, Heinrich-Bauer-Straße und Wiesweiherweg.

Erna Hamouz erinnerte sich an den Einmarsch der Amerikaner: "Kein Mensch hat sich mehr rausgetraut, da niemand wusste, was los ist." Sie wohnte damals in der Rosengasse und wusste noch, wie ihr Vater die Haustür verriegelte.

Die Amerikaner waren aber keine Unmenschen. Kinder aßen nach dem Ami-Einmarsch vor 75 Jahren die erste Banane ihres Lebens — Freundesgabe der Sieger. Die vom Krieg und den Luftangriffen längst zermürbten Pegnitzer empfingen die US-Amerikaner mit Bangen und Zagen. Viele Pegnitzer mussten für die neuen Machthaber auf Zeit ihre Wohnungen räumen. Erste Anordnung der US-Militärs: "Zweitägige Plünderungen sind erlaubt."

Natürlich nicht für jedermann. Beteiligen durften sich nur die bei Kriegsende in Pegnitz lebenden Zwangsarbeiter. Diese waren unter anderem auch in der Schloßberghalle untergebracht. Für Geschäftsleute in der Hauptstraße und den ein oder anderen Haushalt begannen bittere Zeiten.

 

"Ihr werdet auch noch abgeholt"

 

"Die lasst ihr in Ruhe", hieß es, als sich eine Plünderer-Gruppe im Geschäft Koukal gütlich tun wollte. Das hatte einen besonderen Grund, weiß Thomas Koukal aus der Enkel-Generation: "Die haben denen manchmal etwas zugesteckt." Was den Koukals damals drohende Ankündigungen ihrer NS-Mitbürger einbrachte: "Ihr werdet auch noch abgeholt." Dazu kam es aber nicht.

Überraschenderweise fanden sich im Nachkriegs-Pegnitz auch rund 80 Juden zu einer neuen Gemeinde zusammen. So zumindest die Recherchen von Stadtarchivar Andreas Bayerlein. Diese jüdische Gemeinde gab es nur bis 1949 oder 1950. Dann wanderten viele Juden nach Amerika oder Israel aus. Oder verstarben.

Aufruf an die Leserschaft

Liebe Leserinnen und Leser,

in vielen Familien gibt es noch Erinnerungen an die Zeit rund um das Kriegsende vor 75 Jahren – Tagebücher, Fotos, teils auch Filmaufnahmen, die zeigen, was in diesen dramatischen Wochen hier in der Region, in unserer Stadt geschehen ist. Wir möchten Sie darum bitten, uns solche Erinnerungsstücke aus Pegnitz, Auerbach oder der Fränkischen Schweiz zur Verfügung zu stellen. Unsere Redaktion sichtet dann diese Fundstücke und stellt eine Auswahl in unserer Zeitung sowie online vor.

Bitte melden Sie sich bei den Nordbayerischen Nachrichten, redaktion-pegnitz@pressenetz.de, oder Kleiner Johannes 21, Pegnitz. Vielen Dank!

Ihre NN-Redaktion VON FRANK HEIDLER

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