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Piazolo in der Kritik: Normales Abi auf Biegen und Brechen?

Viele Schüler, Lehrkräfte und Eltern fühlen sich im Stich gelassen - 05.05.2020 09:30 Uhr

Schüler und Eltern werfen Kultusminister Michael Piazolo vor, bei den diesjährigen Abiturregeln eine zu starre Haltung zu haben.

© Foto: Sven Hoppe/afp


Aus der leisen Kritik einzelner Schüler, Eltern und Verbandsvertreter ist inzwischen ein vielstimmiger Chor geworden. Dieser stört sich – bei allem Lob für das bayerische Krisenmanagement in der Coronakrise insgesamt – an der in dieser Frage als zu starr empfundenen Haltung des Kultusministeriums und seines Ressortchefs, Michael Piazolo (FW).

Da ist zum Beispiel die Gymnasiastin aus Stein (Landkreis Fürth), deren Freude über den baldigen Schulabschluss "sehr gedämpft" ist, wie sie unserer Redaktion schreibt. Warum? "Ich bin enttäuscht und fühle mich im Stich gelassen vom Kultusminister und den Entschlüssen hinsichtlich des Abiturs 2020."



Nicht nur, so der Eindruck der Oberstufenschülerin, werde in dieser Notsituation den Vertretern des Corona-Abiturjahrgangs kaum das nötige Mitgefühl entgegengebracht. Offenbar solle das Abitur "auf Biegen und Brechen durchgezogen werden – auch, wenn das aus Sicherheitsgründen, Gründen der Bildungsgerechtigkeit und Gründen der Menschenvernunft absolut unüberlegt ist". Dabei gebe es eine Vielzahl von Alternativen zum planmäßigen Abitur, darunter Prüfungen auf freiwilliger Basis oder deren erneute Verschiebung.

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Nicht nur privilegierte Schüler

Auch das von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bereits ausgeschlossene Durchschnittsabitur hält die Schülerin aus dem Kreis Fürth für durchaus machbar. Für diese Form – keine eigenen Abiturprüfungen, nur die Berücksichtigung bereits vorhandener Noten – setzen sich ebenfalls zwei Gymnasiastinnen aus Würzburg per Online-Petition ein. Weit über 5000 Unterzeichner wissen die Fränkinnen bereits hinter sich.


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Wer glaubt, hier gingen überforderten Jugendlichen kurz vor wichtigen Prüfungen die Nerven durch, sieht sich nach wenigen Absätzen der Klagschrift aus Stein getäuscht. Statt ein Lamento in eigener Sache anzustimmen, nimmt sich die Verfasserin selbst aus. Schließlich gehöre sie zu "den privilegierten Schülern, die auch im Homeschooling einen funktionsfähigen PC und einigermaßen viel Ruhe vorgefunden haben".

Was aber ist mit denjenigen, deren Eltern nicht genügend Geld hätten für eine passende technische Ausstattung? Wie sieht es mit Schülern aus, deren Familienmitglieder Risikogruppen angehören? Wie mit jenen, die während der Abiturvorbereitung jüngere Geschwister betreuen müssen, während die Eltern arbeiten?

Viele ungeklärte Fragen treiben auch Eltern von Abiturienten aus dem Nürnberger Land um, die deshalb einen Offenen Brief nach München geschickt haben – mit dem Betreff: "Durchhalten um jeden Preis – Der falsche Ehrgeiz des bayerischen Kultusministeriums". Warum, fragen sich die Erziehungsberechtigten, wird in Bayern anders als in anderen Bundesländern auf den klassischen Prüfungen bestanden, obwohl es bereits eine Vielzahl vorhandener Leistungsnachweise gibt?

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"Massive Beeinträchtigungen"

Was die Eltern besonders ärgert ist, dass der Freistaat den diesjährigen Abiturienten offenbar lediglich mit der zweiwöchigen Verschiebung der Abschlussprüfungen entgegenkommen wolle. Tatsächlich müssen die Prüflinge, egal ob an Gymnasien, Fach- oder Berufsoberschulen, zudem vor dem Start ihrer Examen keinerlei Klausuren mehr schreiben. Auf diese Weise, erklärte Minister Piazolo unlängst, könnten sich die Schüler voll auf ihr Abitur konzentrieren. Und: Für fehlende Leistungsnachweise soll es faire "Günstigerregelungen" geben, so dass am Ende kein Schüler einen Nachteil erleide.

Den Eltern aus dem Nürnberger Land reicht das nicht. Sie befürchten "massive coronabedingte Beeinträchtigungen für die Abschlussschüler, die unter ganz anderen Voraussetzungen ihre Prüfungen zu absolvieren haben, als andere Jahrgänge und von deren Noten ihre jeweiligen weiteren Bildungschancen abhängen".

Zwar hoffen die Verfasser des Offenen Briefs weiter auf einen Sinneswandel bei den Entscheidungsträgern. Sicherheitshalber lassen sie zwischen den Zeilen aber schon einmal durchblicken, dass das vorgesehene Corona-Abitur, sollte es wirklich in der angedachten Form abgehalten werden, sicher anfechtbar wäre. Der Beginn der Abiturprüfungen ist trotz aller Kritik für 20. Mai vorgesehen.


Was halten Sie von Bayerns Plänen, trotz Corona die klassischen Abiturprüfungen schreiben zu lassen? Schreiben Sie uns eine Mail an nn-ihre-meinung@pressenetz.de – einen Brief an Nürnberger Nachrichten, Leserforum, Marienstraße 9-11, 90402 Nürnberg, oder kommentieren Sie unter www.nordbayern.de – Sollten Sie keine Online-Veröffentlichung Ihres Briefes wünschen, teilen Sie das bitte mit.


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