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Redakteurin erinnert sich: So war ihr Sommer als pubertierende "Ausländerin"

NN-Sommerserie: Unsichtbarer Goldstaub im Röthelheimbad - 11.08.2020 09:42 Uhr

Einfach ein Mädchen unter vielen sein: Für unsere Autorin erfüllte sich dieser Wunsch im Freibad.

© Foto: Hans-Joachim Winckler/Bearbeitung NZ


Es ist ein Fluch, in Erlangen aufzuwachsen. Jedenfalls, wenn die Eltern ein Restaurant in Nürnberg haben. Es liegt außerhalb der Vorstellungskraft vietnamesischer Mütter und Väter, die Teenie-Tochter an Freitagen und Samstagen zu Hause zu lassen, damit diese in Ruhe an der Pubertät leiden könne. Pünktlich um 17 Uhr schlugen die Autotüren zu, mein Vater stets in genervter Hektik, meine Mutter zählte während der rund halbstündigen Fahrt nach Nürnberg-Gostenhof auf, was heute noch alles erledigt werden muss. Wenn sich um 17.30 Uhr der Schlüssel drehte und ich das "Asialand" betrat, bimmelte das Glöckchen über der Eingangstür. Mich überfiel augenblicklich Gemütsschwere. Ich war 14 Jahre alt und gefangen zwischen der Küche, in der das schmutzige Geschirr nicht weniger wurde, und der Theke, an der ich die Befehle meiner Mutter entgegennahm.

Meine Freundinnen dagegen: in unbändiger Freiheit. Wahrscheinlich saßen sie zusammen und aßen Eiscreme. Sie erzählten sich Geheimnisse und vermissten mich nicht. Warum auch? Ich war sowieso fast nie dabei. Weil Jungs mit dabei waren, es zu spät und dunkel war, weil ich in Nürnberg mitarbeiten musste, weil ich auf meine kleine Schwester aufpassen sollte.

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Die Pubertät fühlte sich an, als hätte man mir einen Kübel mit Sirup über den Kopf geschüttet, nun lief mir die zähe Masse langsam über den Körper und verklebte Gegenwart und Zukunft. Wann war ich endlich erwachsen und konnte leben, wie ich es mir wünschte? Die Tage wollten nicht enden.

Nur an einem Ort war das anders: Das Röthelheimbad war 20 Minuten mit dem Fahrrad vom Haus meiner Eltern entfernt. Man konnte in den Sommerferien sicher sein, dass immer jemand aus der Klasse da war, auf der Ruhewiese, ganz hinten rechts. Nur hier verflog die Zeit. Hatte man Glück, hielt gerade die Jahrgangsschönste Audienz, ein großes blondes Mädchen, das auch im Bikini den Bauch nicht einziehen musste. Dann waren viele Jungs da, und überhaupt fiel auf alle Anwesenden etwas vom unsichtbaren Goldstaub, der dieses Mädchen umflirrte.

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Man kramt ein Buch aus dem Rucksack, liest es nicht, sagt wenig, schließt auf dem Bauch liegend die Augen, das Kinn auf die Faust gestützt. Es ist heiß, von den Schwimmbecken wehen Lachen und Kreischen herüber, Chlor hängt in der Luft. Uncool und aus Vietnam – ich mache meinen Frieden mit mir. Für diesen Sommermoment.

Wasser ist ein Gleichmacher

Migrationshintergrund hieß 1989 "Ausländer", der Begriff schloss alle ein, die dunkler aussahen als der große Rest. Das Mädchen aus Rumänien und der Junge aus Jugoslawien verstanden sich daher nicht als Ausländer. Ich mich schon und dazu musste ich nicht einmal Ngoc heißen. Mit der Knubbelnase und dieser Hautfarbe wäre ich niemals als eine Susi oder Jenny durchgegangen.

Hans, ein netter Kerl aus der Klasse, erklärte mir einmal: "Niemand will mit einer Ausländerin gehen." Es tat ihm aufrichtig leid für mich, das konnte ich am Telefon hören. Ich fühlte mich unendlich einsam.

Am Schwimmbecken schrumpften die Unterschiede. Hier kreischten die Mädchen, wenn die Jungs sie jagten, man musste dazu nicht die Jahrgangsschönste sein, einfach nur jemand, der nass wurde. Ein Sturz ins Becken ist erschreckend kalt, ein langes Bad färbt Lippen blau und macht Fingerkuppen runzlig.

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Wenn man mit geöffneten Augen taucht, hat man danach rote Augen. Bei jedem ist das so. Wie alle Elemente wirft auch Wasser den Menschen auf sich selbst zurück. Ein großer, gütiger Gleichmacher.

Einmal rief mich ein Klassenkamerad an, im Restaurant, ich weiß nicht mehr, wer es war und woher er die Nummer hatte. Es war ein später Freitagnachmittag in einem Winter, das vergesse ich nie. Die Stimme im Telefon fragte, ob ich mitkommen möchte, alle – alle! – träfen sich heute Abend im Frankenhof, im Hallenbad, ich käme doch auch?

Ich war so verzweifelt, dass ich kaum antworten konnte. Selbst wenn ich meine Eltern überreden würde – wer sollte mich denn nach Erlangen fahren? Ich sagte ab, mit gefasster Stimme. Und in der Gewissheit, die Gelegenheit meines Lebens verpasst zu haben. Ich habe mich geirrt.

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