Rost-Kur für das Eigenheim

1.10.2011, 07:00 Uhr

© Achim Bergmann

Täglich rauschen tausende Autofahrer an ihnen vorbei, doch von der vielbefahrenen Straße nach Laufamholz in Nürnberg sind sie kaum zu sehen, die sogenannten Stahlhäuser. Hinter hohen Mauern steht hier ein Stück fränkischer Baugeschichte.

Die Geschichte der MAN-Stahlhäuser nimmt ihren Anfang kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als Deutschland in Trümmern liegt. Wohnraum ist ein äußerst knappes Gut. Die Motorenwerke Augsburg-Nürnberg (MAN) sehen die Not und reagieren. Das Unternehmen stellt 1946 eine Innovation vor, eben das Stahlhaus. Es war schnell auf- und abzubauen, leicht zu transportieren, Wasser, Strom, Küche waren mit drin. In der Not der Nachkriegszeit schien ein solches Projekt Erfolg zu versprechen.

Die Planer bei MAN legten sich ins Zeug. Sie bauten den anfangs noch primitiven Prototyp von 1946 Stück für Stück aus: Heizung, Satteldach, Lochfassade, mit Klappläden verdeckte Sprossenfenster – die Häuser waren „schlicht, aber anheimelnd und bei aller Sachlichkeit etwas für das deutsche Gemüt“, so urteilte Architekt Hans Schneider noch 1949 in einem Gutachten.

Doch das Stahlhaus floppte dennoch. Nur 230 Stück gingen vom Band, 1953 wurde die Produktion eingestellt. Heute stehen nur noch etwa 40 Exemplare, sechs davon in Nürnberg. Für Brigitte Weih ist der Misserfolg der Stahlhäuser ein Rätsel: „Mich wundert es wirklich, dass sich das nicht durchgesetzt hat.“

Familie Weih lebt schon in dritter Generation in ihrem Stahlhaus in Laufamholz, nahe der Pegnitz. Sie fühlt sich dort wohl. Der Großvater hat das Haus gekauft, mit einem schönen Grundstück hinunter zum Wiesengrund. „Früher war es hier noch schöner. Da fuhren ja kaum Autos“, seufzt Brigitte Weih. Doch auch innerhalb der vier Wände ist es lauter geworden: Ihr Enkel Alexander ist mit seiner Frau Monica eingezogen und saniert das Stahlhaus Stück für Stück in Eigenregie.

Der Zahnarzt aus Buchenbühl hat den weißen Kittel wie so oft am Wochenende gegen einen Blaumann getauscht. Er zeigt auf eine Stelle neben dem Ofen im Wohnzimmer: „Die Wand hier schraube ich ab. Da soll mehr Licht rein.“ Der Vorteil eines Stahlhauses liegt für ihn auf der Hand: „Das ist wie ein Legohaus. Man kann die Innenwände umbauen, wie man will.“

Simple Konstruktion

Die Grundkonstruktion ist tatsächlich simpel. Die vier Außenwandmodule aus Stahl werden aneinandergeschraubt, innen sind Hartfaserplatten auf einem Holzrahmen befestigt, dazwischen kommt die Isolierung. Wie bei fast allen Fertighäusern liegen Rohre und Elektrokabel in den Hohlräumen. Die Innenwände haben die Weihs verputzt und geweißt, auch um die vielen Ahnenbilder ordentlich in Szene zu setzen. Schwere Ölgemälde sind tabu. Dafür ist die Wand zu dünn.

Ungewöhnlich ist die Dachkonstruktion. Das Grundgerüst ist aus Stahl, und statt schwerer Ziegel liegen dort leichte Kunststoffplatten. „Zu tun gibt es immer was“, erklärt Alexander Weih. Das Werkeln macht ihm aber sichtlich Spaß. Das Haus halten zahllose Schrauben zusammen, „aber locker ist keine, die sitzen alle fest“, grinst der Heimwerker.

Was dem Stahlhaus allerdings zu schaffen macht, ist Feuchtigkeit. Die Weihs haben entdeckt, dass die Fassade rostet. „Das ist wie bei einem alten Auto,“ Also ab auf den Schrottplatz? Keineswegs. Nach vielen Telefonaten hat Alexander Weih eine Firma gefunden, die mit schwerem Gerät anrückte, einem großen Sandstrahlgebläse. Die Familie musste für drei Wochen alle Fenster und Türen verrammeln und besorgte dann den denkbar besten Schutz für die im Wortsinn angefressenen Außenwände: Schiffslack. Der hält die Hauswände nun wunderbar trocken – und das im Idealfall noch einige Jahrzehnte. „Toi, toi, toi“, raunt Mutter Weih, „die nächste Rostkur erleben wir hoffentlich nicht mehr.“

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