Dienstag, 13.04.2021

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75 Jahre Kriegsende: Als Roth vor dem Verhungern war

Die Stadtverwaltung musste oft bis an die Grenzen der Belastbarkeit gehen. - 19.04.2020 06:23 Uhr

In der Rother Gärtnerei Basso stapelten sich die Gurken. Zwei Tage in der Woche konnte sich die Bevölkerung in den Notzeiten nach dem Krieg mit Gemüse versorgen.

17.04.2020 © Archivfoto: Blumen-Basso/privat


Einen Tag, nachdem Bürgermeister Groß die Stadt an die Amerikaner übergeben hatte, wurde in Roth eine Ausgangssperre verhängt. Außerdem mussten viele Familien auf Befehl der Besatzungsmacht ihre Häuser räumen. In der Bahnhofstraße traf es Gebäude mit ungeraden Hausnummern. Betroffene wie die Familie Reinel suchten Zuflucht in den gegenüberliegenden Gebäuden. Auch in der Kugelbühlstraße und Traubengasse halfen sich die Nachbarn gegenseitig. Der Handleiterwagen von Anni Honig tat gute Dienste.


Vor 75 Jahren: US-Bomber drehten im letzten Moment ab.


Die Familie von Elisabeth Grimm hatte sich bei einem der letzten Fliegerangriffe in den Keller geflüchtet. Zum Glück. Denn auch ihr Haus in der Bahnhofstraße wurde getroffen. Stärker als das Wohnhaus waren die Fabrikationsräume betroffen, die ohne Dächer einen traurigen Anblick boten. Tags darauf bat die Mutter ihre Tochter Elisabeth, bei den Großeltern nach dem Rechten zu sehen. "Hier sah es böse aus", brachte Elisabeth Grimm 50 Jahre später ihre Erinnerungen für eine Gedenkveranstaltung der Stadt Roth zu Papier.

Die Amerikaner wollten Donuts

Auch bei den Grimms quartierten sich Amerikaner ein. Die Färberei möglichst schnell wieder zum Laufen zu bringen, erwies sich als schwieriges Unterfangen. Für den großen Kessel gab es kaum Heizmaterial. Elisabeth Grimm fuhr mit dem Fahrrad nach Nürnberg, um Farben für die Produktion zu besorgen. Im Waschhaus wurde eine provisorische Färberei eingerichtet. Drei Mitarbeiter waren im Einsatz. Vor dem Krieg zählte die Belegschaft 20 Männer und Frauen. "An ein geregeltes Arbeiten war bei uns lange Zeit nicht zu denken", so Elisabeth Grimm.

Bei der Bäckerei Kroner in der Ziegelgasse konnte der Backofen regelmäßig beheizt werden. Der Familie gehörte ein kleines Waldstück. Amerikanische Soldaten, die im nahen Schloss feudal untergebracht waren, gelüstete es nach Donuts, einer handtellergroßen Spezialität aus Hefe- oder Rührteig, und sie forderten den Bäckermeister auf, sich ans Werk zu machen. Mit dem Gewehr im Anschlag.

Unsanft geweckt

Werner Kroner, der damals knapp zwölfjährige Sohn der Bäckersfamilie, kann sich noch gut an diese Szene erinnern. Die bedrohliche Situation löste sich aber rasch in Wohlgefallen auf. Die Amis forderten ihre unfreiwilligen Gastgeber auf, ebenfalls zuzulangen und sich mit Bohnenkaffee zu bedienen. Die Gewehre standen zu diesem Zeitpunkt längst in der Ecke. Da einer der Soldaten sehr ordentlich deutsch sprach und Kroner Junior in der Schwabacher Oberrealschule Englisch-Unterricht hatte, funktionierte die Verständigung. Zufrieden mit sich und der Welt stiefelten die Amis nach der Kaffeetafel zurück zum Schloss, während die Kroners ihre Schlafräume aufsuchten. Wenig später wurden sie recht unsanft geweckt: Jemand trommelte gegen die Haustür. Es waren die amerikanischen Donuts-Genießer. Sie hatten beim Abmarsch ihre in der Backstube deponierten Gewehre vergessen ...


In den letzten Kriegstagen: Schrank wurde zur tödlichen Falle


Bei der Gärtnerei Basso hatten sich die Schäden durch feindliche Angriffe in Grenzen gehalten. Da der Vater von Benno Basso und sein Onkel zum Kriegsdienst eingezogen waren, oblag dem Großvater von Benno die Führung des Betriebs. Zwei Fremdarbeiter aus Polen standen ihm dabei zur Seite. Beide sagten gegenüber den Amerikanern aus, dass sie die Familie Basso stets sehr gut behandelt habe. Daraufhin verzichteten die Militärs auf Repressalien. Was vielen Rothern insofern zu Gute kam, als sich die Gärtnerei angesichts der Notzeiten auf den Gemüseanbau spezialisierte. Zwei Tage in der Woche konnte sich die Rother Bevölkerung mit Salat, Gurken und anderem Gemüse eindecken. Wenn sich um sechs Uhr früh die Gartentür öffnete, wartete eine lange Schlange von Menschen, die oft bis zur gesprengten Rothbrücke reichte. Da auch zahlreiche Mitarbeiter der benachbarten Leonischen Drahtwerke ihren Arbeitsplatz verließen, um frisches Gemüse zu kaufen, verständigten sich Firmenchef Thoma und der Gärtnermeister auf ein System, das auf Bestellzetteln und Lieferung per Elektrokarren der Drahtwerke basierte.

Der Bevölkerung Hoffnung geben

Benno Basso, der 1966 die Gärtnerei übernahm und später zum Präsidenten des Bayerischen Gärtnereiverbandes aufstieg, war meist dabei, wenn die Bestellungen auf das Leoni-Gelände transportiert wurden. Dass Benno Bassos Großvater als einer der ersten Rother mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, verdeutlicht die wichtige Rolle der Gärtnerei Basso bei der Versorgung der notleidenden Bevölkerung. Landrat Eugen Tanhauser und Bürgermeister Heinrich Pürner sprachen bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes unisono von einer "großartigen Leistung" des Gärtnermeisters.

Das öffentliche Leben in Roth wieder halbwegs in geordnete Bahnen zu bringen und der Bevölkerung Hoffnung zu geben, erwies sich als schwieriges Unterfangen. Wohnungsnot und die Versorgung mit Lebensmitteln und Heizmaterial waren die drängendsten Probleme. Nur wenige Stunden, nachdem sich Bürgermeister Robert Groß das Leben genommen hatte, setzte der Vertreter der amerikanischen Militärregierung, Captain Max Andrews, auf Vorschlag des Katholischen Stadtpfarrers German Mayr den Fabrikanten Dr. Ernst Supf zum vorläufigen Bürgermeister der Stadt Roth ein.

Zunächst wurden alle Beamten der Stadtverwaltung verpflichtet, auf ihren Posten zu bleiben. Später wurden zwei Dutzend Beamte wegen ihrer Verflechtungen mit dem Nationalsozialismus vom Dienst suspendiert.Das Amtszimmer im Rathaus sei vom Morgen bis in die Nacht überfüllt gewesen, heißt es in Supfs "Bericht über die Tätigkeit der Stadtverwaltung vom 22. April 1945 bis zum 22. Oktober 1945". Hier drängelten sich alle: die Führer der amerikanischen Truppen, die Vertreter der ausländischen (Zwangs-)Arbeiter, Behördenvertreter, Ärzte, Flüchtlinge und Hunderte von Rother Bürgern. Supf merkte an, dass die Grenzen der Leistungsfähigkeit seiner Beamten wiederholt überschritten wurden.

Anordnung, die Läden wieder zu öffnen

Am 1. Mai 1945 erhielt Supf vom Landratsamt Schwabach die ersten Anordnungen. Außerdem galt es, die Befehle der Militärregierung umzusetzen. Waffen mussten eingesammelt und eine Meldepflicht für Wehrmachts- und Parteiangehörige sowie Mitglieder von SS und SA eingeführt werden. Die von der Militärregierung in Schwabach festgelegte Ausgangszeit war anfangs auf je eine Stunde vormittags und nachmittags beschränkt. Ab dem 20. Juli 1945 legten die Amerikaner die Ausgangssperre für die Einheimischen auf die Zeit von 21.30 Uhr bis fünf Uhr morgens fest. Zudem benötigte jeder Rother, der außerhalb von Roth etwas zu tun hatte, einen Passagierschein.

Zu Supfs ersten Amtshandlungen zählte die Anordnung, alle Lebensmittelläden, Apotheken und Drogerien wieder zu öffnen. Die Abgabe von Lebensmitteln erfolgte nur auf Marken. Der Milchversorgung galt besonderes Augenmerk. Mit Kleinkindernahrung sollte Kinderkrankheiten und der Sterberate von Säuglingen entgegengewirkt werden.

August Zink, wie Supf Fabrikant, übernahm die Städtischen Werke. Für das Krankenhaus und die ärztliche Versorgung war Dr. Johannes Schmidt verantwortlich. Stadtkämmerer Christian Häslein betreute das Wohnungs- und Quartierwesen. In das Wohlfahrtsamt berief Ernst Supf Dekan Hermann Giese und Stadtpfarrer German Mayr. Die Kinderbetreuung beaufsichtigte Schwester Else Bömoser. Später wurde die Torfgewinnung Ernst Jäger übertragen, die Stadtbrauerei erhielt mit Hans Schindler einen kaufmännischen Leiter. Für die Landwirtschaft holte Ernst Supf den Landwirt Georg Lösel. Bei Feuerwehr und Rotem Kreuz galt es, Autos und Geräte instand zu setzen. Die auf ärztlichem Sektor getroffenen Maßnahmen sorgten laut Supf für einen "zufriedenstellenden Gesundheitszustand der Bevölkerung". Medikamente besorgte er.

60.000 Ziegelsteine

Die Versorgung mit Strom und Wasser, die aufgrund der gesprengten Brücken zunächst große Schwierigkeiten bereitete, funktionierte ab Mai wieder. Als eine der schwierigsten Aufgaben bezeichnete Supf die Betreuung und Unterbringung von ausländischen Zwangsarbeitern. Mit großem Aufwand wurden in Fabrikhöfen Unterkünfte errichtet und die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt. Die Militärregierung bescheinigte der Stadtverwaltung, die Unterbringung von Ausländern vorbildlich geregelt zu haben.

Das Arbeitsamt und das Ernährungsamt standen unter Supfs Obhut, wobei das Rother Arbeitsamt die erste derartige Einrichtung in ganz Bayern war, die nach Kriegsende den Betrieb wieder aufnahm. Der Bedarf an Arbeitskräften sei groß gewesen, so Supf. Die Besatzungsmacht brauchte für ihre Einrichtungen auf dem Fliegerhorst ständig einige hundert Männer und Frauen. Zudem vermittelte das Arbeitsamt Arbeitskräfte für die Instandsetzung der zerstörten Brücken. Ganz erheblich war auch der Bedarf an Helfern in der Landwirtschaft. Hier galt es vor allem, niedergebrannte Scheunen durch Baracken zu ersetzen.

Für den Wiederaufbau zerstörter Gebäude beschafften die Mannen um Bürgermeister Supf 350 Zentner Zement und 500 Zentner Kalk, Gips, Zementdielen, Schwemmsteine, Dachpappe und Glas für 3000 bis 5000 Fenster. Nägel wurden aus Draht gefertigt. In einem Zementbetrieb ließ Supf eine Ziegelmaschine aufstellen, die insgesamt 60.000 Ziegelsteine produzierte.

HANS PÜHN E-Mail

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