Donnerstag, 22.04.2021

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Aus Roth in die Welt: Rosa Schmidt und ihre Reisebusse

Rosa Schmidt war in den 1980er Jahren eine der wenigen Frauen in ihrem Beruf - 30.08.2020 06:02 Uhr

Als Fahrerin lenkte Rosa Schmidt ihren Bus souverän durch die Landschaft, betätigte sich nebenbei als Reiseführerin und behielt auf Straßenkarten stets den Überblick. 

28.08.2020 © privat


Touristische Busreisen sind inzwischen zwar wieder möglich, aber an die strengen Bedingungen der einzelnen Bundesländer geknüpft. Eine Mund-Nasen-Bedeckung ist genauso vorgeschrieben wie der Abstand von eineinhalb Meter zwischen den einzelnen Personen. Die Busse müssen zudem regelmäßig gelüftet werden. Außerdem soll die Klimaanlage soweit wie möglich nur mit Außenluftzufuhr betrieben werden.

Von einer Klimaanlage konnte Rosa Schmidt in ihrer Zeit als Busfahrerin nur träumen. Dafür versprachen die Reisen in ferne Länder auch ein wenig Abenteuer. Der Alltag mit Verkaufsfahrten, Betriebsausflügen oder Linienverkehr hatte aber auch seine Reize. So schwärmt Rosa Schmidt heute noch von den Fahrten beim Rother Ironman-Europe. Ihre Aufgabe war es, Presseleute aus aller Welt von einem Hotspot zum anderen zu fahren. Ein Rückblick auf ein interessantes Berufsleben.

Zeiten der Unerreichbarkeit

Auf der Fernstraße unterwegs ohne Navi, ohne Mobiltelefon, ohne Internet und damit ohne Musikstreaming-Apps? In den 1980er und 1990er Jahren, der letzten Epoche der Unerreichbarkeit, verließ man sich bei Fernreisen auf die Ehefrau, die mit dem aufgeschlagenen Shell-Atlas-Ungetüm auf dem Beifahrersitz saß, oder auf auskunftsfreudige Passanten, wenn man sich Innerorts verfranzt hatte. Wer aber mit dem Bus verreiste, verschwendete kaum einen Gedanken an schwer zu deutende Hinweisschilder oder unübersichtliche Abbiegespuren. Der Busfahrer wird’s schon richten. Ihm und seiner Routenwahl vertraute man. Und bei jedem Halt kamen die gleichen Fragen. Wann sind wir endlich da und wie wird das Wetter sein.

Der Part des professionellen Reiseführers lastete damals noch auf den Schultern der Buslenker. Rosa Schmidt kann ein Lied davon singen. Die Schwabacherin saß viele Jahre lang am Steuer eines Busses. Die längste Zeit war sie mit einem rot-weiß lackierten Bus des Rother Unternehmers Hermann Schlierf unterwegs. Allein mit dem für damalige Verhältnisse hochmodernen Fahrzeug der Marke "Setra" fuhr Rosa Schmidt eine Million Kilometer. Dazu kamen die Fahrten ins Ausland, die sie aufgrund der vorgeschriebenen Ruhezeiten mit einem Kollegen an der Seite zurücklegte.

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Dass eine Frau am Steuer eines großen Reisebusses saß, war Mitte der 1980er Jahre eher die Ausnahme. Rosa Schmidt, eine sehr aufgeschlossene und kommunikative Person, aber saß sehr gerne auf dem erhöhten Sitz vor der Frontscheibe. Die unterschiedlichsten Ziele ihrer Fahrten, das Kennenlernen fremder Länder und das Miteinander mit den ihr anvertrauten Personen machten für sie das Busfahren schlichtweg zum Traumberuf. Besonders schätzte sie den Respekt, der ihr als umsichtige Busfahrerin entgegenschlug. Gleich ob sie beim Triathlon Fotografen aus aller Welt zum Solarer Berg chauffierte, Gastarbeiter heimfuhr, weit entfernte Urlaubsziele ansteuerte oder eine Betriebsgemeinschaft zum nahen Brombachsee beförderte. Die Menschen vertrauten ihr und schätzten ihre sprichwörtlich gute Laune.


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Dabei musste der Fahrlehrer lange auf Rosa Schmidt einreden, den Busführerschein zu erwerben. Die guten Erfahrungen als Fahrerin eines Kleinbusses, mit dem sie für das Schwabacher Busunternehmen Kraus Jugendliche und Erwachsene zu den Lebenshilfe-Werkstätten beförderte, gaben schließlich den Ausschlag. Die damals schon 43-Jährige entschloss sich für den Erwerb des "Königsscheins", dem Führerschein für Lastkraftwagen und Busse. Ein Kraftakt. Schließlich arbeitete die Mutter zweier Kinder neben dem Job als Kleinbusfahrerin auch als Aushilfskraft in einem Hotel. An den Wochenenden ging sie zudem dem Küchenpersonal des Gasthauses "Sonne" zur Hand. Ihren Optimismus und ihre gute Laune aber verlor Rosa Schmidt trotz aller Arbeit nie. Auch nicht, als 100 (!) Fahrschulstunden und ein zehnwöchiger Erste-Hilfe-Kurs zusätzlich Kraft kosteten. Die Prüfungen bewältigte sie problemlos.

Grenzkontrollen als Nervenprobe

Mit dem Bus-Führerschein in der Tasche, begann für die Schwabacherin eine schöne Zeit. Beruflich von Schwabach zum Rother Busunternehmen Schlierf gewechselt, steuerte sie Urlaubsziele in Frankreich, Österreich, Italien oder auch im ehemaligen Jugoslawien an. Unterwegs war sie zudem zwischen dem Allgäu und der Ostsee. Selbst Fahrten in die damalige DDR standen auf dem Programm. Das Bild, wie eine ostdeutsche Grenzbeamtin ob der vielen Arbeit, die auf sie zurollte, die Hände über dem Kopf zusammenschlug, hat sie heute noch vor Augen.

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Grenzkontrollen erwiesen sich nicht gerade selten als eine Nervenprobe. Vor allem, wenn sie Gastarbeiter vom Nürnberger Willy-Brandt-Platz in ihre Heimatländer im Kriegsgebiet von Ex-Jugoslawien befördern musste. Selbst eine Waschmaschine oder ein Automotor gehörten zum Gepäck der Gastarbeiter. Für diese war die Zeit bei ihren Wochenend-Heimreisen ein knappes Gut. Deshalb konnte es mit der Fahrt gar nicht schnell genug gehen. Allerdings waren damals auf den Straßen der Krisenregionen nicht mehr als 80 Stundenkilometer erlaubt. Fuhr man zu schnell und tappte in eine der Kontrollen, kostete dies viel Geld. Nach einer langwierigen Grenzkontrolle ließ sich die Schwabacherin überreden, etwas mehr Gas zu geben. Ihre Mitfahrer hatten für den Fall der Fälle vorsorglich Geld zusammengelegt. Kaum war Schmidt’s Bus eine Zeitlang flotter als erlaubt unterwegs, wechselten die eingesammelten Scheine in die Hände von Polizisten.


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Viel lieber als an verlassene Dörfer und von Einschüssen gezeichnete Häuser in Ex-Jugoslawien erinnert sich die Mittsiebzigerin an eine Tour, bei der sie Lkw-Fahrer zum Osterurlaub nach St. Johann in Österreich chauffierte. Am Morgen des Rückreisetages spiegelte die eisglatte Straße einen überraschenden Wetterwechsel wider. Ihre "Kollegen" freilich zögerten keine Sekunde. Im Nu waren der rot-weiße Bus aufgebockt und die Schneeketten aufgezogen. So konnte Schmidt den Bus ohne zeitlichen Verzug sicher zu Tal lenken.

Mit einem Schmunzeln blickte Schmidt auch auf eine Fahrt mit Bundeswehrangehörigen zurück. Die Soldaten mussten nach einem längeren Einsatz in einem Krisengebiet am frühen Morgen vom Nürnberger Flughafen nach Hause gefahren werden. Während der Fahrt fing ein Rasierapparat nach dem anderen zu Surren an. Unrasiert wollte keiner der Soldaten bei seiner Familie aufkreuzen. Vielleicht ja sollte auch die einzige Frau im Auto, Rosa Schmidt, einen guten Eindruck von den Staatsbürgern in Uniform erhalten.

Erlebnis für Kinder und Fahrerin

Nicht selten erstreckten sich Reisen über einen längeren Zeitraum. Beispielsweise wenn die Schwabacherin mit einer Klasse der Rother Realschule eine Woche lang in Frankreich verbrachte. Die Tagesfahrten mit dem Bus waren dabei nicht nur für die Kinder ein Erlebnis. Sieben Jahre in Folge ging sie mit der Realschule auf große Fahrt.

Ein wesentlich härterer Job war es, täglich Frauen aus der Region Plauen zur Saisonarbeit bei der Cadolzburger Schokoladenfirma Riegelein zu befördern. Nachts um zwei fuhr sie in Plauen die ersten Sammelstellen an. Um sechs Uhr begann dann für die Saisonarbeiterinnen in Mittelfranken der Arbeitstag. Am späten Nachmittag erfolgte die Rückfahrt nach Thüringen. Dort übernachtete Rosa Schmidt zunächst im Bus, ehe ihr Arbeitgeber ein Einsehen hatte und die Kosten für die Hotelübernachtungen übernahm.

Am Ende ihrer beruflichen Laufbahn saß die Schwabacherin Rosa Schmidt am Steuer eines Linienbusses. In der Heimat Alt und Jung ans Ziel zu bringen, lag ihr genau so am Herzen wie Reisefahrten ins ferne Ausland. 

28.08.2020 © privat


Bei den vielen Kilometern, die Rosa Schmidt tagein, tagaus mit dem Bus unterwegs war, erlebte sie aufgrund von sorgsam gewarteten Fahrzeugen nur ganz wenige Pannen. Von Unfällen blieb sie bis auf eine (unverschuldete) Ausnahme verschont. Doch diese Ausnahme hatte es in sich. Auf dem Weg zur Burg Aufsess in der Fränkischen Schweiz kam ihr ein Bierlaster der Brauerei "Sonnenschein" entgegen, der nach einer Kurve immer mehr auf den Reisebus zusteuerte. Gedankenschnell lenkte Rosa Schmidt den vollbesetzten Bus an den äußersten Rand eines tiefen Straßengrabens. Ein paar Zentimeter weiter nach rechts und der Bus wäre mit Sicherheit umgekippt, schildert sie die dramatische Situation.

Trotz ihrer schnellen Reaktion aber riss das Brauereifahrzeug die linke Seite ihres Busses komplett auf. Dem Fahrer des Bierautos war der Gaszug gerissen. In seiner Not hatte er mit der Hand Gas gegeben und dabei einen Moment lang die Übersicht verloren. Den Insassen des vollbesetzten Busses stand zwar der Schreck ins Gesicht geschrieben, doch verletzt wurde zum Glück niemand.

HANS PÜHN E-Mail

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