Mittwoch, 19.05.2021

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Blühwiesen-Mischungen: Wirklich gut für Biene und Co?

Mit ihren Blühsamen hat die Stadt Roth großen Erfolg. Doch dienen sie tatsächlich der Artenvielfalt? - 09.04.2021 17:45 Uhr

Der leidenschaftliche Geobotaniker Karl-Heinz Donth achtet stets darauf, dass in seinem Garten einheimische Pflanzen wachsen – nicht zuletzt für den Erhalt schützenswerter Insekten.

08.04.2021 © Marco Frömter, NN


Binnen weniger Tage hat die Stadt Roth die komplette Auflage des diesjährigen Blumenmix „Rother Mischung“ restlos verkauft. Auch die „Schwabacher Goldmischung“ fand vor einigen Jahren zahlreiche Abnehmer. Mit der vielfältigen Mischung für eine einjährige Blumenwiese würden Gartenfreunde damit ein kleines Paradies für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Nektarsammler schaffen, verspricht die Rother Stadtverwaltung auf ihrer Internetseite.

Ob das Samentütchen diesem Anspruch allerdings gerecht wird, fragt sich momentan der leidenschaftliche Geobotaniker Karl-Heinz Donth. „In den von Steinen geprägten Städten sind Blumenwiesen eine willkommene Bereicherung der oft trostlosen Einheitsgärten“, erklärt der Rother Pflanzenspezialist. Solche Flächen würden nicht nur durch ihre bunte Vielfalt erfreuen, sondern - wenigstens zum Teil - früher übliche Blumenbeete ersetzen.

Donth vermisst auf der "Rother Mischung" allerdings eine Information, wer ihre Insektenfreundlichkeit untersucht hat. „Eine rein optische Einschätzung wird der Komplexität der Zusammenhänge nicht gerecht und ist mit erheblichen Zweifeln verbunden“, meint er. So werde bereits beim ersten Blick auf die „Rother Mischung“ deutlich, dass darin nur die Kornblume ein einheimisches Wildkraut sei - „mitten in einer Ansammlung von Kulturpflanzen ausländischer Herkunft“.

Nur eine heimische Wildart

Bei genauerer Betrachtung erkennt Donth: „Von 30 Arten sind 24 Kulturarten oder fremdländische Wildarten, fünf sind nicht gebietseinheimisch.“ Unter dem Strich habe er lediglich eine für die Region typische Pflanze in der Mischung gefunden. Unter ökologischen Gesichtspunkten seien verschiedene Insekten aber ausschließlich an gebietseinheimische Pflanzenarten gebunden. „Fehlt die Pflanzenart, dann kann auch die betreffende Insektenart nicht existieren.“

Natürlich ist sich Donth darüber im Klaren, dass auch viele weitere Faktoren für ein Artensterben verantwortlich sind: Pflegeleichte Gärten, Lichtverschmutzung, Zerschneidung der Landschaft und ein Wandel in der Landwirtschaft seien Faktoren, die zur Beschleunigung des Artentods beitragen.


Blühpatenschaft: Sinnvoll oder Augenwischerei?


„Eine Umkehr des Artensterbens ist weder durch die Rother Mischung möglich noch durch den Großteil der im Handel erhältlichen Samenmischungen für Blühflächen“, ist sich Donth jedoch sicher. „Das Märchen“ vom Erhalt der Artenvielfalt durch die Anlage von Blühflächen werde durch häufige Wiederholung nicht wahrer. Es werde immer deutlicher, wie erschreckend gering die Kenntnisse über ökologische Zusammenhänge seien und wie gering das Interesse sei, daran etwas zu ändern. „Diese Wissensdefizite gehen inzwischen so weit, dass nicht wenige unter den Naturschützern an die Insektenfreundlichkeit von Blühflächen glauben“.

Zu wenig sechsbeinige "Spezialisten"

Verschiedene Untersuchungen hätten ergeben, dass auf solchen Flächen fast ausschließlich „Generalisten“ unter den Insekten zu finden sind, aber kaum schützenswerte „Spezialisten“. Deshalb zieht Donth eine harte Bilanz: „Blühmischungen sind ein Geschäftsmodell, das entgegen der oft geäußerten Meinung für die Biodiversität der Insekten nur sehr wenig bringt.“

Um dem Artensterben entgegenzuwirken, empfiehlt Donth dagegen, für eine reich strukturierte Landschaft zu sorgen: „Das ist auch in Gärten möglich.“ Wesentlich sei der Verzicht auf Düngemittel und Pestizide. Geduld und intensive Pflege seien genug: „Eine Ansaat ist überhaupt nicht nötig. Kurzfristig auftretende Wunder dürfen nicht erwartet werden.“ Donth beschäftigt sich schon sein „ganzes Leben“ mit Pflanzen und hat bereits in den 1970er Jahren gut 1000 einheimische Pflanzen kartiert.

Insektenrettung ist gar nicht der Anspruch

„Mit der Rother Mischung erhebt die Stadtgärtnerei sicherlich nicht den Anspruch, die Welt der Biodiversität oder die der Insekten zu retten", verteidigt indes Bürgermeister Ralph Edelhäußer. Vielmehr gehe es der Stadtverwaltung darum, mit einfachen Mitteln ein klein wenig zur Verschönerung der Gärten und der Stadt beizutragen. „Selbst wenn nur ein Steingarten weniger zu finden ist, haben wir etwas gewonnen.“

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In die gleiche Kerbe schlägt Stadtgärtner Horst Hirschl: „Wir haben nicht die Intention, die Welt zu retten, sondern Hobbygärtnern eine kleine Bereicherung für den Garten oder Balkon anzubieten.“ Die komplexe Anlage einer mehrjährigen - auf Region und Standort abgestimmte - Wildblumenwiese werde jedoch an vielen öffentlichen Flächen von den Stadtgärtnern praktiziert. Fast alle Neuanlagen oder Umgestaltungen von "Straßenbegleitgrün", die noch vor wenigen Jahren mit gewöhnlichem Rasensamen eingesät wurden, würden nun zu mehrjährigen Wildblumenwiesen umfunktioniert. „Hierbei ist Geduld und ein nicht immer nachvollziehbares Pflegekonzept erforderlich“, so Hirschl. Dies alles sei „mit der Rother Mischung nie beabsichtigt worden: Sie soll einfach nur etwas Freude bereiten.“

Marco Frömter Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

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