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Bob-Anschieber aus Eckersmühlen in der Weltelite

"Wintersportler werden im Sommer gemacht" - 17.09.2020 10:59 Uhr

Trotz Corona hat Tobias Schneider gut lachen. Den Lockdown nutzte der Wintersportler zum eisernen Training.

17.09.2020 © Foto: Viesturs Lacis


"Wintersportler werden im Sommer gemacht", eine alte Trainerweisheit, die in unseren mittelfränkischen Gefilden eher wenig Beachtung finden mag, es gibt dennoch Ausnahmen. Einer der Exoten, auf den diese Beschreibung zutrifft, ist der Bob-Anschieber Tobias Schneider aus Eckersmühlen.

Aus der Leichtathletikabteilung des TV Eckersmühlen stammend und von Karl Nagengast zum Sprinter gemacht, fand er 2016 den Weg zur Formel 1 des Wintersports.

Schneider ist seit der Wintersaison 2016/17 Teil der deutschen Bob-Nationalmannschaft. Mittlerweile gehört er zu den besten Anschiebern der Welt und misst sich im Weltcup mit der Elite seines Sports. Ermöglicht wird ihm dies durch die Spitzensportförderung der bayerischen Polizei, der er seit 2017 angehört.

Diese Förderung ermöglicht ihm, den Sport professionell zu betreiben, doch wie ist professionelles Training in Zeiten von Corona möglich? "Während des Lockdowns war es sehr schwierig. Unser Olympiastützpunkt und alle Trainingsstätten wurden geschlossen. Ich habe mir deshalb ein Power-Rack in mein Wohnzimmer gestellt, und gesprintet bin ich auf wenig befahrenen Straßen und Wegen," blickt Schneider zurück.

Ehrgeiziger Anschieber im Bob aus Eckersmühlen: Tobias Schneider hat sich bis in die Weltspitze geschoben.

17.09.2020 © Foto: Viesturs Lacis


Die Möglichkeiten waren stark eingeschränkt, aber Schneider wusste sich zu helfen, auch wenn er von vorbeilaufenden Passanten oftmals verdutzt betrachtet wurde und die Nachbarn des Öfteren nach dem Rechten gesehen haben, wenn mal wieder die Gewichte flogen.

Doch der Eckersmühlener ließ sich dadurch nicht beirren, denn er startete mit viel Motivation in die Vorbereitung auf die neue Saison. Er war kurz vor dem Lockdown von Bundestrainer Rene Spieß in den Olympiakader des deutschen Bob- und Schlittenverbands berufen worden. Schneider gehört damit jetzt zu den 20 besten Bob-Athleten in Deutschland.

Idealer Saisonstart

Der Anschieber: "Die Berufung in den Olympia – Kader kam nach der Saison nicht ganz überraschend, hätte mir jedoch jemand vor der Wintersaison 2019/20 gesagt, dass ich eine solche Saison erleben würde, dann hätte ich das nicht geglaubt." Für Schneider und sein Team um den Bobpiloten Christoph Hafer, mit dem er 2018 Vize-Juniorenweltmeister wurde, startete die Saison ideal. Sie wurden deutscher Meister in der Königsklasse, dem Vierer-Bob, und qualifizierten sich für die ersten Weltcup-Rennen in Amerika. Kurz vor Silvester ging es in eine zweite Selektion, und da lief es nicht nach Wunsch. Das Team um den Eckersmühlener konnte sich nicht empfehlen und so ging es anstatt zum Weltcup nach Winterberg nach Hause.

"Das war wirklich keine einfache Situation", blickt er zurück, "aber ich habe mir zwei Tage Zeit genommen und bin dann mit einem freien Kopf wieder ins Training gegangen." Da die Leistungsdichte in Deutschland extrem hoch ist, messen sich die Anschieber unabhängig von ihren Teams bei Leistungstests, ein solcher stand fünf Tage nach dem Ausscheiden in der Selektion erneut an: "Ich wollte einfach zeigen, was ich kann und mich danach in den Winterurlaub verabschieden."

Fünften Platz gesichert

Doch es kam ganz anders. Schneider gewann auf seiner Position, und im Zweier-Wettbewerb musste er sich nur einem Konkurrenten geschlagen geben. Was folgte, war wie ein Traum, denn einen Tag später fuhr er nicht – wie geplant – in den Winterurlaub nach Österreich, sondern nach La Plagne zur nächsten Weltcup-Station: "Ich wusste gar nicht, wie mir geschieht. Ind ich habe ein paar Tage gebraucht, um das alles zu realisieren."

Doch dafür war keine Zeit, denn kaum in La Plagne angekommen, teilten ihm die Trainer mit, dass er das Rennen fahren wird und nicht – wie ursprünglich kommuniziert – "nur" als Ersatzmann dabei ist. Und so sicherte sich Schneider mit dem Piloten Richard Oelsner den fünften Platz in La Plagne in der Zweier-Bob-Wertung. Dieser Platzierung folgten ein dritter Platz in Igls und ein Vierter am Königssee.

Außerdem schaffte Schneider den Sprung in den Vierer-Bob von Nico Walther, Zweiter der Olympischen Winterspiele 2018. Dieser Einsatz endete jedoch tragisch für Schneider, denn der Eckersmühlener stürzte im Training und im Wettkampf schwer. Die Folge war verheerend und sollte ihn die Teilnahme an der Heim-WM kosten, denn bei dem Sturz riss sich Schneider die Beugesehne von Ring- und kleinem Finger.

Alle Kräfte mobilisiert

"Nach dem Sturz war es schwer für mich. Ich hatte unglaubliche Schmerzen in meinem linken Arm, aber ich wollte mir den Weltcup auf meiner Heimbahn am Königssee vor meiner Familie und meiner Freundin nicht nehmen lassen." Schneider biss sich durch und mobilisierte im zweiten Lauf des Zweier-Wettbewerbs alle Kräfte.

Das Resultat war die zweitbeste Startzeit des Tages hinter dem Olympiasieger Francesco Friedrich mit seinem Anschieber Thorsten Margis. Ein grober Fahrfehler im Ausgang des Kreisels machte alle Hoffnungen auf einen Podestplatz zunichte.

Für Schneider war es dennoch der Höhepunkt der Saison: "Das Schönste an dem Tag war, dass ich nach dem Rennen meine Freundin und meine Eltern in den Arm nehmen konnte und nicht, wie in Igls, in sorgenvolle Gesichter geblickt habe. Abends in der Pizzeria konnten wir ein bisschen feiern."

Weiter ging es zur vorerst letzten Weltcup-Station nach St. Moritz, wo er sich im Bobteam Lochner im Vierer-Bob beweisen durfte. Herausragende Startzeiten und ein dritter Platz zeigten ein weiteres Mal, dass Schneider ein hohes Niveau erreicht hat und dieses über eine Saison halten kann.

Hand wiederhergestellt

Eine Woche nach diesem Erfolg kam die Ernüchterung. Die Schmerzen im Unterarm wurden nicht besser, und eine vom Verbandsarzt angeordnete eingehende Untersuchung ließ die schlimmsten Befürchtungen wahr werden. So wurde Schneider wenige Tage vor Beginn der Weltmeisterschaften an der Hand operiert: "Die Zeit danach war wirklich hart, die Fortschritte in der Beweglichkeit der Finger waren kaum spürbar, und eine Behandlung wurde aufgrund der Corona-Einschränkungen immer schwieriger."

Mittlerweile ist die Hand wiederhergestellt und der Lockdown einigermaßen überstanden. Schneider kann an seinem Olympiastützpunkt wieder fast uneingeschränkt trainieren, denn es ist klar, dass er nach einer solchen Saison mehr will. Seine Ansage ist dabei deutlich: "Ich will zu den Olympischen Spielen 2022 nach Peking fahren."

Die Grundlage dafür hat er geschaffen, jetzt gilt es, gesund zu bleiben und die ihm verbleibenden Sommer zu nutzen, denn "Wintersportler werden im Sommer gemacht".

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