Sonntag, 18.04.2021

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Brauereien: Bier wird teilweise weggeschüttet

Der Lockdown bringt auch für die Brauereien wirtschaftliche Einbußen. - 17.02.2021 17:00 Uhr

Von solchen Szenen kann auch Herrn-Bräu-Chef Gerhard Bonschab (links) derzeit nur träumen. Große Veranstaltungen wie das Schwabacher Bürgerfest, hier 2019, sind eine wichtige Säule des Absatzes. Umso mehr hofft er auf ein Ende des Lockdowns.

17.02.2021 © Archivfoto: Günther Wilhelm


Brauerei Spalt: Bürgermeister Udo Weingart, der auch Geschäftsführer der städtischen Spalter Brauerei ist, nennt eine konkrete Zahl: "Die gesamte Branche hat einen Umsatzeinbruch von an die 25 Prozent". Das ist in Spalt nicht viel anders.

Der Unterschied zum ersten Lockdown: Der zweite dauerte mit nun schon drei Monaten erheblich länger, hat mit dem Dezember einen der umsatzstärksten Monate umfasst und eine weitere böse Überraschung parat: Zum Jahresanfang war der Bevölkerung die Lust zum Einkaufen vergangen: "Der Januar war nicht berauschend", konstatiert Udo Weingart, "das hätte keiner gedacht".

Der Verkauf von Flaschenbier durch den Einzelhandel ist das Standbein, das für die Brauereien den Ausfall der Gastronomie, der Feste und Weihnachtsmärkte abgefedert hat. Und nun das. Immerhin, die Kommunikation mit den Wirtshäusern war schon im Herbst so gut, dass jetzt das Wegschütten von überlagertem Fassbier für die Spalter kaum eine Rolle spielte. "Da blutet einem doch das Herz", bringt Weingart den Jammer der Branche auf den Punkt.

Den Blick hat Weingart auf Ostern gerichtet – aus zwei Gründen: Zunächst hält er diesen Termin realistisch für die Öffnung des Gastrobereiches, zum anderen wäre dann für die Branche der Ausfall des Osterurlaubs ein Segen. Weingart: "Unseren Verlust ausgleichen können wir nur, wenn es ab dem April top wird – und wenn die Leute zu Hause bleiben müssen".

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Pyraser Landbrauerei:  In der Herbst/Wintersaison fiel der Umsatzeinbruch durch die Schließung der Gastronomie deutlich härter aus als beim ersten Lockdown im Frühjahr. Brauereichefin Marlies Bernreuther strickt derweil an der Zukunft ihres Unternehmens und treibt den Bau eines Blockheizkraftwerkes voran, wobei sie auf die Expertise des Spezialisten KW Energie im benachbarten Freystadt setzt.

Ohne mit konkreten Zahlen dienen zu können, erläutert Öffentlichkeitsarbeiterin Christina McMullin die Gründe, warum der zweite Lockdown für die Pyraser Brauerei stärker spürbar war als der erste: "Von März bis Mai hat der lokale Einzelhandel mehr aufgefangen als im Winter. Das Mitnahme-Geschäft, das sowieso hauptsächlich das Essen betrifft, findet jetzt so gut wie nicht mehr statt." Noch ein Unterschied: Die Außenbereiche sind noch nicht wieder geöffnet.


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Das Wegschütten von überlagertem Fassbier, das vorige Woche bundesweit Schlagzeilen machte, war in Pyras kein Thema. "Wir haben aus dem ersten Lockdown gelernt und die Produktion umgestellt", so McMullin.

Langfristig setzt Brauereichefin Bernreuther auf die Modernisierung der Betriebsstätte: Die Füllerei wurde sukzessiv erneuert und ein neuer Lagerkeller auf dem Firmengelände gebaut.

Braumeister mit Rat und Tat

Bei diesen Projekten steht ihr stets Senior-Braumeister und Projektleiter Helmut Sauerhammer beratend zur Seite, der nun auch die aktuelle Neuerung mitgeplant hat, nämlich den Einbau eines neuen Blockheizkraftwerkes (BHKW). Das verwandelt Biogas der firmeneigenen Kläranlage sowie Gas der nahegelegenen Landkreisdeponie in Pyras in Strom und Wärme.

Das neue Blockheizkraftwerk kommt ganz aus der Nähe: Die Firma KW Energie, die von Andreas Weigel bereits in der zweiten Generation geführt wird, produziert mit ihren mehr als 60 Mitarbeitern seit 26 Jahren Blockheizkraftwerke in Freystadt und vertreibt diese europaweit.


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Die Pyraser Landbrauerei begann vor 30 Jahren mit der Stromerzeugung aus Gas. Nun wurde ein neues und effizienteres BHKW fällig. Darüber hinaus wird der Stromverbrauch des Unternehmens über eine eigene Solaranlage gedeckt sowie ein geringer Prozentteil an externem Ökostrom aus erneuerbaren Energien eingekauft. "Ich bin sehr stolz, dass wir zu 100 Prozent unseren Stromverbrauch über grüne Energie abdecken können. Für die Zukunft wünsche ich mir, noch autarker zu werden. Dieses Ziel haben wir auch fest im Blick", sagt Marlies Bernreuther.

Beim Fassbier geht gar nichts

Brauerei Gundel: Jörg Gundel führt bereits in fünfter Generation die Brauerei Gundel in Barthelmesaurach. "Wir sind ein Kleinstbetrieb", sagt er. Die Familie, ein Brauer, ein Fahrer. "Das hat jetzt den Vorteil, dass die Kosten nicht so hoch sind."

Dennoch schlägt der Lockdown auch bei ihm durch. "Beim Fassbier geht gar nichts." Schon im vergangenen Frühjahr hatte er deshalb Fassbier tatsächlich wegschütten müssen. Und das steht jetzt wieder an.

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"Vor dem zweiten Lockdown hatten wir im Oktober noch Fassbier abgefüllt. Die rund 4000 Liter stehen seitdem im Keller. Die Lager sind voll, aber wir bekommen das nicht mehr abverkauft", berichtet er. Beim Telefonat merkt man ihm an, dass er es selbst kaum glauben kann: "Bier wegschütten, das geht eigentlich gar nicht. Da blutet einem das Herz noch mehr als der Geldbeutel."

Gesunder Betrieb

Doch Jammern ist Gundels Sache nicht: "Gott sei Dank ist unser Betrieb sehr, sehr gesund. Die Existenz ist definitiv nicht bedroht. Die Brauerei steht top da. Wir haben in den vergangenen Jahren viel investiert." Für die Zukunft sieht er seine Brauerei deshalb gut gerüstet. Was auch und gerade in der Corona-Krise hilft, ist die Treue der Kunden. "Die Schließung der Gastronomie hat voll reingehauen. Aber die Direktabholung von Flaschenbier bei uns an der Brauerei läuft sehr gut", erklärt Gundel. "Wir sind auch froh, dass wir auch über den Handel verkaufen." Zudem hat die Brauerei einen Lieferservice eingerichtet. Und: Mit nichtalkoholischen Getränken haben sich Gundels schon lange ein weiteres Standbein geschaffen.

Dem Sommer sieht Jörg Gundel mit einer Mischung aus Hoffen und Bangen entgegen. Die Hoffnung heißt Ende des Lockdowns für die Gastronomie. "Aber ich fürchte, dass es auch heuer keine Kirchweihen gibt." Man werde weiter entsprechend reagieren und, je nach Bedarf, weniger Fassbier und dafür mehr Flaschenbier abfüllen. Am bewährten Konzept aber ändere sich nichts: Qualität aus der Region für die Region. Die werde auch Corona überstehen.

Alte Tradition

Leitner Bier/Herrn-Bräu: Schwabach hat eine Jahrhunderte alte Tradition als Bierbrauerstadt. Doch gebraut wird vor Ort nicht mehr, seit die Brauerei Leitner mit Herrn-Bräu in Ingolstadt eine Kooperation eingegangen ist und die Marken- und Vertriebsrechte verkauft hat. Dennoch ist Leitner-Bier bei vielen Schwabachern weiterhin sehr beliebt.

"Unser Getränkemarkt in Schwabach läuft gut, es gibt sogar eine leichte Steigerung", erklärt Herrn-Bräu-Geschäftsführer Gerhard Bonschab, der ein gern gesehener Gast bei der Bürgerfest-Eröffnung ist.

Das große Problem aber ist der erneute Lockdown. "Der Absatz an die Gastronomie fehlt uns komplett. Bei uns ist das einen Anteil von rund 40 Prozent", so Bonschab. "Das verursacht schon eine gewaltige Delle."

Immerhin konnte man sich noch schnell genug auf die zweite Welle einstellen, weshalb kein Bier in den Gully fließen muss. "Fassbier haben wir gar nicht mehr abgefüllt", so Bonschab.

Sein Blick nach vorne ist vorsichtig. "Vergangenes Jahr sind 500 Veranstaltungen, die wir beliefern sollten, ausgefallen. Auch heuer werden die Veranstaltungen noch nicht wieder voll hochfahren." Am wichtigsten aber sei ein möglichst schnelles Ende des Lockdowns. "Da täte uns jede Woche sehr gut."

Um die Existenz aber fürchtet man bei Herrn-Bräu nicht, versichert Bonschab: "Wir fahren auf Sicht, und wir halten durch."

 

PAUL GÖTZ, GÜNTHER WILHELM

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