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Das "Lieblings-Baby" von Georg Stich heißt LP 813

Ein alter Lastwagen aus Roth, der aber noch nicht ausgedient hat. - 13.07.2019 12:00 Uhr

Die Baureihe Mercedes-Benz LP 813 wurde bis 1984 gebaut. Heute ist das Modell aus dem täglichen Straßenbild verschwunden. © Foto: Martin Regner


Georg Stich aus Roth ist Zimmerer, mit Holz kennt er sich aus. In die Kategorie "Altmetall" hingegen fällt sein Lastwagen, ein Mercedes-Benz LP 813. Der Wagen stammt aus dem Jahr 1983 und schleppt noch tapfer schwere Balken auf die Baustelle, wenn sein Besitzer einen Dachstuhl aufrichten darf.

Sein Alter von nun schon 36 Jahren sieht man dem tüchtigen Lkw schon ein wenig an: Der Lack ist nicht mehr ganz frisch. Wo der Rost zugeschlagen hatte, wurde hier und da ein frisches Blech eingeschweißt. Auch der Bezug des Fahrersitzes hat schon bessere Zeiten erlebt. Auf dem Tacho stehen 392.800 Kilometer.

Der Kauf war ein Glücksfall

Aber der Dieselmotor mit seinen 130 PS gilt als unverwüstlich und schnurrt wie eine Nähmaschine, wenn sich Georg Stich hinter das Zweispeichen-Lenkrad schwingt und das Aggregat zum Leben erweckt. Elektronische Bauteile am Motor sucht man vergebens – genau wie am ganzen Lkw. Darin besteht einer der Gründe, für die lange Haltbarkeit des Lastwagens: Die Elektronik, die bei heutigen Fahrzeugen mitunter schon früh herumspinnt, kann bei Stichs Lkw schon mal nicht kaputt gehen.

An der Stoßstange prangt noch ein altes Nummernschild mit DIN-Beschriftung, wie es seit dem Jahr 2000 nicht mehr vergeben wird – auch das sieht man heutzutage nicht mehr oft. In Roth und Umgebung ist der Laster seit 1991 unterwegs. Vorher lief er in Bamberg für die Ferngas Nordbayern GmbH. Dass er den LP 813 im Jahr 1991 bei einem Händler entdeckte, betrachtet Georg Stich heute noch als Glücksfall: "Damals nach der Wende waren gebrauchte Lkw kaum zu bekommen." Der Grund: Nach dem Ende der deutschen Teilung waren West-Fahrzeuge im Osten sehr begehrt, auch in gebrauchtem Zustand. Der Markt im Westen war so gut wie leer gefegt.

Ersatzteile werden langsam knapp

Die Pritsche misst fünfeinhalb Meter in der Länge. In Kombination mit einem Nachläufer-Anhänger kann das Baumaterial für einen kompletten Dachstuhl transportiert werden. Die lange Ladefläche wird – so wie es früher im Nutzfahrzeugbau üblich war – von Bordwänden aus Holz begrenzt. Oft gebraucht wird der Laster heute allerdings nicht mehr: Ein Blick in die Neubaugebiete offenbart, dass Fertighäuser schwer in Mode gekommen sind. Traditionelle Dachstühle vom Zimmermann werden deswegen immer weniger gebraucht – und in der Folge muss auch der alte Lkw immer seltener unter seiner Überdachung an der Eisenbahnstrecke Roth-Hilpoltstein hervorgeholt werden.

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"Die großen Sieben": Laster-Legenden aus Deutschland

Nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Zeit des Wirtschaftswunders war der Markt für schwere Lastwagen in Deutschland noch wesentlich vielfältiger als heute. "Die großen Sieben" der Nutzfahrzeugbranche trugen die Namen Büssing, Faun, Henschel, Krupp, Magirus-Deutz, MAN und Mercedes-Benz. Fünf davon sind heute vom Markt verschwunden. Dafür genießen die imposanten Laster der 1950er bis 1980er-Jahre heute Kultstatus, nicht nur bei Oldtimerfreunden.


Hergeben will Georg Stich seinen betagten Lastwagen trotzdem nicht: "Das ist mein Lieblings-Baby", sagt er und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Solange es geht, wird der Lkw deswegen immer wieder geflickt. Auch wenn die Ersatzteilversorgung nach Jahrzehnten langsam knapp wird. Mercedes-Benz stellte die Fertigung der LP-Lastwagen 1984 ein; das ist jetzt 35 Jahre her.

Aber Georg Stich hat etwas übrig für Traditionen: Er ist Zimmermann in fünfter Generation. Sein Sohn hat das alte Handwerk ebenfalls gelernt und will den Betrieb fortführen. Wer weiß: Vielleicht läuft der alte LP 813 dann nochmal 36 Jahre. 

MARTIN REGNER E-Mail

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