Samstag, 20.04.2019

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"Der Landkreis Roth hält sich da etwas raus"

Schwabachs GeWoBau-Geschäftsführer Harald Bergmann appelliert an Städte und Gemeinden, Sozialwohnungen zu bauen - 10.02.2019 16:02 Uhr

Ein Beispiel für geförderten Wohnungsbau in Schwabach ist das GeWoBau-Projekt an der Fürther Straße. Links daneben wird sich die Stadt zudem selbst als Investor engagieren und 25 Wohnungen bauen. Vergangene Woche hat nun Hilpoltstein ein soziales Wohnbauprojekt auf der Dorotheenhöhe beschlossen. Dennoch: Für GeWoBau-Geschäftsführer Harald Bergmann besteht im Landkreis Roth enormer Nachholbedarf. © Archivfoto: Heinl


Herr Bergmann, wie viele Menschen warten derzeit darauf, dass eine GeWoBau-Wohnung frei wird?

Bergmann: Die Vormerkungen sind auf 1100 gestiegen. Und das sind keine Karteileichen, sondern diese Liste wird immer aktualisiert. Das wird immer schwindelerregender.

 

Wie viele Wohnungen hat die GeWoBau überhaupt zu vermieten?

Bergmann: Rund 1300. Mieterwechsel haben wir etwa 80 bis 100 pro Jahr. Das heißt: Wir können der Nachfrage gar nicht Herr werden.

 

Was sagen Sie den Leuten?

Bergmann: Wir müssen ehrlich sagen: Wir haben nichts. Wartezeiten von zwei Jahren sind normal. Klar, dass die Leute enttäuscht sind und sich beschweren.

 

Die 1100 Wohnungssuchenden auf Ihrer Warteliste: Wo kommen die
her?

Bergmann: Rund zehn Prozent kommen aus Nürnberg und momentan etwa 17 Prozent aus dem Landkreis Roth. Denn dort gibt es kaum geförderten Wohnungsbau.

 

Nach Auskunft des Landratsamts liegt die Zahl der geförderten Wohnungen, also der Sozialwohnungen, bei "etwas unter 400". Wie viele sind es in Schwabach?

Bergmann: Allein wir von der GeWoBau haben rund 600. Insgesamt liegt die Zahl aktuell bei 1003.

 

Wie bewerten Sie das?

Harald Bergmann wirbt für sozialen Wohnungsbau. Foto: Maurer


Bergmann: Die Zahlen sprechen für sich: Rund 1000 Sozialwohnungen in einer Stadt mit 40 000 Einwohnern, unter 400 in einem Landkreis mit 125 000 Einwohnern. Deshalb suchen viele Landkreisbürger eben auch in Schwabach eine Wohnung. Und deshalb ist die Situation im Landkreis auch unser Problem.

Also deutliche Kritik an der Nachbarschaft?

Bergmann: Ich will nicht kritisieren, aber ich will motivieren. Jeder soll seiner Verantwortung gerecht werden. Ich habe das Gefühl, der Landkreis Roth hält sich da etwas raus.

 

Sind die kleinen Städte und Gemeinden überfordert? Müsste der Staat mehr tun?

Bergmann: Im Landtagswahlkampf war der bezahlbare Wohnraum ein hoch emotional diskutiertes Thema. Da hieß es immer: Staatsregierung, tu’ was. Aber: Die Staatsregierung tut ja was. Seit 2016 gibt es das neue "Kommunale Bauförderprogramm" speziell für Städte und Gemeinden. Es werden 30 Prozent Zuschuss für geförderten Wohnungsbau bezahlt, wenn die Kommunen investieren. Aber das Geld wird kaum abgerufen!

 

Wir haben bei der Regierung von Mittelfranken nachgefragt. Von den 16 Gemeinden des Landkreises Roth hat nur Thalmässing diese Förderung beantragt. Schwabach plant in der Kreuzwegstraße 25 Wohneinheiten. Es ist damit sogar das größte Projekt in Mittelfranken im Rahmen dieser Förderung. Aber sind nicht selbst 25 Wohnungen nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein?

Bergmann: Ja, aber wir brauchen eben viele solcher Tropfen. Deshalb sendet Schwabach ein wichtiges Signal. In der Kreuzwegstraße ist in wenigen Wochen der erste Spatenstich. Zudem gibt es ja weitere Pläne für geförderten Wohnungsbau. Im Schwalbenweg dürfte für 33 Wohnungen 2020 Baubeginn sein.

 

Auch die GeWoBau hat ein Signal an die Landkreisgemeinden gesandt. Sie bieten Ihr Know-how bei Projekten an und waren schon in einer Reihe von Stadt- und Gemeinderäten. Was ist dabei herausgekommen?

Bergmann: Wir haben viele Charmeoffensiven versucht. Konkret ist ein Projekt in Hilpoltstein. Da sind wir bei Standortwahl, Planersuche und Antragsverfahren behilflich.

 

Und sonst?

Bergmann: In Rednitzhembach wurde das Thema sozialer Wohnungsbau sehr zurückhaltend behandelt. In Büchenbach war man anfänglich sehr offen. Kontakte gab es unter anderem auch mit Georgensgmünd, Kammerstein und Roth. Aber da kam keine Resonanz mehr.

 

Weshalb suchen Sie diese Zusammenarbeit, braucht die GeWoBau ein neues Geschäftsfeld, um Geld zu verdienen?

Bergmann: Wir tun das, um den Schwabacher Wohnungsmarkt zu entlasten. Das ist eine Aufgabe, die man auf viele Schultern verteilen muss. Deshalb hoffen wir, dass man sich auch im Landkreis Roth mit dem Thema nochmal neu auseinandersetzt. Egal, ob mit uns oder ohne uns.

 

Wenn das Problem so drängend ist und der Staat sogar neue Förderprogramme auflegt, wie erklären Sie sich dann diese Zurückhaltung?

Bergmann: Viele Gemeinden sehen zunächst eben die Investitionen und die Schulden. Aber geförderte Wohnungen sind kein Draufzahlgeschäft. Auch die Gemeinden profitieren langfristig.

 

Ist nicht ein weiterer Grund, dass Sozialwohnungen ein Imageproblem haben? Fürchten gerade ländliche Gemeinden eine Art sozialen Brennpunkt?

Bergmann: Deshalb benutze ich den Begriff möglichst nicht mehr. In den Köpfen geht eine Schublade auf und wieder zu, und mehr wird nicht nachgedacht. Und das macht mich richtig kirre. Anspruchsberechtigt sind zum Beispiel vierköpfige Familien mit einem Jahreseinkommen von 76 000 Euro. Die Stadt Nürnberg hat errechnet, dass 70 Prozent ihrer Bürger Anspruch hätten. Sozialwohnungen sind auch für Normalverdiener gedacht.

 

Wenn es für Schwabach so wichtig ist, dass im Landkreis mehr geförderte Wohnungen gebaut werden, müsste dann nicht ein klares Zeichen von Oberbürgermeister Matthias Thürauf Richtung Landkreis kommen?

Bergmann: Das hat es ja schon gegeben. 2017 hat er bei einem Bürgermeistertreffen in Schwabach genau das zum Thema gemacht. Und da waren sich alle einig, wie wichtig das Thema ist. Jetzt müssen Taten folgen.

  

Interview: GÜNTHER WILHELM

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