"Mit frommem Gruseln"

Ehemalige Auhof-Mitarbeiter wehren sich gegen Aufarbeitungs-Buch

Petra Bittner
Petra Bittner

Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

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1.12.2021, 15:27 Uhr
Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auhofs – unter ihnen Hans Ordnung (rechts) – fühlen sich in Misskredit gebracht. Schuld sind Darstellungen in dem Buch „Es sollte doch alles besser werden“, mit dem ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Rummelsberger Behindertenhilfe aufgeschlagen wird.

Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auhofs – unter ihnen Hans Ordnung (rechts) – fühlen sich in Misskredit gebracht. Schuld sind Darstellungen in dem Buch „Es sollte doch alles besser werden“, mit dem ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Rummelsberger Behindertenhilfe aufgeschlagen wird. © Tobias Tschapka

Erinnern wir uns: 2018 sorgte der Fall „Martin Hackl“ für Aufsehen. Im Auhof waren unerlaubte Medikamententests an dem Heimkind durchgeführt worden. Das Thema machte nach einem BR-Bericht die Runde, die Rummelsberger reagierten prompt: Sie engagierten ein Forscherteam, das die „dunklen Winkel“ in den Einrichtungen der Rummelsberger Behindertenhilfe ausleuchten sollte. Sprich: Welches Unrecht ist Bewohnerinnen und Bewohnern dort zwischen 1945 und 1995 widerfahren?

Antworten gibt es nun auf über 400 Seiten – in einem Buch mit dem Titel „Es sollte doch alles besser werden“. Auch der Auhof wird im Zuge dessen als „totale Institution“ mit gewalttätigen Strukturen entlarvt. Doch dagegen protestieren jetzt ehemalige Mitarbeitende, die sich und ihre Arbeit diffamiert sehen. Wir sprachen stellvertretend mit Hans Ordnung, einst Zivildienstleistender am Auhof und selbst 30 Jahre Leiter einer Behinderteneinrichtung.

Herr Ordnung, lassen Sie uns eine Zeitreise unternehmen: Wir schreiben das Jahr 1974, Sie sind junger Zivildienstleistender am Auhof. Wie war das damals?

Ich hab' in einer Gruppe mit 13 geistig behinderten Jungs zwischen sieben und 14 Jahren gearbeitet. Das hat total Spaß gemacht, auch wenn sich ́s manchmal schon recht anstrengend gestaltete: Um 6.30 Uhr ging ́s los, um 19.30 Uhr war Feierabend, dazwischen ein paar Pausen. In schöner Erinnerung geblieben sind mir vor allem die gemeinsamen Unternehmungen mit den Kindern, „unseren Buben“ – Spaziergänge, kleine Wanderungen, überhaupt der ganze Tagesablauf bis zum Ins-Bett-Bringen. Da machte sich dieses Gefühl der Vertrautheit und Gemeinschaft breit, auch unter den Kollegen. War eine coole Zeit! Das alles hat letztlich meine Berufsentscheidung beeinflusst. Ich hab' später ja selber 30 Jahre lang ein Heim geleitet...

Klingt gut. Trotzdem hat die Rummelsberger Diakonie kürzlich ein Buch herausgegeben, das ein weniger schönes Kapitel der Behindertenhilfe aufschlägt. Denn offenbar wurden in jüngerer Vergangenheit – unter anderem auch am Auhof – Medikamententests durchgeführt und Gewalt an der Bewohnerschaft ausgeübt. Ziel war es wohl, den Tagesablauf dadurch in Bahnen zu lenken und Störungen zu unterbinden. Davon haben Sie nie etwas mitgekriegt?

Ich hatte immer den Eindruck, dass die Hauptamtlichen sehr professionell arbeiten, dass man sich von denen was abschauen konnte. Und es gab viel zu lachen, die Stimmung war gut... Ab und an wurde schon gemunkelt, dass Mitarbeitern die Hand ausgerutscht sei. Ein Umstand, bei dem es nichts zu entschuldigen gibt – aber mir ist wichtig zu betonen: Das war kein System! Ich hab' wirklich intensiv darüber nachgedacht, ob ich vielleicht etwas verdränge, doch ich kann mich an keine einzige Ohrfeige erinnern, die's in meiner Gegenwart gab.

Die „Tag- und Nachtbücher“ der Gruppe 9 sprechen eine andere Sprache: Das sind mehr als 7000 kurze Übergabeprotokolle, die zwischen 1. Januar 1976 und 21. April 1991 von Mitarbeitenden besagter Gruppe geführt wurden. Darin werden sehr wohl Gewaltpraktiken geschildert...

In der Gruppe 9 lebten fast ausschließlich Bewohner mit ungewöhnlich starken autistischen Verhaltensformen. Sprache und Sprachverständnis waren kaum vorhanden, eine „normale“ Verständigung so gut wie unmöglich. Für Außenstehende schwer vorstellbar! Insgesamt war der Pflege- und Betreuungsaufwand damit sicher höher als in anderen Gruppen, der Personalschlüssel vermutlich nicht optimal, eine sehr hohe Belastung bestimmt gegeben. Mir ist allerdings nie zu Ohren gekommen, dass dort zu anderen, drastischen Mitteln gegriffen wurde. Natürlich kann und will ich das nicht dementieren. Aber von den über 7000 Notizen werden im Buch nur einige zitiert. Ist das dann repräsentativ für den Alltag in der gesamten Einrichtung?

Sie stoßen sich vor allem an einem Kapitel, das der Medizinhistoriker Hans-Walter Schmuhl verfasst hat. Er bezeichnet den Auhof darin als „totale Institution“. Was stört Sie daran?

Dieser soziologische Begriff nach Goffman bezeichnet eine von der Außenwelt abgeschnittene Institution, die zwar vorgibt, im Interesse der Bewohnerschaft zu handeln, im Grunde aber so organisiert ist, dass sich alles nur ihrem Selbsterhalt unterordnet. Wenn also die Ressourcen knapp sind – zu wenig Personal, mangelnde Qualifikation, beengte Räumlichkeiten und zu wenig finanzielle Möglichkeiten, um dem entgegenzuwirken – rückt das Wohl der zu betreuenden Menschen in den Hintergrund. Es bildet sich ein Mitarbeiter-„Stab“ heraus, der die „Insassen“ unterdrückt, um den Betrieb der Institution aufrechtzuerhalten. Und es entsteht eine Kultur der Gewalt, die jede Störung der Abläufe unterbindet. Die „totale Institution“ beschreibt somit ein unmenschliches System. Der Auhof war aber kein unmenschliches System und seine Mitarbeiter keine Unterdrücker! Er war transparent und nach außen offen mit einer engagierten Mitarbeiterschaft.

Professor Schmuhl schreibt doch auch, dass gewalttätige Sanktionen kein „ubiquitäres Phänomen“ im Auhof gewesen sind. Dass Gewalt also mitnichten allgegenwärtig oder strukturell war...

Und damit widerspricht er sich grundsätzlich, hinterlässt aber trotzdem den Eindruck, dass Übergriffe zu den täglichen Lebensumständen gehörten. Hier ist der Fokus in eine negative und verfälschende Richtung verrutscht, weil die historische Realität eine andere gewesen ist. Das hat sowohl bei mir, als auch vielen anderen Ehemaligen große Betroffenheit ausgelöst. Da werden Hunderte Mitarbeitende als Täter denunziert, von denen jedoch die allermeisten mit Herz und Verstand eine großartige Arbeit am Auhof geleistet haben. Im Übrigen will auch der Umstand nicht zu den Erkenntnissen von Professor Schmuhl passen, dass es während der 1970er Jahre viele Leute an den Auhof zog, weil da Aufbruchstimmung herrschte. Beispielsweise begann dort 1972 die Heilerziehungspflege-Ausbildung. Der Tenor dieser Zeit lautete: „Wir machen's anders!“

Nun muss man den Rummelsbergern zugutehalten, dass sie um Transparenz im Hinblick auf die eigene Vergangenheit bemüht sind – auch wenn's wehtut. Wie hätten Sie dieses ambitionierte Projekt denn angepackt, Herr Ordnung?

Rummelsberg hat sich auf einen renommierten Wissenschaftler verlassen, besagten Professor Schmuhl – wie andere Organisationen zuvor auch schon. Ich habe aber das ungute Gefühl, dass die Arbeit der 1970er Jahre mit dem Blick auf heutige Standards gemessen wurde. Das führt doch zwangsläufig zu einer Schieflage! Vielleicht hätte man mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von damals interviewen sollen? Und ich frage mich: Wieso werden respektlose Schwarz-Weiß-Fotografien abgedruckt, die ohne Aussagewert sind, und allein die Behinderten bloßstellen? Es gibt aus dieser Zeit auch Farbfotos mit fröhlichen Menschen, das kann ich Ihnen versichern! Weshalb wird mit dem demagogischen Buchtitel „Es sollte doch alles besser werden“ suggeriert, dass sich nichts geändert hat, obwohl „sich die Verhältnisse ab den 1970er Jahren deutlich besserten“, wie der Verfasser selbst feststellt?! Das hat für mich nichts mit seriöser Wissenschaft zu tun, weil von Anfang an darauf hingearbeitet wird, dass am Ende zwangsläufig eine „schreckliche Vergangenheit“ steht, die es so nicht gegeben hat. Jetzt ist das Buch gedruckt, liegt in den Bibliotheken, und wer's liest, glaubt mit frommem Gruseln an das, was da über den Auhof steht. Das ist zutiefst ärgerlich!

Zur Person

Hans Ordnung (68) war von 1973 bis 1975 Zivildienstleistender am Auhof. Anschließend studierte er Erziehungswissenschaften in Marburg und leitete dort drei Jahrzehnte lang das Kerstin-Heim, ein heilpädagogisches Internat mit Förderschule und Kurzzeitpflege für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung sowie Betreutem Wohnen für junge Erwachsene.

Der Auhof nimmt Stellung: Anzuklagen, "war nie das Ziel"

„Es tut uns sehr leid“, sagt Auhof-Einrichtungsleiter Andreas Ammon, „wenn sich ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Täter angeklagt fühlen!“ Fakt sei jedoch: „Es gab sie“ – jene Situationen, bei denen Menschen mit Behinderung physischer und psychischer Gewalt in den Rummelsberger Einrichtungen ausgesetzt waren, unter anderem am Auhof.

Dieses „dunkle Vergangenheitskapitel“ ist nun im Auftrag der Rummelsberger Diakonie wissenschaftlich aufgearbeitet worden. Es sei aber nicht das Ziel gewesen, so Ammon, einstige Mitarbeitende damit „an den Pranger“ zu stellen. Weil es eben „zu jeder Zeit motivierte, engagierte, kompetente, reflektierte“ Kolleginnen und Kollegen gegeben habe.

Trotzdem brandete bei einigen von ihnen nach Erscheinen des Buches „Es sollte doch alles besser werden. Die Rummelsberger Behindertenhilfe von 1945 bis 1995“ Empörung auf: Man sehe sich einer Kollektivschuld ausgesetzt, fühle sich „denunziert“, wähne die historische Realität „verzerrt“. 23 „Ehemalige“ taten das unlängst in einem offenen Brief kund.

Erlebte Gewalt

Emotionen, die Einrichtungsleiter Ammon „in Teilen nachvollziehen“ kann. Gleichwohl sei es „nie Absicht“ gewesen, „die gesamte vergangene Arbeit im Auhof repräsentativ abzubilden“. Stattdessen werde im Buch „anschaulich die Seite von erlebter Gewalt seitens unserer älteren Bewohner dargestellt, die es nun mal leider gab und über die wenig oder gar nicht gesprochen wurde“.

Vor solchem Hintergrund findet der Auhof-Chef die erfolgte Forschungsleistung zu Medikamententests und Gewalt in den Rummelsberger Einrichtungen „elementar und richtungsweisend für die Zukunft“: Mitarbeitende von heute könnten ein Gefühl entwickeln „für die Traumata der Bewohner, die solche Erlebnisse hatten“.

In keinerlei Kontext will Ammon von Schuld sprechen. Hier werde eher ein Dilemma aufgezeigt: „zwischen dem, was die Mitarbeiter damals von Herzen wollten und dem, was sie in einer Überlastungssituation mit eingeschränkten Ressourcen leisten konnten“. Das arbeite der Wissenschaftler Hans-Walter Schmuhl in seiner Abhandlung „schon sehr deutlich heraus“.

Sinnbild für Gefahren

Natürlich sei das „nicht flächendeckend“ so gewesen, unterstreicht Andreas Ammon einmal mehr, „und auch nicht immer“ – aber verleugnen ließen sich die Umstände der Vergangenheit und deren Konsequenzen nicht. Der verwendete Begriff der „totalen Institution“ stehe da sinnbildlich für die Gefahren, welche negative Rahmenbedingungen in großen Institutionen mit sich brächten: nämlich, dass Menschen, die dort leben, sich den Zwängen des Alltags anpassen müssten.

Kein Schnee von gestern, findet Ammon, denn: „Auch heute müssen wir sensibel dafür sein, dass eingeschränkte personelle, räumliche und finanzielle Ressourcen besondere Belastungen sind und unter Umständen zu hilflosen Überforderungsreaktionen führen.“ Mit der Sensibilisierung der Mitarbeitenden für solche Gefahren und entsprechende Unterstützungsmaßnahmen „können wir dafür sorgen, dass der Individualität und den Bedürfnissen der Einzelnen weitestgehend Rechnung getragen wird“.

Ammons Fazit: „Ich erlebe eine hohe Bereitschaft, sich mit den Herausforderungen, Überforderungen und persönlichen Grenzen in unserer so wertvollen Arbeit auseinanderzusetzen.“ Das sei sicherlich „der große Erfolg dieses Buches“.