Vom Sorgenkind zum Schmuckstück

Erbaut vor 600 Jahren: Heidecker "Kapell 1" feiert Geburtstag

1.9.2021, 14:56 Uhr
In den 1980er Jahren ein Sorgenkind des Denkmalschutzes: Das Haus An der Kapell 1 in Heideck.

 

In den 1980er Jahren ein Sorgenkind des Denkmalschutzes: Das Haus An der Kapell 1 in Heideck.   © Holger Wilcke, NN

In der Toskana wird mit Leonardo da Vinci ein Megastar seiner Zeit geboren, Christoph Kolumbus bereist in diesem Jahrhundert einen noch fremden Kontinent, und Johannes Gutenberg revolutioniert mit der Erfindung der beweglichen Lettern eine ganze Welt: Das 15. Jahrhundert hat spannende Ereignisse hervorgebracht.Auch in Heideck tat sich 1419 beziehungsweise 1421 einiges. Zwei Jahre nach der Wiedereinweihung der Kapelle „Unsere Liebe Frau“ begannen die Arbeiten am spätgotischen Pfarrhaus mit der heutigen Adresse „An der Kapell 1“. Am heutigen Mittwoch jährt sich das Datum zum 600. Mal.

Heute grüßt ein Äffchen mit einer in Mitleidenschaft gezogenen Fahne des 1. FC Nürnberg die Besucher. Der Hausherr ist leidgeprüfter Anhänger und hat seine Leidenschaft an der Fassade verewigt. Nicht nur wegen der Karikatur bleiben Touristen und Tagesgäste am Anwesen „An der Kapell 1“ stehen, wenn sie sich nebenan die spätmittelalterliche Kapelle mit ihren besonderen Ausmalungen im Inneren angesehen haben. Das Pfarrhaus mit seinen aufgemalten, weißen Steinquadern, dem grauen Fachwerk und der roten Haustür feiert am heutigen Mittwoch, 1. September, seinen 600. Geburtstag.

Von einem Bürger gestiftet

Die Kapelle und die Hausnummer 1 bilden ein untrennbares Ensemble. Zwei Jahre nach der Wiedereinweihung des Kirchleins stifteten der Heidecker Bürger Seitz Leupold, genannt Fugel, und seine Frau Mechthild das Haus als Kaplanei. Ein Zeugnis dafür ist die noch aus dieser Zeit erhaltene Stiftungsurkunde. Wer danach in dem Haus lebte, kann heute nicht mehr herausgefunden werden.

Inzwischen wurde das Haus An der Kapell 1 in Heideck zu einem Schmuckstück hergerichtet.

 

Inzwischen wurde das Haus An der Kapell 1 in Heideck zu einem Schmuckstück hergerichtet.   © Holger Wilcke, NN

Sicher hingegen ist, dass sich 1989 die heutigen Besitzer Jacqueline und Holger Wilcke in das Haus, das damals in einem desaströsen Zustand war, verliebten. Ein Tipp aus dem Landesamt für Denkmalpflege brachte die beiden Nürnberger nach Heideck. „Ich bin hingefahren und habe gleich gewusst: Dieses Haus muss es sein“, erinnert sich Restaurator Holger Wilcke. Zehn Jahre lang wohnte da schon niemand mehr in dem Haus. Es war fast eine Ruine mit viel Bausubstanz aus der Entstehungszeit.

Die „Kapell 1“ war in einem akut gefährdeten Zustand. Ausfachungen und Umfassungswände waren herausgefallen, das Dach drohte einzustürzen. Es war ein „Sorgenkind“ des Landesamts für Denkmalpflege, das nicht abgerissen werden durfte.

Denn obwohl sich dem Auge des Betrachters eine Ruine bot, war noch recht viel Bausubstanz aus der Entstehungszeit erhalten. Die Idee, das Haus ins Freilandmuseum Bad Windsheim zu bringen, lehnte der damalige Leiter kategorisch ab. Denn das Ensemble aus Kirchlein, dem Haus und der barocken Scheune gegenüber sei eine seit dem „Spätmittelalter gewachsene Einheit, die es unbedingt zu erhalten gilt“, hieß es in seiner Begründung.

5500 Arbeitsstunden

Nach 5500 selbst geleisteten Arbeitsstunden und zehn Jahren, in denen die Familie das ehemalige Pfarrhaus liebevoll restaurierte, war es 1999 bezugsbereit. Vorher allerdings dokumentierten Jacqueline und Holger Wilcke den Ist-Zustand des Anwesens penibel.

Ein Ton-Modell zeigt die „Kapell 1“ zur Bauzeit im frühen 15. Jahrhundert. Damals war das Haus mit Bisterlasur schwarz gestrichen, einer Kaseinfarbe mit Ruß. Dies hielt im Mittelalter die Insekten ab.

Ein Ton-Modell zeigt die „Kapell 1“ zur Bauzeit im frühen 15. Jahrhundert. Damals war das Haus mit Bisterlasur schwarz gestrichen, einer Kaseinfarbe mit Ruß. Dies hielt im Mittelalter die Insekten ab. © Repro Holger Wilcke, NN

Mit Hilfe dendrochronologischer Untersuchungen (die Bestimmung des Alters anhand von Holz-Jahresringen) konnte nun genau bestimmt werden, wie alt einzelne Teile des Hauses sind. Festgehalten wurde der Zustand zusätzlich mit Fotografien. Der Bauherr selbst fertigte Baualterspläne an und ließ Farbschichten, die auf Putzen aufgetragen worden waren, untersuchen. Sie wurden ebenfalls genau dokumentiert. Bauzeitliche Putze wurden gesichert.

„Uns war es wirklich wichtig bei der Instandsetzung, dass wir so arbeiten, wie es Handwerker der Zeit auch gemacht hätten“, erklärt Wilcke die Wahl des Materials und der Vorgehensweise. Also ergänzte er fehlende Lehmgefache an der Fassade mit Lehm aus Thalmässing, verputzte mit einem Kalkputz und verpasste den Fachwerkbalken einen Leinöl-Anstrich. „Alles ist natürliches Material“, betont Wilcke.

"Erhalten, was zu erhalten ist"

Das Innere wurde wiederum mit Lehm gedämmt, auch hier wurden die Wände mit Kalkputz verputzt, auf denen im Anschluss Sumpfkalk verstrichen wurde. Die Holzkastenfenster stammen von einem Schreiner aus der Gegend, der Kalksteinplattenboden aus Solnhofen. „Wir haben ein gesundes Raumklima“, ist Wilcke begeistert. Gleichzeitig gelang es der Familie, das Gebäude modernen Ansprüchen ans Wohnen anzupassen. „Erhalten, was zu erhalten ist“, beschreibt Wilcke sein Vorgehen.

Apropos erhalten: Spannende Entdeckungen machte die Familie, als zu Sanierungsbeginn in und um das Gebäude archäologische Grabungen stattfanden. Im Erdgeschoss ließ sich unter anderem ein Pfostenbau als Vorgänger nachweisen, der in die Zeit der Stadtgründung Heidecks zurückreicht. Außerdem brachte das Graben und Sieben in der Erde Fundstücke wie historische Keramik- und Glasscherben zutage, Münzen, Schmuck und Spielsteine. Besonders freuten sich die Bauleute über einen aus Knochen gedrechselten Taschenaltar, in dem eine Schabmadonna steckte.

„So ein Gebäude hat eine Persönlichkeit, die man ihm lassen sollte“, sagt Holger Wilcke über seinen langen Weg, die „Kapell 1“ zu dem Schmuckstück zu machen, das es seit gut 20 Jahren wieder ist. „Die Frage ist prinzipiell nicht die, was ich will. Im Gegenteil: Das Haus sagt mir, was ich zu tun habe. Für mich war die Erhaltung des Bestands das A und O. Und erst alles zusammen ergibt dann ein Denkmal.“ In diesem Fall ein Denkmal, das heute einen ganz besonderen Geburtstag feiern darf.