Erlebnis Feinschluck: Landlust statt Stadtfrust

7.9.2016, 15:32 Uhr

© Fotos: Elke Bodendörfer

Riesige Weideflächen neben dem kleinen Sträßchen mit ungefähr zwei Dutzend goldbraunen Kühen darauf kündigen den nahen Weiler an. Ein Hof rechts und einer geradeaus. Das war’s auch schon. Neben dem Ortsschild noch der Hinweis auf den Schlucker Hof.

Dort kommen dem Besucher als Begrüßungskomitee drei Enten mit zwei Küken entgegen, ergänzt durch ein lautes Kikeriki von Hahn Piper, umzingelt von seiner Damenschar. Sein „Frauchen“ Petra Sollmann klärt auf, dass die Sulmtaler Hühner aus den Alpen eine ganz robuste Sorte sind, sehr fleischig, aber dafür legten sie nicht jeden Tag ein Ei. In letzter Zeit hatte Piper ganz schön viel zu tun. Er musste seine Hühner gegen den Habicht verteidigen.

Petra Sollmann ist eine von den sieben Einwohnern Feinschlucks und das auch erst seit 2013. Damals hat sie zusammen mit ihrem Mann Stephan den Hof des Ehepaars Merkenschlager zunächst gepachtet und mittlerweile ganz übernommen. Vor zehn Monaten wurde der kleine Johann geboren. Die Familie Sollmann lebt im Obergeschoss des Hauses von Erna und Leonhard Merkenschlager. Dann gibt es noch einen Nachbarhof, die Lehmeyers, Mutter und Sohn. Ist das nicht ein wenig zu ruhig?

Nein, Petra Sollmann stammt von einem Bauernhof im nahen Thalmässing, ihr Mann Stephan ebenfalls von einem Hof bei Coburg. Sie lieben die Landwirtschaft, haben sich beim Studium an den Landwirtschaftlichen Lehranstalten in Triesdorf kennen gelernt. Die 32-Jährige hat dort Ernährung und Versorgungsmanagment studiert und hat während dieser Zeit in einer WG einen Hof bewirtschaftet. „Das ist das Leben, das ich selber leben will“, war sie sich sicher. Das junge Paar suchte sich schließlich einen Hof. Die Merkenschlagers suchten einen Hofnachfolger und so fanden sich die beiden Familien letztlich. Leonhard Merkenschlager ist froh, dass es so gelaufen ist.

Welten aufeinander geprallt

Der 69-Jährige möchte am liebsten hier auch den Rest seines Lebens verbringen. „Es ist schön, wenn man nicht mehr arbeiten muss, sondern kann“, sagt der Rentner. Er hilft nun überall da, wo er am Hof gebraucht wird. Und einmal im Monat arbeitet er ehrenamtlich bei der Tafel. Seine zweite Frau, die 73-jährige Erna, kam vor 21 Jahren aus München und hatte mit der Landwirtschaft vorher nichts am Hut. Die Anfangszeit in Feinschluck sei nicht leicht für die Frau aus der Großstadt gewesen. „Da sind zwei Welten aufeinander geprallt“, erinnert sie sich. Sie habe sich an vieles gewöhnen müssen, was auf dem Land einfach anders ist. Mittlerweile ist sie bestens integriert und nur ab und zu braucht sie das Großstadtfeeling.

Leonhard Merkenschlager ist das von klein auf gewohnt. Er ist in Feinschluck im alten Wohnhaus, das momentan als Getreidelager dient, geboren, und jeden Tag über die Reuther Platte hinauf nach Landersdorf in die Schule gegangen.

Das steile Sträßchen war bis zur Flurneuordnung vor wenigen Jahrzehnten übrigens die einzige Verbindung nach Feinschluck. Dann gab es zumindest einen mit Betonplatten verlegten Feldweg von Göllersreuth her. An der Straße verläuft auch noch die Telefonleitung an Holzmasten entlang — mittlerweile ein seltener Anblick. In Feinschluck gibt’s nur bedingt Handyempfang. „Oben am Silo geht’s a bisschen“, sagt Petra Sollmann. Und Internet bekommt die Familie nur über eine Antenne an der Satellitenschüssel.

Den Sollmanns macht das nichts. Sie haben sich bewusst für dieses Leben entschieden. Söhnchen Johann soll in einer ruhigen, intakten Umgebung aufwachsen. Langweilig wird dem Kleinen wohl nicht so schnell werden. Schließlich kommen immer wieder Kinder vorbei. Seine Mama hat eine Ausbildung zur Erlebnisbäuerin absolviert, und so kommen immer wieder Kindergarten- und Schulkinder oder auch Seniorengruppen vorbei und lassen sich erzählen, wie es so auf einem Bauernhof ist, was es da alles für Tiere gibt und vor allem was es da alles zu tun gibt. Es gibt auch eine Bauernhof-Kindergruppe, die einmal im Monat kommt und so den Jahresfortgang miterlebt.

Simon, Sarah, Maximilian, Hannes und Lena sind heute zu Besuch. Sie gehen zum Hühnerstall, um Piper und seine Familie zu füttern und die Eier abzunehmen. Sie zupfen Brombeeren und holen frische Gurken aus dem Gemüsegarten, mit Besen und Schaufeln schieben sie den Kühen im Stall Maissilage hin und tollen auf dem Heuboden umher. „Das macht ihnen am meisten Spaß“, weiß Petra Sollmann. Im überdachten Hackschnitzelbunker wird gebastelt, gerätselt und spielerisch gelernt, welche Lebensmittel woher kommen und welche gesund sind. An der Maissilage riechen, mit verbundenen Augen Gegenstände erkennen. Hier wird „Lernen mit allen Sinnen“ großgeschrieben. Und immer mittendrin: Kater Felix, der seine Schmuseeinheiten verlangt. Die Sache mit dem Erlebnisbauernhof ist ein kleines Nebeneinkommen für den Schlucker Hof.

Fleisch direkt ab Hof

Ansonsten lebt der Hof von der Direktvermarktung. Erna Merkenschlager hatte einst die Idee dazu. Seitdem gibt es Rindfleisch direkt ab Hof. Die Sollmanns haben dazu noch ein paar Schweine angeschafft, Bunte Bentheimer, eine vom Aussterben bedrohte altdeutsche Hausrasse. „Doch die waren so fett, dass wir Pietrain-Schweine eingekreuzt haben“, erklärt Petra Sollmann. Die Kunden hätten sonst das fette Fleisch nicht so gerne gehabt. Nachbar Daniel Lehmeyer ist gelernter Metzger und kann die Schweine in Alfershausen schlachten, sodass die Tiere keinen weiten Weg ins Schlachthaus haben. Die Direktvermarktung läuft super. Es gäbe bereits Wartelisten für die Fleischpakete.

Nur vom Hof können die Sollmanns aber noch nicht leben. Stephan geht noch halbtags arbeiten. Für den Sprung zum Vollerwerbsbetrieb müsste noch einiges investiert werden. Als nächstes wollen die Sollmanns den Hof komplett auf Bio umstellen. „Und dann schauen wir mal“, meint das junge Paar unisono. Vielleicht den Brauch der „Rockenstubn“, wo früher die Landfrauen miteinander gestrickt haben, wieder einführen, oder mal ein kleines Musik-Festival veranstalten, sind so einige Visionen. Aber eigentlich vermissen die beiden nichts. „Wenn ich mal in Nürnberg bin, will ich nach zwei Stunden wieder heim“, sagt Petra. „Lieber lade ich Leute ein, die gerne zu uns kommen.“

Und das tun diese gerne, denn in Feinschluck gibt’s auch mal den ein oder anderen von Petra selbst gemachten Likör, wie sich das für so einen Ort gehört. Was es mit dem Namen auf sich hat, versucht Leonhard Merkenschlager zu klären. 1130 sei Feinschluck das erste Mal als Feinschlucker Hof urkundlich erwähnt worden. Zunächst sei man der Meinung gewesen, dass der Name von „Viehschlucht“ käme, doch um 1850 kam die Theorie auf, dass es am Südhang der Siedlung Wein gegeben habe.

Fakt ist, dass hier schon seit vielen Jahrhunderten Menschen leben. Oben auf dem Berg, der Reuther Platte, hatten einst die Kelten ihre Siedlungen, ein gut erhaltenes Hügelgräberfeld erinnert noch daran. Die höchste Einwohnerzahl hatte Feinschluck nach dem Krieg. Um 1950 lebten dort 21 Menschen.

Weitere Infos:

www.schluckerhof.de

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