Euthanasie-Opfer: Symbol für bürokratischen Massenmord

21.4.2021, 12:16 Uhr
2012 wurde auf dem Klinikgelände des Bezirksklinikums Ansbach ein Mahnmal für die Opfer der „NS-Euthanasie“ errichtet. Die Strichliste darauf erinnert an die Bürokratisierung des Massenmordes.

2012 wurde auf dem Klinikgelände des Bezirksklinikums Ansbach ein Mahnmal für die Opfer der „NS-Euthanasie“ errichtet. Die Strichliste darauf erinnert an die Bürokratisierung des Massenmordes. © Foto (Quelle: Bezirk Mittelfranken)

Das fängt bei der Artenvielfalt oder dem Schreddern von männlichen Hühnerküken an und reicht bis zur Wertschätzung von Kranken, Alten und Behinderten. Die Nationalsozialisten haben im Dritten Reich eine abscheuliche Antwort auf diese Frage gefunden. Sie initiierten eine staatlich gelenkte Ermordung von schätzungsweise einer Viertelmillion psychisch Kranker und Menschen mit Behinderung.

Die Opfer der Aktion "T 4"

Der Bezirk Mittelfranken hat sich nach über 80 Jahren dazu entschieden, mehr über die Vorgänge in der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach während dieser Zeit ans Licht zu bringen. Seit nun gut einem Jahr recherchiert Katrin Kasparek, die eigens für diese Aufgabe eingestellt worden war. Eines ihrer Forschungsthemen sind die Opfer der Aktion "T 4". Darunter werden die Menschen zusammengefasst, die in einer ersten Ermordungsphase von 1939 bis 1941 in sechs verschiedenen Vernichtungsanstalten mit Gas getötet wurden.

Von insgesamt 70 000 Menschen kamen rund 900 aus der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach. Darunter befinden sich auch 34 Opfer (25 Frauen und neun Männer) aus dem Landkreis Roth und elf Getötete (sechs Frauen und fünf Männer) aus Schwabach.

Erinnerung an sie blieb erhalten

Eines der Opfer ist die 1899 geborene Franziska S. aus einem kleinen Ort im südlichen Landkreis Roth. Bis heute ist die Erinnerung an sie in der Familie erhalten geblieben, so auch, dass Franziska nach der Schulzeit ganz normal als Magd bei Verwandten arbeitete. Mit den Jahren habe sich jedoch ihr Wesen verändert und sie sei immer wunderlicher geworden. So kehrte sie schließlich mit etwa 30 Jahren in ihr Elternhaus zurück, wo sie nur noch wenig bei der Arbeit mithalf und der Umgang mit ihr immer schwieriger wurde.


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Bezirksarzt Dr. Otto Gerathewohl, der am 6. November 1934 Franziska S. untersuchte, notierte: "Mein Besuch beunruhigte F. sichtlich und sie wollte mich immer forthaben. Ihre Reden waren nicht sehr verständlich, da sie eine eigene Aussprache hatte. Nach Angaben der Familie schlafe F. in einer kleinen Kammer, die immer mehr in Unordnung geraten sei. Mit der Körperpflege sei sie immer nachlässiger geworden. Öfter komme es zu Gewaltausbrüchen und unschönen Szenen. Ich konnte mich bei meinem Besuch von der Richtigkeit der Darstellungen überzeugen." Daraufhin riet Dr. Gerathewohl, Franziska S. in eine geeignete Betreuungseinrichtung zu bringen. Zwei Tage später erfolgte die Aufnahme in die Heil- und Pflegeanstalt Ansbach. Niemand konnte damals ahnen, dass sie von dort eines Tages in den Tod geschickt werden würde.

Mitte Oktober 1939 hatte Adolf Hitler den sogenannten "Euthanasie-Erlass" unterschrieben. Rasch wurde danach in der Tiergartenstraße 4 in Berlin eine entsprechende Verwaltung aufgebaut. Unter dem Tarnnamen "Aktion T 4", der sich auf die Adresse des Verwaltungssitzes bezog, wurden sämtliche "Euthanasie-Maßahmen" geplant und durchgeführt.

Namensliste für den Abtransport

Die Einbeziehung der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach erfolgte im Sommer 1940. Ende August kam unangemeldet eine 15 Personen starke Kommission, bestehend aus Ärzten und Schreibkräften. Innerhalb von drei Tagen wurden rund 1300 Patientenakten durchgearbeitet. Sie untersuchten weder die Kranken noch zogen sie die behandelnden Ärzte hinzu.

Sechs Wochen später, nach Abreise der Kommission, erhielt Ansbach die erste Namensliste für den "Abtransport" von 120 Patienten. Dieser fand am 25. Oktober 1940 statt. Die Betroffenen wurden um 5 Uhr morgens zu wartenden Bussen geführt und zum Ansbacher Bahnhof gefahren. Dort wurden sie auf der abgeschirmten "Militärrampe" in einen bereits wartenden Zug verladen. Fragen nach dem Reiseziel blieben unbeantwortet.

Auch alle weiteren "Abtransporte" verliefen nach gleichem Schema. Insgesamt gab es bis zum 4. April 1941 sieben solcher Transporte. Die ersten drei "Verlegungen" gingen nach Sonnenstein bei Dresden, die anderen vier Transporte nach Hartheim bei Linz. Von Franziska S. ist auf einer Karteikarte der Heil- und Pflegeanstalt als Abgangsdatum der 8. November 1940 vermerkt – an diesem Tag fuhr ein Zug nach Sonnenstein. In der Regel wurden die Opfer gleich nach der Ankunft in Gruppen von 20 bis 30 Personen in die Gaskammer geführt, in die Kohlenmonoxid eingeleitet wurde. Ein Arzt beobachtete den Todeskampf durch ein Fenster. Die Leichen wurden verbrannt. Die Angehörigen erhielten Sterbebenachrichtigungen mit fiktiven Todesursachen.

Patienten verhungerten

Die "T 4-Aktion" wurde aufgrund zunehmender Nachfragen von Angehörigen sowie einer eindrucksvollen Predigt des Bischofs von Münster, Clemens August von Galen, im Sommer 1941 eingestellt, doch ging das Morden in den Heil- und Pflegeanstalten selbst weiter. Während der Phase der "dezentralen Euthanasie" mit der Überdosierung von Medikamenten und der Einführung einer sogenannten "Hungerkost" kamen im Deutschen Reich mindestens weitere 120 000 Patienten ums Leben. Genauere Zahlen lassen sich nur schwer ermitteln, weil man sich durch die Angabe der Todesursachen um eine Verschleierung bemühte.


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Heute fragt eine neue Generation von Verwandten und Nachkommen der Opfer nach den im Dritten Reich "verschwundenen" Familienmitgliedern. Regelmäßig erhält der Bezirk Mittelfranken Anfragen von Angehörigen ehemaliger Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach, die während des Nationalsozialismus ermordet wurden.

"Die jahrzehntelange, oft praktizierte verweigerte Erinnerung und innerfamiliäre Tabuisierung scheinen von der zweiten und dritten Generation zunehmend infrage gestellt zu werden. Sie zeigen damit ihr Interesse und ihre Betroffenheit gleichermaßen und benennen deutlich die NS-Verbrechen als Teil ihrer Familiengeschichte", so Kasparek.

Passende Formen des Gedenkens

Die Historikerin und Sozialpädagogin organisiert gezielt Veranstaltungen für Angehörige und wird sich in den kommenden Jahren um die weitere Erforschung der NS-Krankenmorde und passende Formen des Gedenkens bemühen. Im Bezirksklinikum Ansbach befindet sich seit 1992 zentral im Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes eine Gedenktafel, 2002 wurde eine kleine Ausstellung zur Psychiatriegeschichte eingerichtet, die derzeit nur im Rahmen von Gruppenführungen besucht werden kann. Seit 2011 findet ein jährliches Gedenken mit ökumenischem Gottesdienst und Gedenkfeier an dem 2012 errichteten Mahnmal auf dem Klinikgelände statt.

Zum Thema:

Der Begriff "Euthanasie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "guter" oder "schöner" Tod. Er wird heute jedoch, bedingt durch die arglistige Umdeutung durch die Nationalsozialisten, in der Regel als Synonym für die aktive Tötung und nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung – Sterbeerleichterung ohne Lebensverkürzung – verwendet.

Als Wegbereiter der NS-"Euthanasie" gilt die Pseudowissenschaft der Eugenik, die die Missstände in der Gesellschaft durch die zunehmende Industrialisierung auf eine angeborene soziale Minderwertigkeit der Betroffenen zurückführte. Geprägt durch den Sozialdarwinismus zeichneten die Eugeniker negative Zukunftsvisionen einer von Generation zu Generation fortschreitenden Verschlechterung des Erbgutes. Daraus ableitend forderten bereits in den 1920 Jahren Psychiater die gesetzliche Zulassung der Tötung behinderter Menschen, die sie als "Lebenshülsen" und "Ballastexistenzen" bezeichneten und ihnen die Eigenschaften des Menschseins absprachen.

2012 wurde auf dem Klinikgelände des Bezirksklinikums Ansbach ein Mahnmal für die Opfer der "NS-Euthanasie" errichtet. Die dort abgebildete "Strichliste" ist ein Symbol für die beklemmende Bürokratisierung des Massenmordes.

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