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Flüchtlinge in Roth: Wo der Albtraum vorerst endet

Immer mehr Flüchtlinge kommen in der ZAE-Außenstelle an - 10.10.2014 06:00 Uhr

Ein kleines Papier das für Asylbewerber Gold wert ist: der Erstaufnahmeschein. © Scherbel Carola


Eine warme Oktobersonne scheint auf das parkähnliche Areal, dessen Laubbäume sich herbstlich färben. Ein moderner Reisebus hält vor einem flachen Gebäude, das mit etwas zusammengekniffenen Augen als Schullandheim durchgehen könnte. Die Bustüren öffnen sich mit leisem Zischen, eine Gruppe junger Reisender verlässt das Fahrzeug und birgt aus dem Laderaum ihr Gepäck.

Was rein äußerlich wie eine Klassenfahrt ins Grüne anmutet, ist in Wirklichkeit alles andere als das: Die Kinder und ihre Eltern, die nach und nach vom Bus in das Gebäude wandern, wirken müde, haben Augenringe, die Schultern hängen. Ihre Kleidung scheint lange getragen, ihr Gepäck besteht nicht selten aus zusammengeschnürten Plastiktüten.

Auch am Donnerstag kamen in der erst Anfang der Woche in Betrieb genommenen Dependance der Zentralen Aufnahmeeinrichtung (ZAE) Zirndorf auf dem Areal der Otto-Lilienthal-Kaserne in Roth wieder Flüchtlinge an. Sie stammen hauptsächlich aus Syrien.

Bereits seit Dienstag sind um die hundert Menschen – Einzelpersonen und einige Familien – in den ehemaligen Mannschaftsunterkünften untergebracht. Was sie zu berichten haben, sprengt hier im gemütlichen Landkreis Roth alle Vorstellungskraft. Ein junger Mann berichtet auf Arabisch, er sei vor den Milizen des IS über die Grenze in die Türkei geflohen – und von da mittels Schleusern über den Balkan nach Deutschland gelangt. Nun warte er auf seine Anerkennung, um seine Frau und zwei Kinder nachzuholen. „Ich war über sechs Wochen unterwegs, die Reise war gefährlich und nichts für meine Familie“, gibt der 29-jährige Kurde an. Er habe 9000 Euro für die illegale Schleusung bezahlt und dafür seine gesamte Habe verkauft. Ein anderer Flüchtling sagt, er habe früher immer geglaubt, „Krieg ist da draußen. Aber jetzt ist der Krieg da innen angelangt“, sagt der Mann und fasst sich an die Brust.

Überwiegend herrscht bei den Menschen große Dankbarkeit vor, nun in Sicherheit und auch nicht mehr in Zelten zu sein. Daran tut auch der Betrieb der Bundeswehr-Schießanlage – auch an diesem Tag nicht zu überhören – keinen Abbruch.

Die Kommunikation mit den Flüchtlingen wird durch Sally Nicola massiv verbessert, die fließend Arabisch und Aramäisch spricht. Nicola war vor 15 Jahren selbst in einer vergleichbaren Situation, als sie aus dem Irak floh: „Es ist sehr wichtig, dass ein Sprachmittler vorhanden ist“, weiß sie aus eigener Erfahrung: Sie konnte sich selbst als ausgebildete Lehrerin in dem fremden Land zunächst nicht verständigen. „Und es hilft nichts, wenn zwar der Bauch voll ist, aber die Seele schreit“, glaubt die mittlerweile eingebürgerte Frau. Sie wird von Jürgen Meier, Vorstand der Diakonie Schwabach, aufgrund ihrer Vorbildung als „perfekte Besetzung“ für die Arbeit in der Außenstelle Roth bezeichnet. Die Bewilligung ihrer Anstellung kam laut Meier binnen 24 Stunden vom Sozialministerium. Dennoch sucht die Diakonie weiter nach engagierten Mitarbeitern – insgesamt 2,5 zusätzliche Stellen seien bewilligt worden.

Auch der Landkreis hat prompt reagiert und Anfang der Woche zwei neue Kollegen eingestellt, die ausschließlich für die Außenstelle zuständig sind: „Wir zahlen hier den Ankömmlingen eine Pauschale von 50 Euro aus und kümmern uns um die Verwaltungsakte“, erläutert Ottilie Tubel-Wesemeyer, die beim Land-ratsamt Roth zuständige Sachgebietsleiterin für Senioren und Soziales ist – und auch selbst vor Ort mit anpackt. Sie beschreibt die Flüchtlinge als freundlich und sehr dankbar.

Ihr Chef, Landrat Herbert Eckstein (SPD), zeigt sich mit der aktuellen Situation in Roth grundsätzlich zufrieden. Der wenig konfliktscheue Politiker hatte mit seiner Drohung, Teile der Kaserne zur Not zu beschlagnahmen, Anfang September den Druck im Kessel merklich erhöht. „Ich habe erfolgreich darauf aufmerksam gemacht, dass es leerstehende Gebäude im Bundesbesitz gibt, während Flüchtlinge in Zelten schlafen müssen – und das finde ich nach wie vor untragbar“, erklärt Eckstein.

Eugen Ehmann, Vizepräsident der Regierung von Mittelfranken, versichert, unter Hochdruck an der Auflösung der sogenannten Zeltstädte zu arbeiten. Eine Minimalbelegung von unter 50 Personen harrte zuletzt noch in der Nürnberger Deutschherrnstraße aus. 

Sebastian Linstädt (Nürnberger Zeitung)

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