Gerd Berghofers neuer Roman

"Fuhre zum Schafott": Debüt mit Thrillerqualitäten

Petra Bittner
Petra Bittner

Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

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18.9.2021, 13:04 Uhr
Wandelt als Romancier auf ganz neuen Pfaden: der Schriftsteller Gerd Berghofer aus Georgensgmünd.

Wandelt als Romancier auf ganz neuen Pfaden: der Schriftsteller Gerd Berghofer aus Georgensgmünd. © Tobias Tschapka, NN

Nein, Rettung gibt es hier keine. Romantische Rührung angesichts der archaischen Naturkulisse erübrigt sich somit. Und damit das von Anfang an klar ist, wird der beseelte Blick eines unwissenden Wanderers gleich zu Beginn jäh gebrochen.

Symptomatischerweise. Denn ab jetzt tut sich das dunkle Dickicht der Desillusionierung auf. Das fühlt sich an, als wolle man einen schweren schwarzen Vorhang beiseite schieben - in der Hoffnung auf ein wenig Licht. Aber da ist kein Licht, allenfalls ein trügerisches ...

Kein Faible fürs Happy End

Der Schriftsteller Gerd Berghofer mag Happy Ends nicht leiden. Den „Alles-wird-gut“-Zahn zieht er der Leserschaft seines Debütromans bereits mit dem Titel: „Fuhre zum Schafott“.

Doch um es vorweg zu nehmen: Das Schafott ist im romanesken Erstling des Gmünder Autors das kleinere Problem der Protagonisten, welche durch die Nachwehen des Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714) strudeln und in einer unheilschwangeren Schuld-Schauder-Schwermut-Atmosphäre zappeln wie Beute im Netz.

180 Seiten lang spielt Gerd Berghofer auf dieser Klaviatur und macht es Lesenden damit schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen – auch wenn die Sprache keine stilistischen Triolen hinlegt, wenn man die eine oder andere Szene in Variationen schon zu kennen meint.

Prickelnde Zutaten

Aber der Plot trägt, schließlich wurde er aus den prickelnden Ingredienzen des Kriminal- sowie Schauergenres schmackhaft zusammengerührt und in eine Vergangenheit verfrachtet, die für sich genommen schon so viel Schreckliches birgt, dass einem angst und bange werden könnte.

Wird es auch. Weil sich Gerd Berghofer nämlich auskennt mit Spannungsbögen, die der Historie entspringen. Das hat er vielfach unter Beweis gestellt – etwa mit seinen Rezitationsprogrammen über „Die verbrannten Dichter“, über Dietrich Bonhoeffer oder Carl von Ossietzky. Vor allem jedoch mit seinen literarisch veredelten Recherchen über das jüdische Leben in Georgensgmünd, wo der Nürnberger seit 1993 lebt und wo er sich auch als gemeindlicher Archivpfleger dem Gestern widmet.

Geschichte – ein Faszinosum?! „Natürlich“, sagt Berghofer, „in der Vergangenheit liegt die Wurzel von allem. Sie ist der Schlüssel zu uns selbst und gibt Antworten, um der Wahrheit möglichst nahe zu kommen...“

Die Wahrheit wird im ersten Berghofer-Roman freilich erst am Schluss offenbar. Dann, wenn schon alles zu spät ist. Derweil folgen wir willig einem Gefangenentransport mit mythisch aufgeladener Fracht: Drei Soldaten sollen eine vermeintliche „Hexe oder Mörderin“ zum Schafott nach Ansbach geleiten.

Natur als Menetekel

Doch ein sich wiederholt aufbäumendes Unwetter donnert nicht nur als Vorbote allen Übels heran, sondern fungiert gleichsam als handlungsbestimmendes Element, indem es Wege und Brücken unpassierbar macht.

Damit werden sie zur Schicksalsgemeinschaft: die Soldaten, die Delinquentin, ein reisender Arzt, dessen hünenhafter Begleiter, ein nebulöser Fuhrmann und das fränkische Wirtsehepaar, bei dem die heterogene Gruppe Zuflucht vor den Naturgewalten sucht.

Ein Gefühl von Sicherheit? Das währt nur kurz. Denn in der Abgeschiedenheit der Waldschänke ereignen sich nun allerlei morbide Seltsamkeiten, denen hinterhergerätselt werden darf.

Komprimierte Rückblenden

Als erhellende Puzzleteile im Gesamtmysterium entpuppen sich da die kleinen Personal-Psychogramme, welche Berghofer einigen Kapiteln voranstellt. Komprimierte Rückblenden, die Spots auf das Leben der einzelnen Figuren werfen, auf ihre Zerrissenheit, ihr Scheitern. Dieser dramaturgische Dreh ruft nicht nur Empathie hervor, sondern verdichtet das Handlungsgefüge auf Kammerspielvolumen.

„Selbstverständlich hätte ich vor allem die biografischen Passagen weiter auswalzen können“, weiß Gerd Berghofer. Doch das sei nicht sein Ding. Von jeher liege ihm die Lakonie eines Ernest Hemingway mehr als die ausufernde Syntax eines Thomas Mann.

Kein Wunder also, wenn auch Berghofers Schriftsteller-Dasein auf der „kleinen Form“ fußt - der Lyrik. Mit ihr nahm seine Profession als Literat ihren Lauf. Ende der 1990er Jahre erhielt er den Lyrikpreis der Künstlergilde Esslingen, es folgten der Förderpreis des Verbandes Fränkischer Schriftsteller, der Literaturpreis des Freien Deutschen Autorenverbandes oder der Elisabeth-Engelhardt-Preis des Landkreises Roth. Unter anderem. Und weil soviel Zustimmung beflügelt, versuchte er sich anschließend auch im Verfassen von Essays, Kurzprosa oder Radiofeatures. Mit Erfolg.

Im Schreiben findet Gerd Berghofer „Ausdruck für alles, was mich beschäftigt“. Gerne experimentiere er in seinen Gedichten mit der Verknappung von Sprache, weil er gemerkt hat: „Man kann mit ganz wenig wahnsinnig viel sagen. Drum ist der perfekte Text für mich: einer, der auf knappem Raum mehrere Deutungsebenen schafft.“ Dass er nun seinen ersten Roman veröffentlicht hat, mutet vor diesem Hintergrund eher paradox an.

Biografische Motivation

Sei´s aber nicht, erwidert Berghofer. Die sich seitenweise verbreitende Mortalität habe einen Grund: Im Dezember des vergangenen Jahres lag Berghofer mehrfach auf dem Operationstisch, „und damals war überhaupt nicht klar, in welche Richtung es gehen würde: zurück ins Leben oder...“

Die Gedanken jener Zeit hätten sich an seine Worte geheftet. An eine Geschichte, die auch die Sinnfrage nach dem Leben und Sterben des Menschen stellt. Die „Geschichte einer letzten Nacht“.

Berghofer, Gerd: „Fuhre zum Schafott. Geschichte einer letzten Nacht“ (2021). Literatones Verlag, Georgensgmünd, 1. Auflage, 180 Seiten, 16.80 Euro, ISBN 978-3-9823555-0-4. Ab sofort im Buchhandel erhältlich und im Büchereistadel Georgensgmünd. Die erste Buchvorstellung findet am 13. Oktober in Büchenbach (voraussichtlich Bücherei) statt, es folgt ein Auftritt in der Rother Kulturfabrik am 10. Dezember. Weitere Termine sind in Vorbereitung und werden zeitnah bekanntgegeben: www.gerd-berghofer.de

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