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Gute Ideen oder eine Katze: Kino muss heute ein Event sein

Um zu überleben, brauchen kleine Lichtspielhäuser großen Einfallsreichtum - 23.08.2019 06:00 Uhr

Kleiner Mann ganz groß: Langgestreckt auf den Bavaria-Kinosesseln geht‘s ihm gut. © Foto: Bavaria Kino Roth


Ganz entspannt stolziert er vor Filmbeginn über die weinroten Sessel im Saal. Entschlossen testet er jeden Schoß durch und prüft, wer die besten Streicheleinheiten verteilt. Schließlich breitet er sich auf dem bequemsten Platz aus, natürlich mit Blick auf die Leinwand. Inhaberin Anja Bürger weiß, dass der Kater einen entscheidenden Anteil zum Erfolg des Kinos beiträgt. "Aber auch das Gemütliche, ja Familiäre unterscheidet uns von den großen Multiplexkinos", ergänzt sie.

Immer weniger gehen ins Kino

Trotzdem machte ihr das vergangene Jahr zu schaffen. Denn 2018 kamen deutlich weniger Besucher als sonst. Die Konsequenz war, dass Bürger einige Vorstellungen streichen musste und weniger Umsatz machte. Damit war sie voriges Jahr nicht die Einzige. In den letzten drei Jahren sanken die Bruttoeinnahmen deutscher Kinobetreiber von knapp 1200 Millionen im Jahr auf rund 900 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von 25 Prozent.

Der Grund dafür ist, dass immer weniger Menschen ins Kino gehen. Nur 105,4 Millionen Mal schauten sich die Deutschen 2018 einen Film im Kino an. In den letzten 20 Jahren war dieser Wert noch nie so niedrig gewesen. Jens Steinbrenner, Pressesprecher der Filmförderungsanstalt FFA bestätigt diesen Trend: "Die Zahl der Kinobesucher und der Umsatz gehen jedes Jahr kontinuierlich leicht zurück. Aber 2018 war doch ein großer Ausreißer nach unten."

Um dieser negativen Entwicklung entgegenzuwirken, müssen Kinobetreiber viel Eigeninitiative zeigen. Steinbrenner hat eine Empfehlung: "Einfallsreichtum und Engagement der Kinobetreiber zahlt sich aus". Einfallsreichtum hat Bürger vom Bavaria Kino jede Menge. Für ihren elf Jahre alten Kinokater hat sie sogar eine eigene Seite auf Facebook erstellt. Dort verfolgen knapp 650 Fans, was der "Kleine Mann" Tag für Tag treibt. "Wenn der Kater mal krank ist, gibt es da unglaublich viele Reaktionen. Dann wünschen ihm alle gute Besserung."

Mehr als ein Katzenspielplatz

Aber das Kino in Roth ist weit mehr als ein Katzenspielplatz. Seit 86 Jahren laufen dort Filme. Zuvor gehörte es Anja Bürgers Eltern, davor ihren Großeltern. In ihren zwei Kinosälen herrscht immer eine gemütliche Atmosphäre. "Ich kenne viele Stammbesucher persönlich. Die mögen das Familiäre hier. Früher kamen die meisten noch allein und heute mit ihren Kindern."

Ab und zu finden bei ihr auch besondere Events statt. Seit 15 Jahren veranstaltet sie zusammen mit dem Landratsamt und dem Frauenforum die "Frauenfilmnacht". Karten dafür sind innerhalb von ein bis zwei Tagen ausverkauft. Zur Auswahl stehen dann je ein ernster Film oder eine Komödie, bei denen Frauen eine entscheidende Rolle spielen. Dazu gibt es Sekt und jede Menge Gesprächsstoff.

Einfallsreichtum allein reicht aber nicht aus, um gegen die fallenden Besucherzahlen anzukämpfen. Wegen der geringen Umsätze fehlen den Kinobetreibern vor allem finanzielle Mittel für Erneuerungen. "Investitionsstau", nennt Steinbrenner von der FFA das Problem. Die Anstalt unterstützt Kinobetreiber bei dringend nötigen Anschaffungen.

Kleine Häuser profitieren

Das Budget kommt von den großen Playern auf dem Kinomarkt: der Videowirtschaft, dem Fernsehen und den Kinos selbst. Das Filmförderungsgesetz bestimmt, dass Kinobetreiber jedes Jahr einen geringen Prozentsatz ihrer Umsätze an die FFA zahlen. Der Großteil davon landet in der Filmproduktion, ein Bruchteil geht zurück an die Kinos. Vor allem kleine Filmtheater mit geringen Umsätzen profitieren von dieser Art der Unterstützung.

Daneben existieren noch andere Fördermöglichkeiten. Speziell in Bayern gibt es die Programmprämien der Film-Förderungs-Fonds. Das ist eine Art Belohnung für ein anspruchsvolles oder besonderes Programm. Von beiden Förderungen hat kürzlich das Filmstudio im Stadttheater Eichstätt profitiert. Ein Kino mit zwei kleinen Sälen in der Altstadt.


Hier geht es zu den Kinofilmen, die in der Region laufen.


Inhaber Ralph Feigl investierte dieses Jahr in neue Stühle für sein Filmstudio. Die Erneuerung kostete ihn 20 000 Euro. Die Kommission der FFA hatte im Juni beschlossen, 10 000 Euro für seine Neubestuhlung bereitzustellen. Davon sind 7000 Euro ein zinsloser Kredit. Mit seiner besonderen "Art-House" Filmauswahl erhielt er 2018 zusätzlich die bayerische Programmprämie. Denn im Stadttheater laufen anspruchsvolle sowie deutsche und europäische Filme.

Was gefragt ist, ändert sich aber von Jahr zu Jahr. 2013 hatten 3 DFilme noch großen Erfolg, voriges Jahr folgte dann der bisherige Besuchertiefpunkt. "Es kommt aber wirklich auf die Filme an – denn besonders starke 3 D-Blockbuster gab es 2018 einfach nicht", erklärt Steinbrenner. Besondere Kinoformen wie Freilichttheater oder Open-Air-Kinos liegen aber immer mehr im Trend. 2018 machten sie einen Umsatz von 13,27 Millionen Euro – neuer Rekord. Steinbrenner erklärt: "Man braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass der Erfolg vor allem am guten Wetter lag."

Mit dem Besonderen locken

Gutes Wetter gibt es im Sommer 2019 wieder. Ute Schreiner vom Verein "Mobiles Kino" aus Nürnberg zeigte "Green Book" im Hinterhof der Residenz in Hilpoltstein – bei Temperaturen um die 25 Grad, keine Wolken am Himmel, die Leinwand im Schatten, davor 300 Stühle. "Unseren Rekord haben wir hier in Hilpoltstein gebrochen. Das erste Mal wurde die 300-Personen-Marke geknackt."

Schreiner ist überzeugt, dass man mit etwas Besonderem locken muss. "Nur einfach einen Film zu zeigen, ist nicht mehr angesagt – Kino muss ein Event sein."

  

NINA MÜLLER E-Mail

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