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Heidecker Rad-Talent: "Wattzahlen spielen keine Rolle"

Tobias Häckl aus Heideck hat das Zeitfahren am Attersee mit viel Körpergefühl gewonnen. - 25.09.2020 14:27 Uhr

Tobias Häckl fliegt über den Asphalt: Der 27-Jährige Heidecker hat erst vor wenigen Jahren mit Radsport begonnen, der gebürtige Rother kommt eigentlich aus der Leichtathletik, war dort auf der Langstrecke unterwegs.


Wer hinter Tobias Häckl Rad fährt, sieht den Heidecker meist nur kurz. Denn der 27-Jährige ist ein Radsporttalent und im Kampf gegen die Uhr fast unschlagbar. Kein Wunder also, dass Häckl nun "King of the Lake" wurde. Europas größtes Zeitfahren rund um den österreichischen Attersee gewann er mit einem Schnitt von über 48 Kilometern pro Stunde. Für die 47,2 Kilometer benötigte Häckl 58:58:59 Stunden und war damit Schnellster unter knapp 400 Startern. Nur zehn Profis, die in einer separaten Klasse gewertet wurden, umrundeten den Attersee schneller als Häckl. Mit dem Heidecker sprachen wir über das Rennen, seine Taktik und seine weiteren Ziele.

 

Tobias Häckl wurde am 6. August 1993 in Roth geboren. Er lebt in Heideck und arbeitet beim staatlichen Bauamt in Nürnberg als Elektrotechniker. Bis 2016 war Häckl Leichtathlet, wurde unter anderem über 5000 Meter bayerischer Vizemeister in der U23 und gewann den DLV-Läufercup in Mittelfranken. Schon da zeigte sich sein Ausdauertalent. Seit 2017 fährt Häckl nun Rennrad, im Trikot der Radfreunde Hilpoltstein. In diesem Jahr legt Häckl vermutlich knapp 25000 Kilometer auf dem Rad zurück.

© Foto: Josef Sturm


Herr Häckl, wie fühlt man sich als "König"?

Häckl: Natürlich super. Denn inzwischen habe ich auch realisiert, dass ich gewonnen habe.

 

Haben Sie etwas Zeit dafür gebraucht?

Häckl:Im Ziel konnte ich es noch gar nicht begreifen. Meine Mutter hat mir zwar gesagt, dass ich vorne bin. Aber ich wusste nicht, wer alles noch kommt. Der Sprecher meinte dann, man sollte mich jetzt zwar noch nicht als Sieger ausrufen, aber die Zeit sei schon extrem gut.


Das "King of the Lake" am Attersee 


Die Teilnehmer kommen ja nicht alle gleichzeitig ins Ziel, sondern starten zeitversetzt. Wie lange mussten Sie warten, bis Ihr Sieg feststand?

Häckl:Das dauerte noch eine gute Stunde. Ich wusste zwar, dass ich schnell war, aber ein bisschen zittert man doch. Denn es werden immer wieder Zwischenergebnisse durchgegeben. Und dann gab es da noch eine kleine Unstimmigkeit.

 

Welche denn?

Häckl: So wusste ich, dass der Paracyclist Peter Renner noch als Tandem unterwegs ist. Aber alle dachten zuerst, er würde als Einzelstarter gewertet werden. Tatsächlich war er dann sogar um zwei Sekunden schneller als ich. So musste ich kurzfristig wieder vom Siegerthron herunter, der für den zwischenzeitlich Führenden aufgebaut ist. Ich hätte Peter aber trotzdem den Sieg gegönnt, weil ich mit meiner Leistung sehr zufrieden war.

Doch eine Überraschung

War das Warten am Ende nervenaufreibender als die Fahrt selbst?

Häckl: Vor dem Rennen war ich angespannt. Nach der Zieldurchfahrt eigentlich nicht mehr. Ich war mit meiner Leistung zufrieden. Daher hätte ich jedem den Sieg gegönnt, der schneller als ich ist.

 

Haben Sie vor dem Start gespürt, dass es Ihr Tag werden wird?

Häckl:Nein. Ich wusste, dass ein Podestplatz im Bereich des Möglichen lag. Erst nach der Zieldurchfahrt wurde mir bewusst, dass es für den Sieg reichen könnte, als meine Mutter mit den Zeiten zu mir kam. Da sah ich, dass ich den letztjährigen Gewinner Felix Hermanutz (Team Bikeexpress) geschlagen hatte. Dann wusste ich: Meine Zeit ist etwas wert. Aber der Sieg war am Ende für mich doch eine Überraschung.

 

Dabei fahren Sie ja noch gar nicht so lange Rad.

Häckl: Erst 2017 habe ich mit dem Radsport begonnen. Zuvor war ich Leichtathlet. Fünf Jahre lang war ich auf den Langstrecken am Start. Allerdings war ich immer wieder verletzt. Das Rad war daher mein Alternativtraining. Nach einer weiteren Verletzung blieb ich schließlich beim Radfahren. Da merkte ich, dass ich besser und besser werde. Deshalb war ich immer motiviert. Dazu war ich seither nie verletzt oder bin gestürzt. Mit der Zeit habe ich dann gemerkt, dass mir das Zeitfahren liegen könnte, weil ich mit dem klassischen Rennrad hohe Schnitte erzielen konnte. Schließlich habe ich mich dann auf diese Disziplin spezialisiert.

"Ein fantastischer Tag"

Und die vorläufige Krönung folgte nun mit dem Sieg beim "King of the Lake".

Häckl: Das war wirklich ein geiler Moment. 2019 wurde ich disqualifiziert, weil ich einen anderen Fahrer auf der linken Fahrbahnseite überholt hatte. Deshalb habe ich von diesem Moment an davon geträumt, beim King of the Lake einmal auf dem Podium zu stehen. Ich war allerdings vor dem diesjährigen Start aufgeregt, dass mir nicht noch einmal eine Disqualifikation passiert. Aber der Verkehr auf der Strecke war diesmal gut. Alles hat reibungslos funktioniert, vom Material bis zu meiner Form. Das war also ein fantastischer Tag.

 

Selbst in der Profiklasse wären Sie mit dieser Zeit fast in die Top-Ten gefahren.

Häckl:Ja, das wäre ein elfter Platz gewesen. Aber der Sieger in dieser Wertung war nochmals rund 80 Sekunden schneller als ich. Aber ich bin ja quasi Privatier. Deshalb freue ich mich sehr über meine Leistung. Die Profis haben schließlich noch ganz andere Möglichkeiten als ich.

Zulegen können, wenn möglich

Welche Taktik hatten Sie?

Häckl: Im vergangenen Jahr waren die Bedingungen ähnlich wie heuer. Zuerst hatten wir Rückenwind in der ersten Hälfte. Daher fuhr ich einen gleichmäßigen Rhythmus und wollte nicht überziehen. In der zweiten Hälfte, im letzten Viertel, wollte ich dann alles raushauen. Obwohl das dritte Viertel relativ schlecht lief, war ich im letzten Viertel dazu noch in der Lage. Denn die Beine waren da richtig gut. Meine Taktik: Immer noch etwas Sprit im Tank zu lassen und nicht alles rauszuhauen, ging also voll auf.

 

Wie viel Watt sind Sie über die knappe Stunde getreten?

Häckl: Das weiß ich nicht. Denn ich bin noch einer der wenigen Radfahrer, die nach Gefühl fahren. Ich konzentriere mich nur auf meinen Körper. Deshalb spielen Wattzahlen keine Rolle für mich. Mir ist beispielsweise wichtiger zu wissen: Wann übersäuert mein Körper? Das merkt man, wenn man viele Schwelleneinheiten fährt. Der wichtigste Parameter ist also das Körpergefühl.

 

Und nach der Siegerehrung folgte dann die große Feier?

Häckl: Da war es schon relativ spät, weil ich auch noch zur Dopingkontrolle musste, was ich aber gut fand. Wir haben am Abend kurz angestoßen. Ein paar Leute vom Verein waren da. Allerdings ging es nicht mehr so lange, weil wir noch heimfahren mussten. Aber es war eine schöne, gesellige Runde.

 

Wenn man sich nun einen kleinen Traum erfüllt hat – was ist dann das nächste Ziel?

Häckl: Am Wochenende werde ich an den bayerischen Zeitfahrmeisterschaften teilnehmen. Ein Traum wäre für mich auch noch an einer deutschen Zeitfahrmeisterschaft am Start zu stehen. So große Namen wie Tony Martin und Nils Politt sieht man sonst nur im Fernsehen. In einem Rennen, im Kampf um die Uhr, würde ich mich gerne mit ihnen einmal messen.

 

Interview: Timo Schoch

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