Interview: Neue Rother Museumspädagogin sprüht vor Ideen

21.9.2017, 05:54 Uhr
Von Schlossgespenst bis Fabrikantenhund — die neue Rother Museumspädagogin Anne Roßius ist um kurzweilige Ideen nicht verlegen, wenn es um die Konzeption von Führungsprogrammen geht.

© Foto: Petra Bittner Von Schlossgespenst bis Fabrikantenhund — die neue Rother Museumspädagogin Anne Roßius ist um kurzweilige Ideen nicht verlegen, wenn es um die Konzeption von Führungsprogrammen geht.

Jetzt ist ein bisschen Schleichwerbung gefragt, Frau Roßius: Warum sollten sich historisch interessierte Zeitgenossen die Kreisstadt Roth unbedingt auf ihre To-do-Liste setzen?

Anne Roßius: Weil sie hier ein wirklich sehenswertes Schloss finden! Drumherum gibt’s einige gut erhaltene historische Gebäude zu sehen und stattliche Reste der Stadtmauer.

Im Schloss selbst wartet tolles Mobiliar vom Ende des 19. Jahrhunderts auf die Besucher, untrennbar verbunden mit der Familie Stieber und der städtischen Industrieentwicklung.

Roth deckt mit vielen Bauten und Dingen ein breites, geschichtliches Spektrum ab – vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Wenn Sie also einen Werbeslogan möchten, dann würde ich sagen: "Kommen Sie auf eine kleine Zeitreise nach Roth!"

Klingt nicht schlecht. Außerdem hat das neulich schon der Historiker Sebastian Karnatz in einem Buch postuliert. Wie erklärt sich dann, dass die Rother erst jetzt ihre allererste Museumspädagogin willkommen heißen dürfen – und das auch noch gar nicht offiziell?

Angestellt bin ich seit Mitte Mai, und zuvor hab´ ich auf Honorarbasis im Museum mitgearbeitet. So neu bin ich gar nicht.

Was genau sind Ihre Zuständigkeitsbereiche?

Der Begriff "Museumspädagogik" ist weit gefasst. Er zielt auf jüngere Menschen als Zielgruppe genauso ab wie auf Erwachsene, auf Einzelbesucher wie auf Gruppen. Meine Aufgabe ist es, museumspädagogische Angebote zu entwickeln, die Gäste ins Schloss locken. Ich habe mit Programmen für Grundschulklassen und Kindergärten angefangen, weil das Schloss großes Potenzial als "Spannungsort" hat. Weitere Angebote sollen folgen…

Eine steile These im Hinblick auf Ihren Berufsstand könnte lauten: Undankbarer Job! Kindern und Jugendlichen soll eine verstaubte Materie verklickert werden, auf die diese jungen Leute oft gar keine Lust haben. Legen Sie Widerspruch gegen solche Klischees ein?

Auf jeden Fall! Im Vordergrund muss doch erst mal die Frage stehen: Wie geht man ran? Ich möchte, dass die Kinder Spaß an dem haben, was sie im Museum erleben und lernen. Dafür zeigt man nicht nur Exponate in Vitrinen, sondern wo und wie die Menschen damals wirklich gelebt haben. Das kann man sehr spannend gestalten – und bis jetzt hat es gut geklappt...

Wie denn?

Indem ich Schul-, Hort- oder Kindergartengruppen durchs Schloss führe. Selbstverständlich wird dabei nicht doziert, sondern eher experimentiert und gerätselt. Die Kinder dürfen unter anderem ein zwei mal drei Meter großes Puzzle im Prunksaal machen, ein Quiz lösen und viel spielen. Manchmal ist auch ein Schlossgeist mit von der Partie. Der liebt übrigens Musik und will mitunter ein Lied von seinen kleinen Gästen hören! Für unseren neuen museumspädagogischen Raum im zweiten Stock hab´ ich außerdem einen Workshop entwickelt. Hier soll der "Kinderalltag im alten Roth" wieder lebendig werden. Wie war Schule früher? Und womit haben sich Kinder in ihrer Freizeit beschäftigt? All so was kommt zur Sprache – in der Theorie, aber vor allem in der Praxis!

Ist Ihre Handschrift auch außerhalb der Gruppenführungen zu erkennen?

Das hoffe ich! Vielleicht sind Ihnen einige Tafeln aufgefallen? Darauf erklären drei lustige Burschen – Georg, Wilhelm und sein Hund Rollo – den Einzelbesuchern in einfachen Worten die Geschichte des Ortes. Die Zeichnungen verweisen natürlich auf Markgraf Georg, den Frommen, und auf den Fabrikanten Wilhelm von Stieber. Ich hab´ mir die Comicfiguren als eine Art Türöffner in die Historie des Schlosses gedacht. Die Kinder können sich anhand der Tafeln durch die Rother Geschichte bewegen und dabei auch einen Quiz-Fragebogen lösen, den es am Eingang in zwei Varianten gibt – für Leser und Noch-nicht-Leser.

Okay, Klischee entkräftet! Hört sich alles an, als wäre Museumspädagogik eine sehr dynamische Disziplin ...

Ja, das stimmt. Sie musste sich auch verändern, schließlich liegen ihre Anfänge im 19. Jahrhundert. Heute stellt uns das digitale Zeitalter vor neue Herausforderungen. Auch im Schloss Ratibor hat es Einzug gehalten: Man kann sich den Prunksaal zum Beispiel über einen QR-Code erschließen...

Es ist kein Geheimnis, dass die Stadt Roth um Touristen wirbt. Ist das die Hauptklientel, auf die sich Ihre Arbeit konzentriert?

Nein, ich hab’ ja die Programme für Kindergärten, Schulen und Horte erwähnt. Natürlich können solche Führungen auch von Touristengruppen gebucht werden. Aber ich bin der Meinung, dass jedes Rother Kind zumindest einmal im Schloss gewesen sein sollte, um nach dem Besuch ein erstes, grob-historisches Verständnis entwickeln zu können.

Man soll dabei ja keine Jahreszahlen auswendig lernen, sondern verstehen: Warum war das damals so, und warum ist es heute anders? Das klappt am besten über Dinge und Menschen, über die Einrichtung hier, über Einzelschicksale der Bewohner. So etwas kann man doch viel besser in Bezug zu sich selbst setzen und zu der Zeit, in der man lebt. Idealerweise regen die Infos dann zum Nachdenken an – jedenfalls mehr als ein leeres Datum.

Was ist eigentlich Ihr persönliches Lieblingsausstellungsstück?

Die Elchköpfe im Eingangsbereich! Sie sind die ältesten Exponate. Man muss sich nur mal überlegen, was die wohl alles gesehen haben – und schon kommt der Fluss der Geschichte in Gang ...

Weitere Informationen zu den museumspädagogischen Programmen sind unter www.schloss-ratibor.de zu finden. Buchungen unter Telefon (0 91 71) 84 85 33.

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