Samstag, 15.05.2021

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Kammersteins Bürgermeister "Ich bin ein Lernender"

Die ersten 100 tage im Amt - 18.08.2020 05:52 Uhr

Als „Spielertrainer“ versteht sich der neue Kammersteiner Bürgermeister Wolfram Göll. Mit ihm hat Kammerstein erstmals einen pendelnden Rathauschef.

17.08.2020 © Foto: Robert Gerner


Zweiter Teil unserer dreiteiligen Serie über die neuen Chefs in den Rathäusern, die seit 100 Tagen im Amt sind. Nach Susanne König (Abenberg) trafen wir uns mit dem Kammersteiner Bürgermeister Wolfram Göll.

Drohanrufe auf dem Anrufbeantworter, Beschimpfungen per Brief. Nirgends in der Region gab es bei der Kommunalwahl im Frühjahr so unschöne Begleiterscheinungen wie in Kammerstein. Als "Volker-Bauer-Knecht" musste sich Wolfram Göll verunglimpfen lassen. Bisweilen wurde es so schlimm, dass sich seine Mitbewerber um den Bürgermeisterposten mit dem CSU-Mann solidarisierten.

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Das sind die Bürgermeister in der Region

Die Wähler haben am 15. März 2020 entschieden, wer von nun an die Geschicke in den Städten in der Region Nürnberg leiten darf. In einigen Fällen kam es aber wie erwartet zur Stichwahl 14 Tage später. Wir haben die Übersicht die gewählten Bürgermeister*innen aus der Region.


Göll hat es dann trotzdem geschafft. Er erreichte die Stichwahl und setzte sich dort gegen den früheren stellvertretenden Bürgermeister Richard Götz (Bürgerliste) durch. Am 1. Mai trat Göll sein Amt an, die ersten 100 Tage sind schon wieder um. "Nie in meinem Leben ist solch eine Zeitspanne so schnell vergangen", sagt Göll.

Klarere Strukturen

Der neue Rathauschef sitzt im Rathaus in seinem Büro an seinem Besprechungstisch. Wo sich unter seinem Vorgänger Walter Schnell beeindruckende (und bisweilen auch abschreckende) Aktenberge türmten, herrscht jetzt nüchterne Aufgeräumtheit. "Klarere Strukturen" hat er auch seiner kleinen, zehnköpfigen Rathausmannschaft verordnet, der er als "elfter Mann und Spielertrainer" vorsteht . "Manches hat in der Vergangenheit halt nicht so gut funktioniert."

Wobei: In Sachen Verwaltung ist Wolfram Göll natürlich ein völliger Neueinsteiger. Als Redakteur der CSU-Hauspostille "Bayernkurier" und als freier Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und des Schwabacher Tagblatts hat er über die Arbeit in Rathäusern und anderen Ämtern höchstens berichtet, sie aber nie selbst von innen kennengelernt. Am Anfang, so räumt er ein, sei er von der Themenfülle regelrecht erschlagen worden. "Es gibt gefühlt 6375 Dinge, die man gleichzeitig tun muss."

Streit vorerst beigelegt

Ein Bürgermeister ist ja nicht nur Bürgermeister. Sondern qua Amt auch stellvertretender Vorsitzender des Abwasserzweckverbandes, designierter Vorsitzender des Wasserzweckverbandes, Mitglied in diversen Bürgermeisterrunden wie dem Bayerischen Gemeindetag und dem VHS-Zweckverband sowie Notvorstand von drei Jagdgenossenschaften. Die konnten wegen Corona bislang nicht zusammentreten.

Und dann war es so, dass in Kammerstein auf den neuen Bürgermeister ganz besonders heikle Punkte warteten. Vorne dran: der ewige Streit um den richtigen Schulstandort. Mit dem Kompromissbeschluss im Gemeinderat – Neubau in Kammerstein von vier Klassenzimmer plus Verwaltung, das alte Schulgebäude in Barthelmesaurach wird weiter genutzt – ist dieser Streit vorerst beigelegt.

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Doch das Projekt kostet Kammerstein über sechs Millionen Euro, vier Millionen muss die Gemeinde aus eigener Tasche bezahlen. Für eine 3000-Einwohner-Kommune, die kleinste Gemeinde im Landkreis Roth, ist das ein Riesenbatzen. Das wird die Schulden Kammersteins noch einmal mehr als verdoppeln, zusätzlich zur jetzigen Verdoppelung durch Beschlüsse, die noch der alte Gemeinderat beschlossen hatte. Zum Beispiel durch den (weitgehend abgeschlossenen) Bau des Bürgerhauses. "Diese Schulden drücken schon aufs Gemüt", räumt Göll ein. So sehr, dass er in seiner Anfangszeit "schlecht geschlafen" hat.

Inzwischen macht er wieder einen ausgeschlafenen Eindruck. "Ich versuche aufgeschlossen und mit gesundem Menschenverstand an die Dinge heranzugehen, das scheint ganz gut zu funktionieren", betont er. Aber er benötige "bestimmt ein Jahr", um bei allen Themen einigermaßen fit zu sein.

Göll ist kein Kammersteiner. Mit ihm hat die Gemeinde erstmals in ihrer Geschichte einen pendelnden Bürgermeister. Göll wuchs in Schwabach auf und ist Schwabacher. Das will er auch bleiben. Diesen "Blick von außen" findet er gar nicht so schlecht.

Und wie ist es mit dem Blick auf sich selbst? "Ich bin ein Lernender", sagt Göll. Vieles sei neu. In den Anfangszeit habe er den einen oder anderen Fehler gemacht. Einige Gemeinderatssitzungen dauerten so lange, dass sie gegen Mitternacht abgebrochen werden mussten. Er sitze halt einem "sehr diskussionsfreudigen Gremium vor", betont er.

Lieber öfters und dafür kürzer

Das sei ja nicht unbedingt schlecht. Nur dürfe er halt zukünftig die Tagesordnungen nicht mehr so überfrachten. "Lieber etwas öfter tagen und dafür nicht mehr so lange", lautet eine seiner Lehren aus den ersten 100 Tagen.

Obwohl ihn "gefühlt die halbe Gemeinde" schon im Büro aufgesucht hat, ist Wolfram Göll bislang ein Bürgermeister, der – coronabedingt – nicht im grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit seiner Arbeit nachgeht. Feste, Kulturveranstaltungen und Vereinszusammenkünfte sind weitgehend ausgefallen. "Was die Kommunikation angeht, ist das natürlich schade", findet Göll. "Doch im Sinne der Einarbeitung in die Verwaltung ist Corona gar nicht so schlecht."

Corona bietet auch die Chance, manches zu überdenken. Den Rittermarkt, kündigt der neue Bürgermeister an, werde es nicht mehr geben. "Durch den Bau des Bürgerhauses haben wir im Ort keinen geeigneten Platz mehr". Übrig bleiben dürfte nur noch das gemeinsam mit Büchenbach veranstaltete Sagenfest im Heidenberg. Dazu will der Bürgermeister Wolfram Göll auch einen eigenen Beitrag leisten. Gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Melanie Karg ist er gleich noch einmal in die Lehre gegangen. Er lässt sich derzeit vom früheren Kammersteiner Pfarrer Martin Bek-Baier ausbilden: zum Sagenwanderführer.

ROBERT GERNER

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