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Landkreis Roth: Nachfrage zieht wieder an

Die Fahrradspezialisten im Landkreis schalteten von Umsatzeinbrüchen auf Zusatzschichten. - 15.06.2020 06:35 Uhr

Wie Weihnachten – dank risikofreudiger Bestellung von Unternehmer Edgar Häckl treffen auch jetzt immer wieder Räder bei in seinem Zweiradgeschäft ein, die Sohn Yannick nur zu gerne auspackt.

14.06.2020 © Foto: Yevheniia Frömter


Die enorme Wellenbewegung lässt sich etwa im Auf und Ab bei Radsport Buchstaller in Hilpoltstein ablesen. Der April ist in dem Fachgeschäft, das sich auf sportive Rennräder spezialisiert hat, in normalen Jahren ein absoluter Topmonat. Heuer sei dies anders gewesen, erklärt Chef Karl-Heinz Leidel: "Wir haben rund 80 Prozent Umsatzeinbußen verzeichnen müssen." Im Mai, der in Sachen Fahrradverkauf hier traditionell ebenso ein echter Wonnemonat ist, ging es dafür wieder steil nach oben.

Die Verluste des Vormonats aber konnte das freilich nicht ganz kompensieren. Zumal beispielsweise das Segment der Triathlonräder in diesem Jahr fast total eingebrochen ist. Was den Unternehmer aber umso mehr freut: Zahlreiche Wieder- und Neueinsteiger und damit Neukunden finden den Weg zu ihm und verlassen das Geschäft meist mit einem Einstiegsrennrad.

Auch bei den sogenannten Gravel-Rädern, mit denen es sich auch auf Schotterpisten flott unterwegs sein lässt, ist die Nachfrage groß. Hier wird das Angebot langsam knapp: "Wer noch eins haben will, muss schnell sein", so Leidel. Bei den Rennrädern aber "haben wir noch viele auf Lager". Generell aber befürchtet auch er Lieferlücken für Juli und August.

"Während der extremen Corona-Phase wurde einfach nichts mehr produziert", zeigt Edgar Häckl Verständnis für die Lieferanten. Da lohnt es sich, im Einkauf breit aufgestellt zu sein. Derzeit gäbe es Firmen, "die nicht ein einziges Rad liefern können". Weiß der Chef von Zweirad Häckl. Ein Geschäft, das ebenso in Hilpoltstein beheimatet ist. Der Unternehmer selbst hat nach dem guten Jahr 2019 eine "relativ große Risikobereitschaft" an den Tag gelegt, wie er selbst sagt. Und auf Verdacht recht viel bestellt: "Ich habe dafür sogar eigens eine Garage angemietet, um alles unterzubringen."

Dann schlug Corona zu und bescherte ihm so manche schlaflose Nacht. Doch die Lockerungen seien glücklicherweise gerade zur rechten Zeit gekommen. Dass es die Eltern mit ihren Kindern nach draußen dränge, habe zweifelsohne zu dem Boom beigetragen. Auch ihm selbst hat es geholfen, dass Sohn Yannick in seinem Studium zum Internationalen Betriebsmanagement eine Zwangspause einlegen musste: "So kann er mir im Betrieb mithelfen".

Da der Vater bei der Bestellung den richtigen Riecher bewiesen hat, kann er nun "in jedem Bereich liefern". In Sachen Ausstattung aber ließe sich derzeit nicht jeder Wunsch erfüllen. Und die Krise hat den Turbo bei den neuen Modellen gezündet: "Viele, die erst 2021 auf den Markt kommen sollten, gibt es jetzt schon." In drei Wochen träfen die entsprechenden Räder bei ihm ein.

Dass die Branche sich so gut entwickeln konnte, liege daran, dass es im Gegensatz zu anderen Ländern statt einer Ausgangssperre nur eine -beschränkung gegeben habe, worauf Tobias Ullmann aufmerksam macht. In seiner Fahrradwerkstatt in Hilpoltstein brennt meist lange Licht. In der Hochphase des Ansturms löschte er es auch mal erst um vier Uhr morgens. Zwei Stunden, bevor sein Vollzeitangestellter es wieder anknipste.

An sich hat er die Arbeitszeiten so eingeteilt, dass das Ansteckungsrisiko minimiert werden konnte: Drei Tage im Geschäft auf Hochtouren – den Rest der Woche Homeoffice. "Dann kann ich zugleich auf meine kleine Tochter aufpassen." Außerdem habe er sich in der heißen Phase engmaschig mit dem Ordnungsamt kurzgeschlossen, das ihm als Werkstatt Systemrelevanz bescheinigte, da er mit seiner Arbeit zur Mobilitätssteigerung der Bevölkerung beitrage, die so auf Bus und Bahn samt Ansteckungsrisiko verzichten könne.

Überhaupt sei verständlicherweise der Gesundheitsaspekt verstärkt in den Fokus geraten, sagt Petra Steib vom gleichnamigen Heidecker Fachmarkt, der auch Fahrräder anbietet. Um für das eigene Wohlergehen etwas zu tun, hätten viele Zeitgenossen das Radeln wieder für sich entdeckt. Die Nachfrage sei deswegen auch in ihrem Betrieb "extrem stark angestiegen".

Genauso wie das Bedürfnis der Kunden nach entsprechender Beratung. Sie interessierten sich für Räder in allen Preisklassen. Für viele sei eben der lang ersehnte Auslandsurlaub coronabedingt weggefallen. Das Budget hierfür investierten die Kunden nun lieber in Zweiräder: "Unser Radwegenetz in der Region ist ja sehr gut ausgebaut. Viele lernen ihre eigene Gegend nun ganz neu kennen. Sie habe gar nicht gewusst, wie schön es bei uns eigentlich ist, hat mir erst kürzlich eine Kundin gesagt." Das neue Lebensgefühl, das hier aufkeimt, passt zudem recht gut zum 65-jährigen Firmenbestehen, das man bei Steib heuer ganzjährig feiere. Mit Schnäppchen und Piccolos.

Überhaupt nicht nach Feiern zumute ist trotz des 50-jährigen Bestehen seines Betriebs allerdings Eberhard Vogt, der in Landerzhofen ein Fahrrad- und Faschingscenter betreibt. Er muss dabei alters- und krankheitsbedingt etwas kürzertreten.

Was das Radsegment anbelangt, habe er in der Corona-Krise zu keinem Zeitpunkt einen Aufwind gespürt. Auch in den vergangenen Tagen sei wenig los gewesen. Nun geht es bei ihm in Richtung Ausverkauf. "Eigentlich sehr schade", bedauert er. Habe er doch ein halbes Jahrhundert um sein Geschäft gekämpft. Den Faschingsbereich will er vorerst aber noch aufrechterhalten. Aber wer wisse schon, ob es kommende Session coronabedingt überhaupt einen Fasching gibt, blickt er eher düster in die nahe Zukunft.

Fünf Wochen war der Laden zu, aber für die Werkstatt stapelten sich die Aufträge. Bei Fahrrad Müller war von Kurzarbeit keine Rede, der Papierkram musste in der Freizeit erledigt werden.

14.06.2020 © Foto: Yevheniia Frömter


Bedingt durch Corona mussten Rudolf und Claus Müller ganze fünf Wochen lang ihre Ladentür schließen. Dennoch kamen die beiden während dieser Zeit ordentlich ins Schwitzen. Nicht etwa typischerweise auf dem Fahrrad – eher in der Werkstatt des Rother Traditionsbetriebes Fahrrad Müller. "Die Menschen haben wieder vermehrt auf das Fahrrad zurückgegriffen", beobachtete Rudolf Müller erfreut. Dadurch platzte die Werkstatt binnen kürzester Zeit völlig aus den Nähten: Viele kleine Reparaturen aber auch große Aufträge. Nicht jeder kam dadurch sofort zum Zug. Aber: "Unsere Kunden zeigen sich sehr verständnisvoll und akzeptieren auch längere Wartezeiten."

Für Rudolf Müller habe der Aufruf von Ministerpräsident Markus Söder gefruchtet: "Es wird zuhause Urlaub gemacht und die frische Luft genossen." Dies ginge auf dem Fahrrad natürlich optimal. Durch diesen wiederentdeckten Trend habe das 12-köpfige Müller-Team nun ganz schön die Hemdsärmel hochkrempeln müssen: "Ein Arbeitstag mit 15 Stunden ist für uns keine Seltenheit." Das Abarbeiten der Bestellungen und die "Arbeit hinter den Kulissen" müssten deshalb ausschließlich in der Freizeit erfolgen. Auch Wochenenden gebe es gerade keine. Dies alles sei jedoch völlig positiv. Und "Wir wollen jeden Kunden weiterhin zufriedenstellen."

Während des "Lockdowns" ruhte der Fahrradverkauf jedoch nicht gänzlich. "Es wurde über das Internet bestellt, und wir haben die Räder selbstverständlich vorbereitet." Einzig und alleine das Geschäft mit den Triathleten würde momentan ausbleiben.

Doch auch hier habe Rudolf Müller eine erfreuliche Geschichte erlebt. Ein Stammkunde, der normalerweise immer beim Challenge in Roth teilnehme, habe den Müllers einen Brief geschickt, dass er trotz der Triathlon-Absagen in die Kreisstadt kommen werde. Anstatt einer ordentlichen Rennmaschine würde er nun ein E-Bike kaufen wollen: "Es zeigt, dass die Triathleten die Stadt Roth nicht vergessen haben."

Die Arbeiten mit Gesichtsmaske und unter Schutzvorkehrungen führe bei Fahrrad Müller zu weiterem Stress. "Den ganzen Tag mit Maske zu arbeiten ist schwierig. Wir sind sehr stolz auf unsere Mitarbeiter und wissen ihre Leistungsbereitschaft wirklich zu schätzen."

Erfreut seien die Müllers auch über den Tag der Wiedereröffnung gewesen. "Bereits morgens stand eine lange Schlange an Kunden vor der Tür, die auf Einlass warteten." Hierfür habe man aber auch ziemlich investieren müssen. Alleine für die Schutzvorrichtungen rund um den Kassenbereich wurden gut 1000 Euro fällig. "Wir hielten uns aber streng an die Vorgaben und tun dies auch weiterhin."

Während Claus Müller eifrig in der Werkstatt tüftelt, ist es ihm ein großes Anliegen "Dankeschön" zu sagen: "Wir sind sehr dankbar, dass unsere Kunden dafür sorgen, dass wir überleben können. Durch Treue und Unterstützung wurden wir nicht im Stich gelassen."

Jürgen Leykamm/Marco Frömter

 

J ÜRGEN LEYKAMM MARCO FRÖMTER

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