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Landkreis Roth: Zwischenbilanz nach drei Monaten Coronakrise

Altenheime, Kreisklinik, Jobcenter und Behindertenarbeit sortieren sich neu - 25.06.2020 17:22 Uhr

Die Kreisklinik in Roth profitierte in der Coronakrise von Vorräten an Schutzkleidung, die in einem Pandemie-Lager vorgehalten wurden. Außerdem spendeten Handwerksbetriebe FFP2-Masken und Overalls für das medizinische Personal. © Foto: Tobias Tschapka


Stefan Lohmüller vom Jobcenter etwa sprach von einer turbulenten, spannenden und schwierigen Zeit: "Oberste Priorität hatte die Sicherstellung der Leistungsgewährung." Nachdem die Klienten des Jobcenters nicht mehr persönlich vorsprechen konnten, habe man die Erreichbarkeit der Mitarbeiter auf Telefon und E-Mail umgestellt. Die Zahl der Anträge auf Leistungen habe sich gleichzeitig verfünffacht, etwa durch die neuen Hilfszahlungen für Solo-Selbstständige, deren Geschäft durch Corona zusammengebrochen ist.

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Die kurzfristig geschaffene Möglichkeit, Arbeitslose per Telefon und Skype-Videos zu beraten, soll weiter entwickelt und als Dauerlösung etabliert werden. Ähnlich sieht es bei der Schuldnerberatung der AWO im Landkreis Roth aus, für die Wolfgang Hunner in der Sitzung sprach: Das persönliche Beratungsangebot sei im April auf Null gefallen, man habe ausschließlich per Telefon oder E-Mail weiterarbeiten können. Letzteres "geht aber nicht, wenn jemand keinen Laptop hat", so Hunner. Komplizierte Onlineformulare etwa von Behörden per Smartphone ausfüllen zu müssen könne zu einer tagesfüllenden Aufgabe werden. Im ersten halben Jahr 2020 seien bereits so viele Insolvenzen zu verzeichnen wie im gesamten Jahr 2019. Betroffen seien "meist Unternehmen, die vor der Krise schon Schwierigkeiten hatten und denen Corona jetzt den Rest gegeben hat."

Am Anfang herrschte Panik

"Am Anfang herrschte Panik bei den Bewohnern wie auch beim Personal", erklärte Sabine Regler von der Wolfsteiner Altenheim-Stiftung in Allersberg. Die vielfältigen bis heute ausgearbeiteten Konzepte zum Umgang mit Corona würden jedoch gut funktionieren. Regler beklagte, dass neue Vorschriften für Altenheime von der Regierung zu kurzfristig verhängt worden seien. Zum Teil seien E-Mails mit neuen Regelungen erst spät in der Nacht an die Heime versendet worden, diese sollten dort aber schon am nächsten Tag gelten und umgesetzt werden.

Die von der Regierung versprochenen Bonuszahlungen für Pflegekräfte sind aus Reglers Sicht "eine tolle Sache, aber die Reinigungs- und Küchenkräfte in den Einrichtungen bekommen nichts." Obwohl auch diese Mitarbeiter in der Coronakrise bis heute Höchstleistungen für die Bewohner und Kollegen erbringen.

Frank Krebel vom Hilpoltsteiner AWO-Heim hatte positive Entwicklungen zu berichten: "Wir hatten noch nie so wenig Sterbefälle wie im Moment." Hier wirkt sich aus Krebels Sicht die verhängte Quarantäne aus: Im Hilpoltsteiner AWO-Heim gebe es 2020 im Gegensatz zu früheren Jahren bislang keinen einzigen Fall von Noroviren, die schwere Magen- und Darmkrankheiten auslösen können. Die sonst im Frühjahr übliche Grippewelle sei im AWO-Haus 2020 ebenfalls ausgefallen.

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Auch Frank Krebel beklagte, dass die Ministerien zum Teil über Nacht neue Regeln verhängt hätten, "die massiv eingreifen und so schnell gar nicht umgesetzt werden konnten." Das bezeichnete er als erschreckend.

Sabine Lehner vom Ambulanten Pflegedienst der AWO berichtete davon, dass ihre Mitarbeiter in den ersten Wochen der Krise schneller vorwärts gekommen seien als jemals zuvor: "Die Straßen waren leergefegt. Wir haben uns gefühlt wie an Neujahr und unsere Fahrtzeiten waren toll kurz." Allerdings sei es eine große Herausforderung gewesen, auf die Schnelle Schutzkleidung und Mund-Nasen-Masken aufzutreiben. Heute funktioniere die Versorgung damit jedoch gut. Allerdings hätten demente Patienten "große Schwierigkeiten, wenn wir jetzt mit Mundschutz und Handschuhen zum Hausbesuch kommen."

Telefonnetz zusammengebrochen

Über ganz neue Erfahrungen informierte auch Claudia Bärnthol von der Diakonie: "Hände-Desinfektionsmittel umzufüllen wäre vor einem Vierteljahr noch eine Todsünde gewesen. Jetzt ist das an der Tagesordnung." Im Vergleich zu den stationären Einrichtungen, für die es rasch neue Konzepte gegeben habe, seien ambulante Pflegedienste von den Regierungsstellen allerdings ziemlich "vergessen worden". Und: Die Mitarbeiter der Diakonie "arbeiten unter erschwerten Bedingungen und wir wissen nicht, wie lange das noch so gehen muss", bedauerte Bärnthol.

Andreas Ammon vom Auhof lobte die Zusammenarbeit mit dem Landrats- und mit dem Gesundheitsamt: "Ich bekam immer noch am selben oder spätestens am nächsten Tag Antworten auf unsere Fragen." Andererseits sei im Auhof in den ersten Wochen der Krise dauernd das Telefonnetz zusammengebrochen, "weil wir immer noch auf einen Glasfaseranschluss warten." Die staatlichen Bonuszahlungen für die Mitarbeiter seien prinzipiell eine gute Sache, hätten aber mitten in der Krise einen nicht unerheblichen bürokratischen Aufwand für die Antragsstellung ausgelöst, so Ammon weiter.

Tafel wurde "schlimm erwischt"

"Vielen Dank, dass wir vom Landratsamt so großzügig mit Masken und Desinfektionsmitteln versorgt worden sind", freute sich Elisabeth Taschler (Offene Behindertenarbeit der Rummelsberger-Diakonie). Allerdings kämpft auch ihre Klientel mit Problemen: "Unsere Leute sitzen seit Wochen zu Hause und das ist eine Belastung für die Angehörigen." Die sonst üblichen Aktivitäten mit den Behinderten wie etwa gemeinsame Ausflüge mit Bus und Bahn oder Museumsbesuche seien eingestellt worden. Der erste neue Ausflug soll Anfang Juli stattfinden.

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Im Frauenhaus sei der Beratungsbedarf in der Krise enorm gestiegen, sagte Andrea Hopperdietzel. Es komme einerseits zu mehr häuslicher Gewalt in den Familien, auf der anderen Seite müsse das Frauenhaus im Moment weitgehend ohne ehrenamtliche Unterstützerinnen zurecht kommen. Denn diese seien überwiegend im Seniorenalter und gehörten zur Corona-Risikogruppe.

"Es war am Anfang etwas holprig", meinte Dieter Debus von der Kreisklinik Roth: Mit Corona infizierte Mitarbeiter mussten in Quarantäne und fielen deswegen aus. Die Regelungen für den Umgang mit dem Virus hätten sich anfangs binnen Stunden geändert. Profitiert habe das Rother Krankenhaus von seinem standardmäßig vorgehaltenen Pandemie-Lager. Dort sei etwa Schutzkleidung eingelagert gewesen und "davon haben wir gelebt". Die Möglichkeiten zur Beschaffung auf dem Markt seien in den ersten Coronawochen lückenhaft gewesen. Zum Teil hätten Handwerksbetriebe wie Maler ihre FFP2-Masken und Overalls für das medizinische Personal gespendet, wofür Debus seinen Dank aussprach.


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Für den Fall, dass wichtige Medikamente ausgehen, habe die Kreisklinik Pläne für Ersatztherapien ausgearbeitet. Dabei ging es etwa um die Frage, auf welche älteren Wirkstoffe man zurückgreifen könnte, falls neuere Medikamente auf dem Weltmarkt nicht lieferbar sind.

Annegret Thümmler von "für einander" lobte die "große Bereitschaft für ehrenamtliches Engagement" in den Wochen der Krise, etwa für das Nähen von Masken. Die größte Herausforderung für ihr Team sei, diejenigen Menschen zu finden, die die angebotenen Hilfen brauchen. Diese Menschen gebe es; es gestalte sich allerdings mitunter schwierig, an sie heran zu kommen.


Anpacken bei der Tafel: Ein Selbstversuch von Claudia Weinig


Die Tafel habe Corona "schlimm erwischt", wie Robert Gattenlöhner ausführte. Viele Helfer der Tafel gehören aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe und konnten nicht weiter eingesetzt werden. Hier habe dann eine Zeitungsanzeige für Abhilfe gesorgt: 30 neue Helfer hätten sich daraufhin gemeldet. "Aber dann fehlte uns das Essen", so Gattenlöhner. Insbesondere haltbare Lebensmittel wie Reis und Nudeln seien ähnlich vergriffen gewesen wie das Toilettenpapier. Wochenlang habe die Tafel Lebensmittel dazu kaufen müssen und "das ist uns noch nie passiert."

Bei der Rother Tafel wurden erst die ehrenamtlichen Helfer und dann die Lebensmittel knapp, wie Robert Gattenlöhner erklärte. Wochenlang musste die Tafel – erstmals seit ihrem Bestehen – Lebensmittel zum Verteilen dazu kaufen. © Archivfoto: Claudia Weinig


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