Sonntag, 17.11.2019

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Lesung mit Polizeischutz: Gerd Berghofer stellt neues Buch vor

Es ist der dritte und letzte Band seiner Triologie über die Georgensgmünder Juden - 25.10.2019 20:17 Uhr

„Die Anderen 3 – Wir werden geschoben wie Marionettenfiguren“. Diesen Titel trägt das neue Werk von Gerd Berghofer, das der Autor in der ehemaligen Georgensgmünder Synagoge vorstellte, die dabei erstmals unter Polizeischutz stand. © Foto: Irene Heckel


Und wie die Zuhörerschaft empfand auch Bürgermeister Ben Schwarz: "Es zerreißt mir das Herz, dass Juden in Deutschland nach fast acht Jahrzehnten immer noch nicht sicher sein können."

Dank fleißiger Recherche und guten Verbindungen zu den Nachkommen der Gmünder Familien ist Gerd Berghofer Beachtliches gelungen. Wir kennen zwar die historischen Fakten, aber wie haben diese Menschen den Alltag gemeistert, den Verlust ihres Eigentums, ihres gewohnten Lebensumfelds, die unmenschlichen Gesetze hingenommen, ihre Ängste verarbeitet?

Neue Perspektive

Wer könnte darüber besser Auskunft geben als die Betroffenen selbst? Gerd Berghofer wählt eine neue Perspektive und gibt den Betroffenen somit eine Stimme: Den Kern bilden die Briefe Sophie Heideckers aus den Jahren 1938 bis ’42, flankiert von Schreiben ihrer Söhne.

Ergänzt werden sie von verschrifteten Zeugnissen weiterer Familienmitglieder und kurzen Briefen der Rosa Sohn. Zur Orientierung dient eine Zeitleiste der historischen Ereignisse, in die sich die Briefe einordnen lassen.

Diese beschreiben eine scheinbare Normalität, beschäftigen sich mit der Familie, der Geburt eines neuen Erdenbürgers und dem Gedeihen des Kleinen, aber auch mit der Verzweiflung der Söhne, die ihr Heimatland längst in Richtung USA und Palästina verlassen haben und ihre Bemühungen, die Eltern noch aus Deutschland herauszubekommen. Denn immer deutlicher werden die Hinweise auf die totale Ausgrenzung.

Unter Zwang enteignet

Justin Heidecker wird da in einem Brief vom 21. November 1938 an Ludolf in Jerusalem deutlich: " … dass Mutti mit Absicht nicht direkt geschrieben hat. Wahrscheinlich hat man ihnen selber nichts getan, aber für möglich halte ich es, dass man ihnen Verpflegungs- und andere Schwierigkeiten macht, wenn man nicht gar von ihnen Ausreise in naher Zeit verlangt! Mutti hat erst fünf Tage nach der Barbarei nach Basel geschrieben und weiß ihre Worte zu wählen, mit aller gebotenen Vorsicht: ’SOS’ und ’Dringlichkeit’ bedeuten also sehr viel."

1938 waren die Gmünder Juden gezwungen worden, ihr Eigentum weit unter Wert an die Gemeinde zu übereignen. Ein Schreiben von Fritz Josef Heidecker vom 1. März 1938 berichtet von einer Nachricht über den Verkauf des Elternhauses im Januar desselben Jahres.

Er schätzt die Lage richtig ein: "… dass trotzdem kein Wort über den Kauferlös darin stand und ich mir denken kann, wieviel der Abbruchwert des Hauses kleiner ist als der gebotene Kaufpreis. Vom Anfang der Affäre an war mir klar, dass der Käufer und Minnameyer (Bürgermeister) schon irgendwie zu einer Einigung kommen würden, wenn es nur auf Kosten der Juden sein würde."

"Aus Gründen der Ruhe"

"Es ist aus Gründen der Ruhe und Ihrer eigenen Sicherheit wegen nicht mehr erwünscht, dass Sie noch länger in Georgensgmünd wohnen bleiben. (…) Ein Verstoß gegen diese Anordnung hätte für Sie ernste Folgen, die Sie sich selbst zuschreiben müssten. Bis 1. Januar 1939 müssen Sie Georgensgmünd verlassen haben" heißt es im Schreiben des damaligen Gemeindeoberhaupts vom 29. November an die Familien. Es bedeutet das endgültige Ende der Jahrhunderte alten jüdischen Gemeinde. Aber wohin, wenn selbst Nürnberg schon Zuzüge verweigerte? Viele Nachrichten gehen hin und her, mit liebevollen Grüßen und guten Wünschen, aber immer auch wichtigen Details über die neuesten Schikanen.

Ab 1939 war Georgensgmünd "judenfrei". Sophie und ihr Ehemann Abraham Heidecker übersiedelten Mitte November 1938 nach München. Bereits im darauffolgenden Jahr starb er in einem Milbertshofener Lager, während seine Frau im Alter von 64 Jahren in den Osten deportiert wurde, wo sich im polnischen KZ Piaski ihre Spur verliert.

Besonders tragisch: Der betagte Abraham hatte bereits 1935/36 ein Jahr bei seinem Sohn Fritz in Palästina verbracht, sah aber trotz eingeleiteter Einwanderungsbemühungen von einer Übersiedlung ab und kehrte zurück, weil ihm die Verhältnisse dort zu unsicher schienen.

Sichtlich beeindruckt zeigte sich nicht nur die zahlreich erschienene Zuhörerschaft, sondern auch Ben Schwarz, der Gerd Berghofer für sein Buch und die intensive Forschungsarbeit Anerkennung sowie Dank aussprach.

Info

Das Buch "Die Anderen 3 – Wir werden geschoben wie Marionettenfiguren" ist zum Preis von 19,80 Euro im Buchhandel und beim Autor in Georgensgmünd erhältlich. (ISBN 978-3-9816879-9-6, Literatones- Verlag).

IRENE HECKEL E-Mail

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