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Mit Altersanzug und Rollstuhl: Busfahrer machen den Perspektivenwechsel

Mann berichtet vom "Aha-Effekt" - 07.10.2020 17:04 Uhr

Kleingeld für den Fahrschein mit Brille und Handschuhe zu suchen, ist unter Zeitdruck besonders stressig. Der Busfahrer verstärkt den Druck noch, indem er darauf hinweist, dass er die S-Bahn erreichen muss.

07.10.2020 © Foto: Landratsamt Roth


Viele Senioren und Menschen mit Behinderung sind auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) angewiesen. Um die besonderen Bedürfnisse dieser Fahrgäste besser verstehen zu können, bietet der Landkreis Roth eine Schulung an, bei der die Busfahrer die Rollen tauschen. Sie lernen, wie es sich anfühlt, mit dem Rollstuhl einzusteigen oder mit dem Altersanzug einen Sitzplatz zu suchen.


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Die Rampe zum hinteren Einstieg ist ausgeklappt. Was einfach aussieht, erweist sich als schwierig. Die Busfahrer scheitern, wenn sie versuchen, allein mit dem Rollstuhl hochzufahren. Die Rampe ist zu steil. Es klappt nur, wenn sie geschoben werden. "Und jetzt senken wir den Bus ab", ordnet Kursleiterin Elisabeth Stellmann an. Dank des so genannten "Kneeling" geht das Hineinrollen plötzlich viel leichter.

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Zweites Beispiel: Die Kursleiterin verteilt Brillen an die Busfahrer, die verschiedene Sehbehinderungen simulieren. Beim Ausprobieren verstehen sie, wie schwierig es sein muss, mit grauem Star oder Netzhautablösungen schnell einen freien Sitzplatz ausfindig zu machen. "Ich hatte so etwas wie einen Aha-Effekt", berichtet ein Busfahrer.

Gewichte an Armen und Beinen

Für den dritten Perspektivenwechsel werden die Teilnehmer mit einem Altersanzug eingekleidet. Mit Gewichten an Armen und Beinen, Bandagen und Ohrenstöpsel bewegen sie sich im Bus-Gang. "Jeder Schritt ist mühsam. Man muss aufpassen, nicht zu stolpern und sich zu verletzen", bestätigt ein Teilnehmer.

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Beim vierten Rollentausch werden Handschuhe angezogen, die feinmotorische Schwächen andeuten. "Es dauert lange, das passende Kleingeld aus dem Portemonnaie zu fummeln", gibt ein Busfahrer zu. Die Stress-Situation wird verstärkt, indem der Busfahrer verbal Druck aufbaut, weil er die S-Bahn erreichen muss.

Zum Erfahrungsaustausch tragen die Schwerbehindertenbeauftragten des Landkreises bei. Sie berichten über den Alltag mobilitätseingeschränkter Personen sowie den Umgang mit ihnen in der Öffentlichkeit.

Augen öffnen 

Die Schulung ist ein Pilotprojekt mit der Firma Röhler, die unter anderem den Stadtbus in Roth betreibt. "Anfangs sind die Teilnehmer noch skeptisch, denn sie erwarten viel Theorie. Aber die praktischen Übungen öffnen den Busfahrern die Augen. Wir erhoffen uns dadurch mehr Rücksichtnahme im Umgang mit mobilitätseingeschränkten Personen", erklärt Projektleiterin Kerstin Schleier.

Vertreter des Verkehrsverbundes Großraum Nürnberg (VGN) loben die Veranstaltung, die VGN-weit derzeit die einzige dieser Art ist. Eine Fortsetzung im Landkreis Roth ist geplant.

 

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