Raketen und Versteigerung: Letzte Party in Rother Stadthalle

3.2.2018, 05:58 Uhr
Abrissbirne und -bagger werden in den nächsten Tagen kurzen Prozess machen mit einer Festhalle, die nach dem Krieg und in Zeiten des allgemeinen Aufschwungs das gesellschaftliche Leben in der Stadt Roth wie kein anderes Gebäude prägte.

© Fotos: Pühn Abrissbirne und -bagger werden in den nächsten Tagen kurzen Prozess machen mit einer Festhalle, die nach dem Krieg und in Zeiten des allgemeinen Aufschwungs das gesellschaftliche Leben in der Stadt Roth wie kein anderes Gebäude prägte.

Die Kreisstadt Roth ist um ein Stück Stadtgeschichte ärmer. Die Abrissbirne wird in den nächsten Tagen kurzen Prozess machen mit einer Festhalle, die nach dem Krieg und in Zeiten des allgemeinen Aufschwungs das gesellschaftliche Leben in der Stadt wie kein anderes Gebäude prägte.

Am Donnerstagabend wurde die Stadthalle unter der Federführung des Bürgermeisters endgültig leer geräumt. Wer nicht nur gekommen war, um bei der Versteigerung von Bänken, Tischen, Fahnen, Geschirr, der Küche oder au"h der Bareinrichtung (Edelhäußer: "Bin zufrieden mit dem Ergebnis") mitzubieten, schwelgte in Erinnerungen an Zeiten, da die Stadthalle stets rappelvoll war, wenn eines der regelmäßigen Großereignisse anstand.

Der Rother hat an sich wenig mit dem Rheinländer gemein. Und doch kochte die Halle oft über vor Lebensfreude. Was sicherlich mit am rustikal-charmanten Bretterbau lag. Man fühlte sich eben ganz wie daheim, selbst wenn sich die Dekoration meist auf eine Reihe von Fahnen beschränkte, die an den für die Halle typischen Stützsäulen angebracht waren. Beim Fasching allerdings zeigten die Rother Fantasie. Sogenannten Themenbälle waren eine Klasse für sich. Das Haus in der Regel ausverkauft, die Tanzfläche meist dicht bevölkert und in der Bar stets drangvolle Enge.

Rückblick mit Wehmut

Das Pächterehepaar Monika ("Moni") und Siegfried Schmidt, das in den Hoch-Zeiten der Stadthalle 22 Jahre lang die Rother bewirtete, blickte am Donnerstagabend – genau wie viele andere – mit Wehmut zurück. Abseits der Versteigerung, bei der Bürgermeister Ralph Edelhäußer zu Hochform auflief, wurden Dutzende von Episoden erzählt und dabei auch viel gelacht.

Von Silvesterfahrten ins Blaue, bei denen Rother mit dem Zug nach Nürnberg fuhren, dort in den Bus stiegen und dann zur Überraschung aller zur Stadthalle in ihrer Heimatstadt kutschiert wurden, war die Rede. Oder von den regelmäßigen Skatturnieren, bei denen stets um die 250 Teilnehmer für grandiose Rauchwolken unter der Hallendecke sorgten. Die entsprechenden Automaten mussten an diesem Tag mehrmals aufgefüllt werden, erinnerte sich Siegfried Schmidt.

Seiner Frau Moni, einer Wirtin mit Leib, Seele und viel Herz für die Gäste, blieb unvergessen, als es bei einer Versammlung des Bauernverbandes galt, zur Mittagszeit über 1000 Besucher zu verköstigen. Oder wenn an einem Kirchweihmontag bereits früh um halb sieben die ersten Vereinsanhänger auftauchen, um auf der Terrasse für sich und ihre Kollegen die besten Plätze zu reservieren. Bis zu dreieinhalbtausend Menschen bevölkerten am "höchsten Rother Feiertag" oft Halle und Terrasse.

Schwerstarbeit für die Wirtsleute und ihr Personal

Am meisten angetan hatten es Moni Schmidt die Landfrauen-Tage. Für die Bäuerinnen aus der ganzen Region wurden die Tische stets mit besonderer Sorgfalt gedeckt. "Diese tüchtigen Frauen haben sich einen schönen Tag verdient", war ihre Meinung. Das Gästebuch der Stadthalle übrigens hat im Heim der Schmidts in der Nürnberger Straße einen Ehrenplatz bekommen. Darin verewigt hat sich unter anderem Kabarettist Dieter Hildebrandt. Zu seinen "Notizen aus der Provinz" strömten die Rother wie kaum zu einem anderen Künstler, weiß Siegfried Schmidt.

Viel zu erzählen hatte auch Club-Idol Heiner Müller. Der Mittachtziger erinnerte an (Nachkriegs-)Zeiten, in denen unter der Regie der Amerikaner die Stadthalle hauptsächlich als Sportstätte diente. Mit Boxring in der Halle und Baseball vor der Halle. In der Halle wurde eine Zeitlang regelmäßig Handball gespielt, wobei die Stützpfeiler mit Matratzen abgesichert waren, um das Verletzungsrisiko zu verringern.

Und wenn der TSV-Platz am Schleifweg eingeschneit war, trainierten die Schützlinge von Fußball-Trainer "Papa" Hügel in der Stadthalle. Fiel dabei eines der Oberlichter in Scherben, was immer wieder einmal vorkam, drohte der Trainer mit Backpfeifen. Nur bei Heiner, dem großen Talent der TSV-Kicker, zeigte er Verständnis. "Kann passieren", hieß es dann.

Mappe mit Bildern der Vergangenheit

Stadträtin Elisabeth Bieber war am Donnerstag ebenfalls eine gefragter Partnerin, wenn es galt, die Vergangenheit aufleben zu lassen. Sie hatte eine Mappe mit Bildern angelegt, die zeigten, dass Modenschauen lange Jahre ein Renner waren. Gleich ob das große Modehaus Wöhrl oder die Handarbeitsstube der ehemaligen Bürgermeisterin einluden.

Für ihren Kollegen Heinz-Peter Bieberle, der für die katholische Pfarrgemeinde einige Stühle ersteigerte, war, als er 1969 nach Roth kam, vor allem Kirchweih-Kapellmeister Jackl Strobl ein prägendes Erlebnis. Dessen obligatorisches Schlusslied "’s is’ Feierabend" hätte am Donnerstag zur Nachtzeit wohl besser gepasst als Discomusik und Feuerwerk, um der nostalgisch angehauchte Stimmung in der Halle gerecht zu werden.

Mit einem viel hundertstimmigen "'s is’ Feieromd, 's is’ Feieromd, es Togwerk is vollbracht, 's gieht alles seiner Haamit zu, ganz sachte schleicht de Nacht", endete dazumal jeder Kirchweihabend.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Stadthalle, deren Daten in der Abbruchausschreibung (Abbruch, Entsorgung, Entsiegelung, Oberflächenwiederherstellung) ausgesprochen nüchtern daher kommen: 59 Meter lang, 30 Meter breit, 3,5 bis 9,5 Meter hoch, 1600 Quadratmeter Grundfläche, unterkellert, Holzständerbauweise, teilweise mit Betonbodenplatte, Ziegelhohlblocksteine, 6000 Quadratmeter künstliche Mineralfaser, Erdbewegung bis 5000 Kubikmeter.

Trotz dieser eindrucksvollen Auflistung dürfte sich in den nächsten Tagen brachiale Gewalt in Grenzen halten. Schließlich vermerkt die Ausschreibung auch eine "baubiologische Begleitung aufgrund von Fledermäusen (bauseits)". Soll heißen, dass beim Abbruch ein besonderes Augenmerk auf diese fliegende Insektenjäger, die im Obergeschoss der Stadthalle vermutet werden, liegen muss. Heimische Fledermausarten stehen bekanntlich unter Naturschutz. Die Stadthalle aber (leider?) nicht unter Denkmalschutz.

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