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Reiseziel Tschernobyl: Rother besuchen eine Geisterstadt

Wie sieht es heute in Prypjat aus? Dort havarierte 1986 das Atomkraftwerk - 20.11.2019 15:27 Uhr

Reiseziel Prypjat: Eine private Reisegruppe aus Roth hat sich vor Ort in der Ukraine auf die Spuren der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 gemacht. © Foto: privat


Zwar lässt sich über den GAU in der damals sowjetischen Republik Ukraine viel in Büchern und Fernseh-Dokumentationen erfahren – doch die "echte Sache" zu erleben, sei eine ganz andere Hausnummer, meint Weidmann. Bereits vor zwei Jahren spielte er mit dem Gedanken, sich vor Ort ein Bild von der Katastrophe in der Stadt Prypjat zu machen. In deren Nähe steht der verunglückte Reaktor heute noch, verschlossen unter einem großen "Sarkophag" aus Stahl und Beton. Bisher schreckte Weidmann vor der Reise noch zurück. Doch: "Nachdem Direktflüge von Nürnberg nach Kiew möglich sind, habe ich die Chance ergriffen."

Frische Pilze waren untersagt

Das Vorhaben stieß in seinem Freundeskreis auf breites Interesse. Nach einer Fernsehserie über das Unglück wurde die "Reisegruppe" um Weidmann immer größer: 14 Bekannte aus Roth und den Ortsteilen wollten an der Reise teilnehmen. Statt weiterer großer Worte wurden Flugtickets organisiert, und es ging los. "Das Herbst-Feeling verlieh dem Trip in der verlassenen Ortschaft etwas Besonderes", erklärt Weidmann rückblickend. Und: "Ich bemerkte, dass das Thema vor allem die Leute unter 40 Jahren begeistert. Bei den Älteren sorgt Tschernobyl eher für Kopfschütteln und sogar Entsetzen."

Weidmann war zwölf Jahre alt, als die radioaktive Wolke, die nach dem Reaktorunfall frei wurde, die Kreisstadt Roth erreichte: "Ich kann mich aber an nichts mehr erinnern." Viele Mitreisende seien damals einfach zu jung oder noch nicht geboren gewesen. Jörg Wechsler hat dunkel die eine oder andere Erinnerung: "Meine Eltern ließen mich bei Regenwetter nicht draußen spielen. Frische Pilze zu essen, war untersagt."

"Ziemlich surreal"

In der Ukraine durfte ein Besuch in der Hauptstadt Kiew nicht fehlen, auch ein Fußballspiel schauten sich die Rother an. Ziel der Reise war aber die "Sperrzone": Die Reiseleiterin habe sich für die Gruppe viel Zeit genommen, berichtet Weidmann: "Olya ging auf unsere Wünsche ein und erklärte vieles über das Unglück – die Folgen und die aktuelle Lage." Die Spezialistin führte die 15 durch die verstrahlte Geisterstadt und "hatte Fotos dabei, wie die Gebäude früher aussahen."


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"In der Sperrzone wurden wir mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt Prypjat wie Riesenrad und Autoscooter konfrontiert", erklärt Weidmann. Auch weniger frequentierte Bereiche seien besichtigt worden: "In einem verlassenen Krankenhaus liegen noch immer die Klamotten der damals eingesetzten Feuerwehrleute, die am meisten Strahlung abbekommen haben." Als "ziemlich surreal" empfand Martin Rosenbauer den Besuch. Er habeTschernobyl nur aus dem Fernsehen oder dem Internet gekannt und "auf einmal fährt man in 30 Metern Entfernung vom Sarkophag vorbei." Beeindruckt habe ihn, wie schnell sich die Natur wieder alles zurückgeholt hat: "Das ist Wahnsinn."

Über die Strahlung machte sich Rosenbauer kaum Gedanken: "Die Werte sind nicht höher als im 100 Kilometer entfernten Kiew." Es gebe zwar diverse "Hotspots", an denen man sich nicht auf den Boden legen dürfe. Auch gegessen werden sollte dort nichts. "Bei verantwortungsvollem Verhalten besteht kaum Gefahr", meint Rosenbauer. Zurück in Roth zieht Rosenbauer über die Tage in der Ukraine ein zwiespältiges Fazit: "Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit. Kiew ist eine großartige Stadt mit vielen Kirchen und Denkmälern." Trotz der Begeisterung zeigt er sich besorgt: "Wir hoffen, dass der Sarkophag die erhofften 100 Jahre hält."


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