"Die meisten ertrinken lautlos"

Retter in der Not: Dieser Mann sorgt ehrenamtlich für Sicherheit am Rothsee

29.7.2021, 12:19 Uhr
Sieht nach Spaß aus und macht auch Spaß: Nur zum Spaß fährt Stefan Hertel mit dem Rettungsboot aber nicht herum, sondern er fährt Kontrollstreife über den Kleinen Rothsee. Außerdem wird das Boot zum Transport von Badenden in Schwierigkeiten benutzt.

Sieht nach Spaß aus und macht auch Spaß: Nur zum Spaß fährt Stefan Hertel mit dem Rettungsboot aber nicht herum, sondern er fährt Kontrollstreife über den Kleinen Rothsee. Außerdem wird das Boot zum Transport von Badenden in Schwierigkeiten benutzt. © Stefan Hippel, NN

Birkach, zehn Uhr, die Sonne brennt: Während Stefan Hertel die weiße Flagge am Mast hochzieht, bläst Vater Reiner auf einer alten Fanfare dazu. Stammgäste kennen das Spektakel am Kleinen Rothsee im Fränkischen Seeland schon und spenden Applaus. Die gehisste Flagge bedeutet, die Wachtstation ist besetzt. "Das muss schon mit a weng Hurra sein", findet Reiner Hertel, der bei den Wasserwachtlern "Vati" genannt wird. Deshalb, weil er von seinen Kindern angeworben wurde.

Sympathisches Duo: "Vati" und Sohn

Seine Tochter Rebecca ist schon lange dabei. Am längsten ist aber sein Sohn Stefan dabei. Der 37-Jährige mit den rötlichen Haaren ist ein stillerer Typ. Seine Leidenschaft für dieses Ehrenamt ist aber voll da. Seit 25 Jahren ist er bei der Wasserwacht Hilpoltstein, als Kind kam er über die Schwimmgruppe dazu. Er wollte gern Sport machen, aber bitte kein Fußball, erzählt er lachend, während er auf der Bierbank vor der Station am Kaffee nippt.


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Herumsitzen und Kaffee trinken, so sieht für den flüchtigen Betrachter der Job von außen vielleicht oft aus. Dass die Wasserwachtler hier ehrenamtlich ihre Freizeit opfern, eine fundierte Ausbildung absolviert haben und auch Bürodienst leisten, sieht keiner. Jeder Dienst muss genau protokolliert werden.

Jeder Dienst wird protokolliert

Ein kleines Büro gibt es deshalb in der hölzernen Station, die sich neben dem See-Restaurant befindet. Hier halten die Wasserwachtler Funkkontakt zu den anderen Ortsgruppen und auch zum Großen Rothsee. Auch für Grashof, die andere Seite des Kleinen Rothsees, sind sie zuständig. "Wir müssen auf alle aufpassen", formuliert es Stefan Hertel, der sonst keine Badegäste, sondern Datenbanken betreut.

Für das Spektakel gibt es von den Badegästen immer Applaus: „Vati“ Reiner Hertel bläst die Fanfare, während sein Sohn Stefan die Flagge der Wachtstation hisst.

Für das Spektakel gibt es von den Badegästen immer Applaus: „Vati“ Reiner Hertel bläst die Fanfare, während sein Sohn Stefan die Flagge der Wachtstation hisst. © Stefan Hippel, NN

Von Mai bis September geht die Saison, je nach Wetterlage. Immer an den Wochenenden ist die Wachtstation besetzt. Der Sommer 2021 startete spät, deshalb ist dieser Samstag im Juni Hertels erster Seedienst des Jahres. Ungefähr zehn davon hat er eingeplant. Der Dienstplan ist flexibel, je nachdem wie viele Kollegen einsatzfähig sind.

Anders als "Baywatch"

Zu viert sind sie an diesem Tag. Beginn ist um zehn Uhr, Ende um 18 Uhr. "Typischerweise", sagt Hertel", "passiert etwas, wenn schon Dienstschluss war." Dann setzt er sich ins Auto und fährt eben wieder zurück. "Wer kann, galoppiert los", sagt Vater Hertel. Auch wenn bei der Gartenfeier der Grill schon angeworfen wurde. Stefan Hertel gehört auch zur Taucher-Gruppe. Im schlimmsten Fall müssten sie nach Leichen tauchen. Erfreulicherweise, sagt er, liegt die Anzahl der schweren oder tödlichen Badeunfälle pro Jahr hier im einstelligen Bereich.

Aber auch im Rothsee ertrinken immer wieder Menschen. Zum Beispiel weil sie ein körperliches Problem haben, das an Land schon gefährlich ist und im Wasser noch gefährlicher: ein Herzinfarkt etwa. Alkohol kann auch ein Grund sein.

"Die meisten ertrinken lautlos"

Ertrinkende, die laut schreiend um sich schlagen, wie es oft in Filmen gezeigt wird, entsprechen dabei nicht der Realität. "Die meisten ertrinken lautlos", sagt Stefan Hertel. Zu zweit ins Wasser zu gehen, sei deshalb eine gute Idee. Viele Sport-Schwimmer, die alleine unterwegs sind, benutzen kleine Schwimm-Bojen. Zum einen wird man besser gesehen, zum anderen kann man sich im Notfall daran festhalten.


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Wer sich den Dienst bei der Wasserwacht vorstellt wie die Serie "Baywatch", bei der sich David Hasselhoff alle fünf Minuten zur Lebensrettung in die Fluten stürzte, liegt falsch: Die meisten Einsätze finden an Land statt. Menschen, die beim Anstehen in der Pommes-Schlange in der Sonne Kreislaufprobleme bekommen, Insektenstiche, Zeckenbisse. Prompt kommt ein Vater mit seinem weinenden Sohn, der einen Insektenstich am Fuß hat. Vati Hertel nimmt sich der Sache an: Stachel raus, Pflaster drauf, Tränen trocknen. Kurz darauf erkundigt sich eine Mutter, ob es hier wohl Schwimmflügel zu kaufen gibt. Hertel verweist auf ein Sportgeschäft im nächsten Ort. "Die Leute kommen mit allem zu uns", sagt Stefan Hertel. "Manche denken auch, wir sind die Hausmeister", fügt Vati an. Die Erwartungshaltung der Leute sei gestiegen, sagen beide.

Für keinen Cent die Wochenenden opfern, warum macht man das? "Das Engagement lebt von der Gemeinschaft", sagt Olaf Pfeiffer, Vorsitzender der Kreiswasserwacht, der bei den Kollegen heute vorbeischaut. Viele kommen als Schüler über die Schwimmgruppen, bestenfalls läuft es wie bei Stefan Hertel: Sie bleiben begeistert dabei. Viele sind dann aber in der Pubertät weg, wegen Schulstress oder anderer Interessen.


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Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Wasserwachtler bewegen. Helfen sollen sie natürlich, aber medizinisch eingreifen dürfen sie nicht. Dafür ist der Notarzt da. In rund acht Minuten schafft er es zum See. Wer als Wasserwachtler im Einsatz ist, hat die Grundlagen einer Sanitätsausbildung, dazu kommen weitere Ausbildungen wie etwa der Rettungsschwimmer. Rund 20 bis 25 Wochenenden braucht man dazu. Neben dem Job in der Freizeit absolviert, dauert es etwa ein bis eineinhalb Jahre.

Ein ertrunkener Karpfen

In Birkach geht es trotz der großen Hitze an diesem Tag noch gemäßigt zu, auf der anderen Seite wird es bald krachend voll. "Manchmal sieht man hier kein Fleckchen Grün mehr - es sei denn ein Handtuch ist grün", scherzt Stefan Hertel. Mit der Presse fährt er eine Runde mit dem Rettungsboot über den See. Angenehm kühl zischt die Luft vorbei. Zum Spaß wird aber nicht gefahren sondern regelmäßig zur Kontrolle. Neulich mussten sie jemanden holen, der auf der Badeinsel im See saß, mit ausgekugelter Schulter. An diesem Samstag war die größte Tat des Tages die Bergung eines Fisches. "Ein ertrunkener Karpfen", sagt Reiner Hertel und lacht. Ein Badegast hatte auf das Seeungeheuer aufmerksam gemacht. Auch darum kümmert man sich dann halt bei der Wasserwacht. Und danach ist es dann vielleicht tatsächlich wieder Zeit - für einen Kaffee.

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