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Sonntag, 16.06.2019

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Systemsprenger und Korridorkinder: Kommunen brauchen Hilfe

Für Kindergartenkinder und psychisch auffällige oder straffällige Jugendliche fehlen Plätze. - 08.06.2019 06:01 Uhr

Wenn Jugendliche sich abkapseln, nicht mehr erreichbar sind, abhauen und Straftaten begehen, ist guter Rat teuer. Dem Jugendamt im Rother Landratsamt fehlen außerdem Plätze in stationären Kliniken für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen. © Symbolfoto: colourbox.de


Wie Manfred Korth vom Jugendamt im Ausschuss für Jugend und Familie berichtete, "hatte ich vor zehn Jahren einen solchen Fall im Jahr. Inzwischen ist es einer im Monat." Darunter seien Jugendliche, die daheim ihr eigenes Zimmer anzünden oder versuchen, einem Polizisten die Dienstwaffe zu entreißen. Aber, so Korth weiter: "Diese Fälle sind hochkomplex und jeder Fall ist anders. Das sind ganz schwere Schicksale."

Über die Auslöser für die massiven Probleme der Jugendlichen kann Korth nur spekulieren: "Manchmal spielt die Trennung der Eltern eine Rolle oder eine psychische Erkrankung." Auch die Pubertät, in der sich junge Menschen ohnehin gegen die Gesellschaft und die Eltern auflehnen, käme als verschärfender Faktor dazu. Und immer öfter wisse er in solchen Fällen nicht mehr weiter. Denn selbst, wenn es etwa eine gerichtliche Anordnung für eine stationäre Unterbringung eines psychisch auffälligen oder straffälligen Jugendlichen in einer geschlossenen Klinik gebe, "finde ich oft keine Einrichtung, die die jungen Leute aufnimmt. Die sind alle voll."

Eine Lösung? Nicht in Sicht

Was dann passiert? "Wenn ich gar nichts anderes finde, müssen die Eltern die Situation aushalten, bis ich was gefunden habe", meint Korth. Und: "Das tut mir selber richtig weh." Die Fachliteratur sei inzwischen voll von Berichten zu diesem Thema, so Korth weiter: "Aber eine Lösung hat keiner parat." In der Zwischenzeit, bis sich ein Weg auftut, müsse damit gerechnet werden, dass die Jugendlichen abhauen und von der Polizei weit entfernt, zum Teil in anderen Bundesländern wieder aufgegriffen werden. Wenn sie mit Drogen in Kontakt kämen, werde alles noch schlimmer.

Womöglich kommt aber jetzt Bewegung in die Situation: Die Leiter mehrerer Jugendämter aus verschiedenen Landkreisen (Korth: "Die haben alle das gleiche Problem.") wollen sich an die Regierung von Mittelfranken und die Bayerische Staatsregierung wenden. Das Ziel: Abhilfe schaffen, zum Beispiel durch die Aufstockung der Klinikplätze. Außerdem müsse die Zusammenarbeit der Psychiatrie mit den Jugendämtern verbessert werden, fordert Korth.

Zu wenig Plätze gibt es derzeit auch in vielen kommunalen Kindertagesstätten. Aus diesem Grund wird aktuell das Feuerwehrhaus von Kammerstein, das Gemeindehaus in Rednitzhembach und der Jugendtreff in Büchenbach behelfsweise zur KiTa umgestaltet. An anderen Standorten wie Allersberg werden Kindergärten mit Containern baulich erweitert.

Die Plätze sind blockiert

Das berichtete Ilse Hoffinger im Jugend- und Familienausschuss. Ausgelöst wird die Platzknappheit durch die in den vergangenen Jahren wieder steigende Geburtenquote. "Außerdem ist der Landkreis Roth ein Zuzugslandkreis", so Hoffinger. Hier mache sich die Wohnungsnot in Nürnberg bemerkbar, so dass die Menschen vermehrt in die Städte und Gemeinden im Umland ziehen.

Nicht zuletzt gebe es dieses Jahr eine Ausnahmesituation durch eine Änderung der Regelungen zur Einschulung: Eltern konnten sich bis Anfang Mai entscheiden, ob sie ihr Kind regulär einschulen oder noch ein Jahr länger im Kindergarten lassen wollen. Diese Möglichkeit hätten viele Eltern genutzt, so dass jetzt viele ältere "Korridorkinder" die Plätze weiter belegen, während von unten neue Jahrgänge nachrücken.

Hoffinger erklärte, dass sich die Gemeinden redlich bemühen würden, Abhilfe zu schaffen. Allerdings dauere es mitunter seine Zeit, bis umgewidmete Gebäude wie Feuerwehrhäuser oder Jugendtreffs eine bauliche Genehmigung für den Betrieb einer Kindertagesstätte bekommen. Dafür gelten schärfere Sicherheitsvorschriften, etwa bezüglich der Fluchtwege, und Hygieneanforderungen, etwa für die Sanitäranlagen. Außerdem müssten die Gemeinden erst genug Personal finden, damit die zusätzlichen Plätze auch betreut werden können. 

MARTIN REGNER E-Mail

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