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Freitag, 03.07.2020

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Wasserzell: Warten auf Richelson

Ehepaar will Adoptivsohn mittels privat gechartertem Flug aus Haiti holen. - 06.06.2020 06:00 Uhr

Bei ihrem Besuch auf Haiti 2019 haben Oliver, Tanja und Edynelson „Edy“ Walter den kleinen Richelson (links) kennen- und lieben gelernt. Jetzt, nach Abschluss des Adoptionsverfahrens, harrt der Vierjährige in einem Kinderheim an der Südküste darauf, abgeholt zu werden. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn Corona ist im Land angekommen. Voraussichtlich am 19. Juni soll nun ein privat gecharterter Flieger zwölf Adoptivkinder ausfliegen. Unter ihnen auch Richelson. © Foto: Oliver Walter


In Südamerika soll die Pandemie ihren absoluten Höhepunkt, den berühmt-berüchtigten "Peak", Mitte des Jahres erreichen. So lauten die Prognosen. Welche Auswirkungen das dann für Haiti habe, wollen sich Oliver Walter und seine Frau Tanja (47) gar nicht ausmalen.

Die in Wasserzell bei Spalt lebenden Eheleute kennen das haitianische Gesundheitssystem von mehreren Aufenthalten her und wissen, dass es kurz vor dem Kollaps steht. Sie haben die Armut der Menschen gesehen und die brodelnde Unruhe im Volk erlebt, die sich gegen eine bestechliche Regierung richtet. "Was da also in einem Corona-Ausnahmezustand passiert, kann niemand vorhersehen ..." Deshalb wollen sie ihn nachhause holen, ihren Sohn Richelson. Lieber heute als morgen.

Richelson ist viereinhalb Jahre alt und der leibliche Bruder von Edynelson (9). Die zwei haitianischen Jungs wurden von den Walters adoptiert, nachdem das Paar keine eigenen Kinder bekommen konnte. Ein glücklicher Zufall sei´s gewesen, der sie nun in Wasserzell zusammenführt.

"Edy" lebt bereits seit 2013 in dem einladenden blauen Holzhaus, das auf dem Weg nach Spalt freundlich zur Straße hin grüßt; beim kleinen Richelson hat das aufwändige Adoptionsprocedere soeben erst ein Ende gefunden. Gleichwohl sei damit die Aussicht darauf, den Buben demnächst in die Arme schließen zu können, zum Greifen nah gerückt, betont Tanja Walter. Doch dann machte das Coronavirus der Sache einen Strich durch die Rechnung.

Geahnt habe man es zwar, doch Ende März teilte "Help a child e.V.", die Adoptionsvermittlungsstelle der Walters, auch schriftlich mit: "Niemand darf mehr ein- und ausreisen" auf Haiti. Das treffe die Kinder in den Heimen natürlich "besonders hart", heißt es im Schreiben. Für junge Menschlein wie Richelson, deren Adoptionsverfahren just abgeschlossen werden konnten, und die nur noch darauf warten, von ihren europäischen Eltern abgeholt zu werden, bedeutet das nämlich: Der Beginn eines neuen Lebens ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Stattdessen steht den Kleinen nun ein pandemisches Geschehen mit ungewissem Ausgang bevor.

Eigentlich. Denn Vorstand und Mitglieder von "Help a child e.V." sind angesichts der angespannten Lage nicht untätig geblieben: "Nach intensiven Bemühungen, sehr enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden wie dem Auswärtigen Amt, den beteiligten Jugendämtern, der Deutschen Botschaft in Haiti, aber auch durch die Hilfe der Adoptivfamilien ist es uns gelungen, eine Fluggesellschaft zu finden, die sich bereiterklärt, nach Haiti zu fliegen und die betroffenen Kinder abzuholen", teilte die Adoptionsvermittlungsstelle in Kaltenengers bei Koblenz "ihren" Adoptiveltern mit.

Dass es den Verantwortlichen ernst damit war, stellte sich spätestens am 9. Mai heraus: Da landete in Karlsruhe ein privat gechartertes Flugzeug mit zehn haitianischen Adoptivkindern. Richelson war nicht dabei. Noch nicht. "Um alle Kinder rauszuholen, muss es nochmal einen Sonderflug geben", macht die umtriebige "Help a child"-Koordinatorin Bea Garnier-Merz klar.

Für Tanja, Oliver und Edy Walter freilich eine "super Sache". Eine, die allerdings ihren Preis hat. Kostet die Adoption mit allem Drum und Dran allein schon um die 20 000 Euro, so schlägt die Charter-Aktion nochmals mit rund 100 000 Euro zu Buche. Ein Betrag, den die betroffenen Familien natürlich gemeinsam schultern, erklärt Tanja Walter.

Gut sei´s daher, dass sich das Unterfangen zu eine Art "paneuropäischem Projekt" ausgewachsen habe, weil sich auch andere Adoptionsvermittlungsstellen innerhalb Europas angeschlossen hätten, wie die Walters berichten.

So wären nun neben vier deutschen Paaren, die ihre Kinder aus gegebenem Anlass so schnell wie möglich bei sich haben möchten, auch zwei französische und zwei belgische Familien sowie eine aus Italien beteiligt. "Jeder von uns zahlt wirklich alles, was er erübrigen kann", versichert Oliver Walter, der als Rhetorik-Coach und Freier Redner arbeitet, während Ehefrau Tanja im Übersetzungsmanagement bei Siemens tätig ist.

Doch das aufgewendete Geld reicht noch nicht. Drum sei man auf Spenden angewiesen, unterstreichen die Walters. In den sozialen Medien, bei Freunden, Bekannten oder regionalen Firmen habe man bereits entsprechende Aufrufe gestartet. Und ja, es sei "auch schon was reingekommen", bestätigt Bea Garnier-Merz von "Help a child e.V.".

Der Flieger ist jedenfalls startklar. Er soll – aller Voraussicht nach – am 19. Juni abheben, um zwei Tage später wieder in Köln zu landen. Mit zwölf ehemaligen Heimkindern aus Haiti. Und diesmal geht, wenn alles gut läuft, auch der kleine Richelson von Bord der Maschine. "Wir sind zuversichtlich, dass es klappt", sagt Oliver Walter. Schon wegen Edynelson. Denn für den sei die Zukunft mit seinem leiblichen Bruder "einfach der Jackpot".

InfoWer die Aktion finanziell unterstützen möchte, kann auf folgendes Konto spenden: "Help a child e.V.", Sparkasse Koblenz, IBAN: DE08 5705 0120 0000 1175 07, BIC: MALADE51KOB, Verwendungszweck "Sonderflug Kinder Haiti" (Spendenquittung bei Angabe von Name und Adresse des Spenders möglich).

Eine Zukunft mit

seinem leiblichen Bruder ist für Edy der Jackpot.

PETRA BITTNER

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