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Mittwoch, 30.09.2020

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Zuschauermagnet ohne Publikum und Doppel

Die leere Halle bedeutet für die Tischtennis-Hochburg Hilpoltstein leere Kassen - 04.09.2020 17:06 Uhr

Die erste TT-Garnitur des TV Hilpoltstein gelb bis über die Nase: Dennis Dickhardt, David Reitspies, Neuzugang Hermann Mühlbach, Hannes Hörmann und Alexander Flemming.

© Foto: Paul Götz


Der stellvertretende Abteilungsleiter Uli Eckert nahm die Situation zum Anlass, auf das "einzigartige Sponsorenkonzept" des Vereins hinzuweisen, der seit Jahrzehnten auf treue Unterstützer zählen kann. Das habe sich nun als wichtiger Mosaikstein zum Erfolg herausgestellt. Abteilungsleiter Norbert Nachtrab konkretisierte, dass fehlende Einnahmen durch Zuschauer und Bewirtung erhebliche Effekte auf den Etat haben, der TV könne aber auf Rücklagen zurückgreifen und werde die Saison mit einem Minus abschließen.

Assistenz bekamen die Abteilungsleiter von Neuzugang Hermann Mühlbach, der sich bei der Gelegenheit als Hobby-Statistiker outete: "Die Unterstützung wie in Hilpoltstein auch durch die Sponsoren ist überhaupt nicht üblich, das ist bei anderen Vereinen bei weitem nicht so. Schon eher fragt man sich da, ob man überhaupt weitermachen kann. Soviel Rückzüge von Mannschaften wie jetzt hat es noch nie gegeben."

Die Rahmenbedingungen, die die Politik den Vereinen setzt, kann dem Zuschauerkrösus nicht gefallen. In Bayern ist noch kein Publikum in der Halle zugelassen, eingelassen werden maximal 100 "Beteiligte". Anderswo, zum Beispiel beim Auftaktgegner Dortmund in einer Woche, darf das Publikum rein. "Das tut uns extrem weh", versichert Nachtrab, "Hilpoltstein lebt von der Stimmung." Damit die Fans nicht von der Stange gehen, liebäugelt man neben dem Live-Ticker damit, einen Internet-Stream zu etablieren, wie es ihn schon mal in der Pokal-Hauptrunde gab. Noch nicht geklärt sind mit dem Verband lizenzrechtliche Dinge.

Die Hilpoltsteiner Cracks dürfen seit Beginn der Woche wieder in die Stadthalle, nicht jedoch dort unter die Dusche. Die Spielordnung macht sie zumindest bis Ende der ersten Halbserie zu Solisten. Die DTTB-Ligen werden nicht nur in der 1. Bundesliga bis zur "Winterpause" keine Doppel spielen, sondern bis runter zur Regionalliga. Die Begegnungen werden nicht abgebrochen, wenn der Sieger feststeht. Vielmehr werden alle acht Matches durchgezogen (in der Regionalliga entsprechend mehr). Zwischen den Spielen werden Lüftungspausen eingelegt. Im Winter mehr und kürzere als im Sommer. Gegen eine durchgängige Lüftung der Stadthalle haben sich die Spieler ausgesprochen, weil es dann anfängt zu ziehen.

Dass man sich auch auf eine Verschlechterung der Lage eingerichtet hat, deutete Nachtrab im Umkehrschluss an: "Ich hoffe, dass die Saison nicht wieder abgebrochen wird und dass wieder Zuschauer zugelasssen werden."

Nicht erfüllt wurde die Spekulation, dass Corona für durchgehende Bescheidenheit bei den Vereinen sorgt. "Ich war entsetzt, als ich gesehen habe, wie die Qualität der Konkurrenz zugenommen hat", gestand Uli Eckert, auch in dieser Sache assistiert von Statistiker Hermann Mühlbach: "Die QTTR-Zahlen in der 2. Liga sind so stark und so eng wie nie."

Vor- oder Nachteil?

Die TV Hilpoltstein rangiert diesbezüglich momentan von den zehn Vereinen auf Platz acht. Was das bedeutet, wischte Kapitän Alex Flemming vom Tisch: "Wir waren vorige Saison zur Halbzeit Dritter und beim Saisonabbruch Fünfter. Fast alle Spieler hatten eine positive Bilanz." Nur er selbst beendete die Runde mit einer ausgeglichenen Quote. Nach einer überragenden Saison zuvor hatten die Doppel in der zurückliegenden Runde weniger Erfolg. Flemming wollte sich deshalb nicht zu einer klaren Aussage verleiten lassen, ob das Storno der Doppel ein Vor- oder ein Nachteil für die eigene Crew sei.

Als Spitzenspieler bietet der TV Hilpoltstein erneut David Reitspies auf. Der hat das Kunststück fertig gebracht, trotz Lockdown und sonstiger Beschränkungen in Tschechien mehr Spiele zu absolvieren als sonst. 370 Einzelmatches sammelte er als Vorbereitung an und schaffte es zudem, eine Hochzeit dazwischen zu schieben.

Bei Pilot Dennis Dickhardt, der wieder auf Position drei gesetzt ist, bot die vorübergehende Einstellung des Flugbetriebes viel Zeit für den Sport. Voller Vorfreude ist Neuzugang Hermann Mühlbach, der den nach Salzburg gewechselten Argentinier Francisco Sanchi ersetzt. Er gestand, dass er sich schon seit drei Jahren um ein Engagement in Hilpoltstein bemüht habe. Bis die Fans seine sensationellen Aufschläge – er wirft den Ball bis knapp unter die Hallendecke – erleben, kann allerdings einige Zeit vergehen. Der Sachse ist übrigens auch Materialexperte, er arbeitet an der Seite des Ex-Hilpoltsteiners Nico Christ in der Belagentwicklung.

Zusammen mit Dickhardt und Hermann bildet Hannes Hörmann als Nummer fünf eine Dreierkonstellation, wobei man jetzt die Einsätze auch taktisch wechseln kann. Da die Regionalliga mit einem vollen Programm loslegt, während die Zweitliga-Mannschaft des TV Hilpoltstein die meisten Termine im NovemberDezember absolviert, wird Hörmann zunächst in der Zweiten viel Wettkampfpraxis bekommen.

Anziehungspunkt für die Jugend

Wie Betreuer Uli Eckert mit Stolz unterstrich, konzentrieren sich in Hilpoltstein momentan fünf Spieler aus den Top acht der deutschen Jugend. Einer davon ist Niclas Reindl (wir berichteten). Der TV ist außerdem begehrt als inoffizielles Trainingszentrum. Nationalspieler Tom Schweiger vom FC Bayern München ist derzeit zu Gast und bereichert eine niveauvolle Trainingsgruppe.

Ziel der Regionalliga-Mannschaft ist es, sich möglichst schnell an der Spitze zu etablieren, um dann den wegen des Saisonabbruchs verpassten Aufstieg nachzuholen. Strategisch gesehen, sollen möglichst viele Spieler reif für die 1. Mannschaft gemacht werden. Um nun in der dritten Liga, oder nicht – das Team wird eine Saison später schrumpfen, da dann bis zur Regionalliga runter nur noch mit Vierer-Teams gespielt wird.

Da Dauerkarten bei einem Zuschauerverbot allenfalls ein Thema für Satiriker wären, behilft sich der TV Hilpoltstein mit Solidaritätskarten. Wenn sie erst einmal die Druckerei verlassen haben, wird es sie in drei Versionen geben: Die bronzene für 50 Euro entspricht der bisherigen Eintrittskarte. Silber gibt es für 100 Euro, die Leistungen entsprechen mit Eintritt und vergünstigter Verpflegung der bisherigen VIP-Karte. Wahrscheinlich 200 Euro wird die Gold-Card kosten, die VIP-Status, ein T-Shirt und ein Essen mit der Mannschaft einschließt.

Paul Götz, sla, pg

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