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Sonntag, 21.07.2019

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Bittersüßer Sommer

Bejubelte Premiere im voll besetzten Toppler Theater - 28.06.2019 10:28 Uhr

Intensives Trio: De Lorenzo, Klein, Günther (v. l.). © Pfitzinger


"Tschick", der Jugendroman  und Bestseller von Wolfgang Herrndorf (2010) in der Bühnenfassung von Robert Koall erntete einen kaum enden wollenden Beifall des begeisterten Premierenpublikums jüngst im Toppler Theater.

Mit diesem fulminanten Auftakt durch ein Stück, das junge wie ältere Menschen gleichermaßen anspricht, dürfte die Freilichtbühne ihre heuer zwölfjährige Erfolgs­ge­schichte nahtlos fortsetzen. Durchweg packend ist die auf straffes Tempo und kraftvolle Agilität der Schauspielkunst setzende Regie von Thomas Helmut Heep (Regieassistenz: Cara Freitag), für die das kühlkarge Bühnenbild von Maira Bieler den perfekten Raum bietet. Die Geschichte changiert inhaltlich zwischen Frank Wedekinds sozialkritischer Pubertätstragödie "Frühlings Erwachen" und Mark Twains  Aben­­teuern von Tom Saw­yer und Huckleberry Finn.

Ein wenig zu ambitioniert ist im Roman wie in der Bühnenfassung möglicherweise die thematische Dichte des Plots, in dem von Fragen der Diskriminierung  bis zur Homosexualität über Alkoholsucht, Naziverbrechen bis zum ökologisch korrekten Einkauf wahrlich kaum etwas fehlt. Allerdings wird alles gehalten von der absurden  Witzigkeit der Dialoge, die manches gekonnt ironisieren. 

Maik, ein Wohlstandskind, dessen Mutter alkoholkrank ist, während der Vater zum Schlagen und Lügen neigt, trifft in der Schule auf "Tschick", den Sohn russlanddeutscher  Aussiedler in prekären Ver­hältnissen. Frederik F. Günther gibt den Maik me­lancholisch-ironisch, nachdenklich reflektierend und anrührend schüch­tern, sobald es um die ersten Schritte in Sachen Erfolge bei Mädchen geht.

"Tschick", gespielt von Rudolf Klein, ist ein sympathischer Rabauke mit Hang zu Ungesetzlichem, der den ersten Kontakt zu Maik herstellt, indem er dessen Jacke anerkennend für "übertrieben geil" befindet. Geschildert wird der Verlauf einer tragikomischen Sommerreise der beiden vierzehnjährigen Jungen in einem geklauten, himmelblauen "Lada" bis zu ihrer lebensbedrohlich dramatischen Zuspitzung, die beide Teenager wieder gnadenlos zurückwirft in ihre jeweiligen sozialen Fesseln.

Sehenswert ist die Entwicklung der Freundschaft: Weil im geklauten Lada auf einer gefundenen Cassette nur die "Ballade Adeline" von Richard Clayderman auf Vor- und Rückseite zu hören ist, pimpen sich  die beiden aus Verzweiflung das Stück mit Luft-E-Gitarren auf. Fesselnd ist die Begegnung mit Isa (beeindruckende Präsenz: Deborah De Lorenzo), einem Mädchen, das auf einer Müllkippe lebt, die in einer mitreißenden Tanz­choreografie des Trios samt Autoreifen mündet zur Musik von "I’m a  survivor" von Destiny‘s Child (Sounddesign: Karolin Killig).

Ein wenig mag jenen, die den Roman kennen, vielleicht die Feinzeichnung der unterschiedlichen Charaktere und Mehrfachrollen fehlen. Aber wirklich Abbruch tut das dem spannenden Spek­takel keineswegs, denn insgesamt verdient diese hinreißende Leistung nur eines: Bravo! 

bhi

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