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Dem Windpark pfeift Gegenwind in die Rotoren

Stimmen des Protests werden lauter - 14.02.2014 17:30 Uhr

Die 200-Meter-Riesen sorgen für Unmut bei den Bettenfelder Bürgern. © ww


Auf den Äckern südlich von Bettenfeld gleich hinter der Landesgrenze zu Bayern lässt sich derzeit ein Wander-Tourismus der besonderen Art beobachten. Sowohl Gegner als auch Anhänger der Windkraft stapfen nahe des Rothenburger Teilortes über verdreckte, überbreite Baustraßen – und kommen aus dem Staunen über die stählernen Giganten nicht mehr heraus: "Mein Gott, sind die groß“– so ist es allenthalben von Freund und Feind dieser windigen Energiegewinnung zu hören.

Für dieses offenbar sehr eindrückliche Aha-Erlebnis sorgt das Unternehmen "Juwi“ mit vier Windrädern vom Typ Enercon 101, die bei einer Nabenhöhe von 135,4 Metern mit­samt ihren drei Rotoren wolkenkrat­zergleich in den weißblauen Himmel ragen – die Flügelspitzen erreichen eine Höhe von exakt 185,9 Metern. Zwei weitere Windmühlen vom gleichen Kaliber sind in dem Gebiet geplant, eine Baugenehmigung hierfür wurde aber noch nicht erteilt.

Bürger fühlen sich hintergangen

Während sich auf württembergischer Seite wie zum Beispiel in Goldbach, Frankenhardt, Langenburg und in Blaufelden schon seit Monaten immer mehr Bürger gegen die Ansammlung von gigantischen Türmen wehren, keimt im bayerischen Bettenfeld das zarte Pflänzchen des Protestes erst jetzt: Rund 30 Bürger bekundeten dieser Tage per Unterschrift ihre Abneigung gegen weitere Windmühlen. Was die Kritiker vor allem auf die Palme bringt: Auf dem Rathaus in Rothenburg sei der Weg für dieses Windpark-Projekt im Eiltempo und ohne fundierte Information der Bettenfelder Bürgerschaft frei gemacht worden.

Oberbürgermeister Walter Hartl weist Vorwürfe in dieser Richtung entschieden zurück. Bei Windkraftanlagen handle es sich grundsätzlich um privilegierte Projekte, die überall Vorrang haben und verwirklicht werden können, falls dem nicht gewichtige Gründe wie beispielsweise naturschützerische Belange entgegenstehen, betont er. Die Stadt Rothenburg hätte das Projekt nach seiner Einschätzung gar nicht ablehnen können. Sie habe deshalb versucht, im übrigen nicht etwa im stillen Kämmerlein, sondern in öffentlichen Sitzungen des Bauausschusses und des Stadtrats, über Vorrangflächen im Regionalplan mögliche Standorte für Windkraftanlagen zu konzentrieren und zu strukturieren.

Möglichen Projektbetreibern ist es in einem solchen Fall dann nämlich versperrt, an jeder x-beliebigen anderen Stelle ihre Anlage durchzuklagen. "Ein Verbot wäre sogar rechtswidrig gewesen. Es hätte außerdem zur Konsequenz gehabt, dass dann die gesamte Fläche des Stadtgebiets wieder frei geworden wäre für ein solches Projekt oder weitere Projekte,“ das oder die dann auch hätten genehmigt werden müssen, stellt das Stadtoberhaupt fest.

Etwas vom Dorf weg

Mit dem Vorgehen über den Regionalplan sei es gelungen, den einzuhaltenden Abstand vom geschlossenen Dorfgebiet von ursprünglich 600 auf 800 Meter zu vergrößern. Auf diesem Weg sei erreicht worden, dass der Abstand zum nächstgelegenen Anwesen, dem Ferienhof Vogt, immerhin noch 600 Meter betrage. Die ganze Aufregung hänge nicht zuletzt mit Ministerpräsident Horst Seehofer zusammen, der ja die zehnfache Höhe als Mindestabstand propagiere. Allerdings habe das bisher nicht Rechtskraft.

Jedoch gehen die Einlassungen des Rothenburger Oberbürgermeisters nach Überzeugung der Kritiker haarscharf am Thema vorbei. Im Gegensatz zu den Kommunen in Baden-Württemberg, wo mögliche Areale für Windräder jeweils per Flächennutzungsplan mitsamt vorherigen Bürgeranhörungen ausgewiesen werden, habe der Stadtrat nach ihrer Einschätzung kurzerhand für das "Potenzialflächenkonzept Windenergie Bettenfeld“ zwei vom Regionalen Planungsverband Westmittelfranken favorisierte Areale eingestuft – was das Genehmigungsverfahren für die Windräder in der Tat enorm beschleunigte.

Im wahrsten Sinne des Wortes: Ein Kampf gegen Windmühlen

Völlig überrumpelt fühlen sich auch Uschi und Walter Vogt, die seit Oktober 2010 (und damit lange vor der Genehmigung der Windmühlen im Juli 2013) einen früheren Aussiedlerhof nahe Bettenfeld mit viel Herzblut (und Geld) in eine Ferienwohnanlage verwandelten. Auf Anfrage schilderten sie ihren verzweifelten Kampf gegen die Wind­räder, die jetzt halbkreisförmig in einem Abstand zwischen 773 und 803 Metern die Ferienwohnungen auf der Südseite umzingeln und die Immobilie erheblich entwerten können.

Nur circa 600 Meter trennen den umstrittenen Windpark von der Ferienwohnanlage Vogt. © ww


Im Rothenburger Rathaus, im Ansbacher Landratsamt und im Münchner Landtag, wo sie erfolglos eine Petition einreichten – überall stieß das Ehepaar Vogt mit seiner Furcht vor unzufriedenen oder gar ausbleibenden Feriengästen und mit der Bitte, den Abstand zu den Rotoren doch etwas zu vergrößern, auf Granit. Von dem CSU-Politiker Erwin Huber musste es sich gar höchstpersönlich sagen lassen: „Da habt ihr halt Pech gehabt“.

Uschi und Walter Vogt haben mittlerweile resigniert: „Wir müssen wohl lernen, mit diesen Monstern zu leben.“ Auch ein paar Kilometer davon entfernt wachsen demnächst Windräder dieser Generation aus dem Boden. Bei Insingen haben jetzt die Arbeiten für zwei Windmühlen der örtlichen Baufirma Semmer und gleich daneben möchte die Berliner Firma "Windpark Insingen 2" drei Anlagen errichten.

haz

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