Samstag, 17.04.2021

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Detwanger Pfarrhaus: Wer zahlt, bestimmt

Ehemaliges Detwanger Pfarrhaus wird umfassend saniert - 03.09.2018 16:51 Uhr

Das ehemalige Pfarrhaus neben der Detwanger St.-Peter-und-Pauls-Kirche wird wieder auf Vordermann gebracht.

03.09.2018 © Scheuenstuhl


Stein des Anstoßes war dabei sprachliche Ungenauigkeit. So war immer wieder von einer Flüchtlingsherberge die Rede, in die sich das geschichtsträchtige Haus direkt neben der St. Peter-und-Pauls-Kirche in Detwang verwandeln sollte. Dem ist nicht so. Es wird keine Unterkunft für Asylbewerber sein, die – wie zu Hochzeiten der Flüchtlingskrise – als dezentrale Unterkunft an das Landratsamt vermietet wird.

Vor etwa zwei Jahrzehnten hat die Kirchengemeinde das Gebäude der Stadt abgekauft. Zuletzt wohnte das Mesnerehepaar Edith und Hans Mohr in dem 1531 erbauten ehemaligen Pfarrhaus. Seit ihrem Auszug steht es leer und ist dem Verfall preisgegeben. Doch die Kirchengemeinde wollte es nicht ganz seinem Schicksal überlassen. Die Frage war nur, was man da- raus machen und woher die finanziellen Mittel dafür kommen sollten.

Die Kosten für die nötige, umfassende Sanierung hätte die Kirchengemeinde nie alleine tragen können. Zudem wünschten sich die Verantwortlichen für dieses Objekt zwischen Kirche und Gemeindehaus eine Nutzung, die der Überzeugung der Kirche entspricht. Letztlich war es der zu Rate gezogene Kirchliche Architekt, der auf die Arbeitsgemeinschaft "Wir schaffen Herberge" der Landeskirche aufmerksam machte.

Noch zum Zuge gekommen

Die Arbeitsgemeinschaft wurde 2015 eingerichtet und von der Herbstsynode mit einem Fördertopf in Höhe von etwa 14 Millionen Euro ausgestattet. Mit dem Geld sollten einzelne Projekte aus verschiedenen Bereichen der Flüchtlingsarbeit, wie etwa Sprachkurse, unterstützt werden. In Detwang hatte man Glück, noch zum Zuge gekommen zu sein. Denn die Arbeitsgemeinschaft wird dieses Jahr komplett abgewickelt, erklärt Claudie Schlottke, Pfarrerin der hiesigen Kirchengemeinde.

Laut Planung wird die Sanierung des ehemaligen Pfarrhauses 460000 Euro kosten. Der Hauptteil, etwa zwei Drittel, kann mit den Mitteln der Arbeitsgemeinschaft gestemmt werden. Diese verlangt im Gegenzug eine zehnjährige Sozialbindung des Projekts. Gemäß der Ausrichtung der Arbeitsgemeinschaft soll der Wohnraum in erster Linie für anerkannte Asylbewerber genutzt werden. Die Kirchengemeinde, also die "Vermieterin" des Objekts hätte am liebsten eine entsprechende Familie mit bis zu drei Kindern, die Leben in die historischen Mauern bringt.

Wenn jedoch keine anerkannten Asylbewerber als neue Bewohner gefunden werden können, dann erweitert sich der Kreis derjenigen, die als Mieter in Frage kommen, auf einkommensschwache Interessenten allgemein. Der eine oder andere mag darin eine Begünstigung von Flüchtlingen sehen. Doch Fakt ist: Ohne dieses Geld – das eben an diese Bedingung geknüpft ist – wäre es sehr unwahrscheinlich gewesen, dass das Gebäude überhaupt wieder bewohnbar geworden wäre.

Finanzielle Unterstützung

Denn selbst den jetzt noch übrigen Eigenanteil von 100000 Euro schüttelt die Kirchengemeinde alles andere als einfach so aus dem Ärmel. Deshalb sind Pfarrerin Claudie Schlottke sowie die Kirchenvorstände Sabine Geißler und Heinrich Prossel umso glücklicher, dass sie gerade auch im Hinblick auf die denkmalpflegerischen Anforderungen der Sanierung Unterstützung bekommen. So steuert die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) beispielsweise 10000 Euro bei. Ihre Begründung für die Finanzspritze laut

Pressemitteilung: "Der außergewöhnliche historisch-städtebauliche Wert des Hauses liegt in der Ensemblewirkung mit Kirche, Friedhofsmauer, Torhaus, Dorfmühle, den Gebäuden eines kleinen ehemaligen Klosters sowie einem früheren Herrensitz mit spätmittelalterlichem Wohnturm. Diese historische Baugruppe sucht selbst im romantischen Taubertal in ihrer Geschlossenheit und ihrem malerischen Reiz ihresgleichen."

Am Donnerstagabend beschloss zudem auch der Ferienausschuss der Stadt einen Zuschuss für das Einzeldenkmal. Gemäß der städtischen Richtlinie beträgt die Zuschusshöhe sieben Prozent des denkmalpflegerischen Mehraufwands, der hier bei 140000 Euro liegt. Die Kirchengemeinde darf sich somit über weitere 9800 Euro freuen.

Vorleistungen erbracht

Im Juni gingen die Bauarbeiten los. Hierfür erbrachte eine Gruppe fleißiger Helfer aus dem Ort und der Kirchengemeinde gemeinsam mit Architekt Hanns Berger und Pfarrerin Claudie Schlottke die nötigen Vorleistungen, indem sie die Zimmer ausräumten und etwa auch die Fließen von den Wänden entfernten. Das Innenleben des Gebäudes stammt überwiegend aus dem Jahr 1939, als es zum Kindergarten umgebaut wurde.

Der Detwanger Nachwuchs war in dem Raum im Erdgeschoss untergebracht, erinnert sich Kirchenvorstand Heinrich Prossel, der selbst dort im Kindergarten war. In einem der oberen Räume habe eine Zeit lang die Gemeindeschwester gelebt. Das Objekt hat bislang noch keine Zentralheizung. Hier muss also nachgebessert werden, wie auch in den Bereichen Elektrik und Sanitär.

Die fleißigen Helfer leisteten mit Pfarrerin Claudie Schlottke (5.v.r.) und Architekt Hanns Berger (6.v.l.) die Vorarbeit.

03.09.2018 © privat


Eine "relativ große Maßnahme", laut Architekt, werden die Reparaturen an der Dachkonstruktion sein, an der über die Jahre Feuchte und Holzschädlinge starke Schäden hinterlassen haben. Zudem wird der Dachboden ausgebaut und gedämmt. Als Abrundung bekommt das Haus auch noch eine neue Dacheindeckung.

Das besondere Holzkonzept im Inneren mit dem dunklen Naturmaterial sowie der gelbe und rote Farbanstrich soll erhalten bleiben. Hierfür werden die Oberflächen hergerichtet: Styropor und Heraklith kommen raus, zum Teil wird ein neuer Innenputz aufgetragen und dem Ganzen wird dann ein neuer Anstrich verpasst. Zudem sollen die Einbaumöbel in den Fensternischen hergerichtet werden. Auch die Kastenfenster und Türen werden aufgearbeitet und wieder angebracht.

Abhängen oder freilegen?

In einem Raum stießen die Handwerker auf eine denkmalpflegerische Besonderheit – eine alte Spunddecke oder auch Balkenbohlendecke, die wahrscheinlich aus der Bauzeit des Hauses stammt, so Hanns Berger. Bislang war sie von unten abgehängt, also nicht zu sehen. Ob sie nach der Instandsetzung wieder zugehängt oder doch freigelegt wird, wurde noch nicht entschieden.

Außen musste einiges an Putz erneuert werden, weil er versalzt war. Zudem wurden im Mauerwerk Hohlräume mit flüssigem Mörtel verpresst. Die insgesamt etwa 110 Quadratmeter Wohnfläche teilen sich auf fünf kleine Räume auf. Die Bauherren hoffen, dass die Arbeiten weiterhin zügig voranschreiten. Und gegen die eine oder andere finanzielle Zuwendung hätten sie sicherlich ebenfalls nichts einzuwenden.

mes

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