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Einstand als Filmemacher

Lust auf Neues: Die "Ohrenbacher Schnupferjungs" schlagen das nächste Kapitel auf - 23.04.2019 15:54 Uhr

Szene aus dem Film: Die „Schnupferjungs“ können auch schauspielern. © Schäfer


Das Dorf in der Kunst. Herausgekommen ist eine dialektreiche Heimatkomödie, angelehnt an die Figur des Räuber Hotzenplotz, der in der Erzählung von Otfried Preußler von Kasperl und seinem Freund Seppel gejagt wird, weil er Großmutters Kaffeemühle gestohlen hat. In dem selbstgemachten Film gerät das idyllische Dorfleben der Schnuperjungs um Christoph Klenk, Patrick Volkert und Jungwirt Max Gundel, die namentlich stellvertretend für weitere kreative Köpfe und Mitwirkende stehen, aus den Fugen. Die implizierte Dramaturgie hat einen Spannungsbogen, der dafür sorgt, dass der Film bis zum Ende interessant bleibt.

Ein Tabaklieferant übt mit schikanösen Methoden Druck auf die Geschäftspartner aus, um die gewünschte Umsatzsteigerung zu erzielen. Den Schnupferjungs bleibt nichts anderes übrig, als aus der Not eine Tugend zu machen. Im Handumdrehen bauen sie abgeschottet von der Außenwelt in einem Mostkeller eine Schnupfermaschine aus frisch geschlagenem Holz im Wald, die Schnupftabakgenießern ordentlich Tabak in die Nase zieht. Als das neue Wunderwerk der Technik über Nacht spurlos verschwindet, beginnt für die Schnupferjungs auf der Suche nach dem Dieb die Zeit der Ungewissheit und Verzweiflung. Auf Klappfahrrädern radeln sie vermeintlich sichere Verstecke ab, landen dabei im Straßengraben und im Kuhstall, wo sie mit Biomilch und beim „Moggele“ streicheln neue Kraft tanken. Der Film hat ein ziemlich offenes Ende, das die Fantasie des Zuschauers weiter beflügeln kann. Gleichzeitig schaffen die Schnupferjungs damit eine gute Ausgangsbasis für eine Fortsetzungsgeschichte mit ihren zahllosen Möglichkeiten.

Keine Männerdomäne: Nina Richter und Lea Ohr bei der beliebten Tabak-Verkostung. © Schäfer


Hier und da gibt es ein paar Längen im Film, aber die machen die sympathischen Helden mit gelungenen Gags wieder wett, ohne der Versuchung zur Klamotte nachzugeben. Dank des ausgearbeiteten Drehbuchs entwickelt die Geschichte mehr Tiefsinn als erwartet. Vielleicht trägt sie sogar dazu bei, Dorf und Dörfliches angesichts zunehmender Globalisierung und Urbanisierung wieder einen größeren Stellenwert beizumessen?
Die Ohrenbacher Schnupferjungs schlagen mit ihrem Film ein neues Kapitel auf und haben damit in der Region für Furore gesorgt. Die Premiere am Gründonnerstagabend im vollbesetzten Saal des Gasthauses „Rotes Ross“, war ein voller Erfolg. Angesichts des großen Interesses wurde eine zweite Veranstaltung am gestrigen Ostermontag im Stammlokal nachgeschoben.

Der Film wurde im vergangenen Herbst in der Woche nach der Ohrenbacher Kirchweih gedreht. Mit modernster Technik zeigt sie das Dorf aus Perspektiven, wie sie zuvor nur wenige gesehen haben. So kam eine ferngesteuerte Drohne mit Kamera zum Einsatz. Der Rothenburger Wolfgang Graf brachte die professionelle Ausrüstung, Erfahrung und Können ein. Der angehende Lehrer hat während des Studiums bei seinem Burder, der beim Bayerischen Rundfunk arbeitet, als Kameramann und Tonassistent gejobbt. Mit seiner Kompetenz für Dreh und Schnitt der einzelnen Filmbeiträge schuf er eine wichtige Voraussetzung für das anspruchsvolle Projekt.
Das dörfliche Idyll bildet die Kulisse für die Jung-Schauspieler. In einigen Sequenzen stehlen ihnen tierische Protagonisten – Kätzchen, Huhn und Kälbchen – bewusst die Show und eines ist dabei garantiert: die Heiterkeit. Um die Fahrradszene einzufangen, saß Wolfgang Graf im offenen Kofferraum eines fahrenden Personenwagens und hielt die laufende Kamera auf die sich abstrampelnden Akteure. Seine gewählten Kamera-Perspektiven haben eine starke gestalterische Aussage. Er filmte nicht nur aus der Augenhöhe, sondern bietet dem Zuschauer abwechlungsreiche „Blickwinkel“, um etwas größer und mächtiger erscheinen zu lassen oder aus der Froschperspektive bescheiden, fast hilflos.

Filmpremiere in Ohrenbach: In feinem Zwirn und langem Abendkleid machten die Stars auf dem roten Teppich eine elegante Figur. © Schäfer


Zum Glück spielte bei den Außendrehs auch das Wetter mit. Die Produktion konnte bei guten Lichtverhältnissen abgewickelt werden und präsentiert Ohrenbach von seinen schönsten Seiten. Ähnlich wie ein klassischer Imagefilm, der mit Bildern Emotionen erzeugt und das Gefühl von Heimat vermittelt. Das durchweg begeisterte Publikum sparte nicht mit Applaus. Michael Kamleiter aus Gattenhofen fungierte als Moderator.

Bei fränkischem Bier, herzhaften Speisen – Haxe, Spanferkel, Sauerbraten, Steak, Presssack – bot die mittlerweile fünfte Auflage des Schnupftabakabends wieder Gelegenheit, drei verschiedene Sorten Tabak zu verkosten. Auch immer mehr Frauen nehmen eine Prise statt Zigaretten zu rauchen und atmen den pulvrigen Tabak tief in die Nase ein. Könner und Freizeitschnupfer sind leicht auszumachen an einer gewissen Grandezza. Die Prise Schmalzler oder Snuff ist bei der jungen Generation „á la mode“ und hat Snob-Appeal. Tabakschnupfen war ursprünglich ein Luxus, den sich nur Könige, Fürsten und Prälaten leisten konnten. Dann war es jahrzehntelang belächeltes Privileg knorriger Hinterwäldler und Männer vom Altherren-Stammtisch.

Die Ohrenbacher Schnupferjungs verbinden den Tabak-Kult mit modernem Lifestyle und gewinnen in sozialen Netzwerken am effektivsten neue Fans. Sie schätzen aber auch die Geselligkeit regelmäßiger Treffen und locken damit eine neue Klientel aufs Land. So gehörte Landschaftsgärtner Hannes Haßler zu den Gästen und beeindruckte mit seinem außergewöhnlichen Bildmotiv vom brennenden Derweze-Krater in der turkmenischen Karakum-Wüste, denn die Schnupferjungs hatten einen Fotowettbewerb ausgelotet. Im letzten Jahr war der junge Mann mehrere Monate mit einem Kleinbus durch Zentralasien gefahren. Diese abenteuerliche Reise führte ihn auch an das riesige Erdgasfeld nördlich von Aschgabat, aus dem seit mehr als 40 Jahren die Flammen lodern und heiße Böen ausstoßen. Nur wenige Ausländer haben dieses gewaltige Naturphänomen in dem isolierten Land bisher gesehen. Es war ein interessanter Abend.

sis

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