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Fachtagung in Rothenburg: Wem gehört das Denkmal?

Vortrag informierte über wichtige Rolle von bürgerschaftlichem Engagement - 14.06.2018 13:36 Uhr

Im Fuchsengässchen wurde moderne Denkmalpflege mit Kompromisslösungen für die Beteiligten umgesetzt.

© diba


Mancher Erbe merkt vielleicht erst zu spät, dass er ein Denkmal übernommen hat, das Einschränkungen und teuren Verpflichtungen unterliegt. Knoll zeigte bei seinem Referat in der "Glocke" einige drastische Beispiele auf und ging zunächst auf das Netzwerk von bürgerschaftlichen Ini­tiativen und Einzelpersonen für Denkmalpflege und Baukultur ein, das 2012 in Tutzing gegründet wurde.

In der Quintessenz ergibt sich, dass ohne bürgerschaftliches Engagement die Denkmalpflege nicht funktionieren kann. Aber erst das Denkmalschutzgesetz schafft die staatliche und rechtliche Voraussetzung.

Viel zu wenig Geld

Den Denkmalbegriff gibt es seit dem 19. Jahrhundert, eine Denkmalliste seit 1970 und 1975 folgten neue Denkmalschutzgesetze. Der Ensemblebegriff, städtebauliche Denkmalpflege, Industriegeschichte und Anwesen im Privatbesitz gehörten damit zu Schutzbereichen. Wie Eduard Knoll betonte, entstand mit den vielen privaten Objekten ein Kapazitätsproblem für die Denkmalämter. Und es fehlte am Geld.

Während 1990 noch 25 Millionen Euro als Zuschüsse für Privatbauten eingeplant waren, seien 2018 nur noch 8,4 Millionen im bayerischen Staatshaushalt vorgesehen. Knoll: "Diese Zuwendungen stehen für ganz Bayern bei über 110.000 Einzeldenkmälern und rund 900 Ensembles zur Verfügung!" Angesichts dieses Dilemmas sei die Rückführung zum enger gefassten Schutzbegriff nur noch auf herausragende Bauten diskutiert, aber schnell wieder verworfen worden.

In der Praxis scheitere Erhaltung bei finanzschwachen Eigentümern häufig an den Kosten. Auf der Tagung hieß es, dass man das "Erhaltungs- und das Geschichtskonzept zugunsten modisch-ästhetischer Gesichtspunkte und Investoreninteressen" viel zu oft aufgebe. Finanzkräftige Investoren, denen "das Gefühl für das Ehrwürdige dieser Gegenstände" (Zitat Karl Friedrich Schinkel) verloren gegangen ist, setzten sich dagegen durch.

Architekt Eduard Knoll beim Referat.

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Auf Rothenburg bezogen merkte Architekt Knoll an, es gebe "ein schwindendes Gefühl für Alt-Rothenburg, einen Verlust des gestalterischen Selbstverständnisses" (unabhängig von einer Satzung), bei der Gestaltung von Bauten wie dies z.B. in der Zeit des Wiederaufbaus vorhanden gewesen sei. Die Wirklichkeit zeige, dass der Staat beim Denkmalschutz schwach ist. Bürgerschaftliches Engagement müsse deshalb den Staat entlasten.

Denkmalpflege verlange aber Fachleute und sei keine Laienarbeit. Wo der nötige Sachverstand fehle, drohe "populistischer Architektur-Darwinismus und der Triumpf des röhrenden Hirsches" hatte man auf der Tutzinger Tagung festgestellt. Knoll verwies dazu auf zunehmenden Rothenburg-Kitsch: "Wie schnell verwandelt sich eine alteingesessene Apotheke in einen Andenkenladen!".

Bürgerschaftliches Engagement ist laut Tutzinger Erkenntnissen eine noch lange nicht ausreichend genutzte Ressource. Deshalb, so Knoll, "sind Vereine wie Alt-Rothenburg und das Denkmalnetz als ein Netz von Bürgerinitiativen äußerst wichtig." In neun Arbeitsgruppen von Einzelfallberatung bis zu Gartendenkmalpflege arbeite man ehrenamtlich, auch zum neuen Kulturerbe Bayern gäbe es enge Verbindungen.

Ein spannendes Thema ist der "unterlassene Bauunterhalt" für ein Denkmal, dessen anteilige Kosten allein der Eigentümer trägt. Deshalb könnte nur eine stetige BauPflege historische Häuser schützen. Die Tagung befasste sich auch mit dem Genehmigungsverfahren bei erheblichen Eingriffen in das historische Gignoux-Haus (Rokoko) in Augsburg. Dort hätten Bauausschuss und Stadtrat eigentlich rechtswidrig Innenabbrüche genehmigt.

Untere Denkmalschutzbehörde ist zuständig

Tatsächlich sind nach dem Gesetz die Unteren Denkmalschutzbehörden bei Landratsämtern und kreisfreien Städten sowie den Großen Kreisstädten für den Vollzug zuständig. Es handle sich um übertragene Staatsaufgaben, die von der Verwaltung wahrzunehmen sind, wobei kein politisches Gremium entscheiden könne. In Rothenburg sind es der Oberbürgermeister, der Stadtbaudirektor und die Verwaltung, die den Heimatpfleger hinzuziehen und dann in Abwägung aller Gesichtspunkte für oder gegen die Erhaltung oder Veränderung eines Denkmals selbstständig entscheiden (nicht mal das Landesamt hat da primär etwas zu sagen).

In der Praxis fassten aber meistens Bauausschuss und Stadtrat dazu Beschlüsse, stellte Knoll fest – was wohl nicht nur in der hiesigen Großen Kreisstadt so läuft, auch wenn Rechtsgrundlagen dafür fehlten.

Oberbürgermeister Hartl und Stadtbaudirektor Knappe bestätigen auf Nachfrage durchaus ihre "staatliche Zuständigkeit" als Behörde in Denkmalsachen, sehen aber in den meisten Fällen trotzdem die Gremien gefordert, wenn es dann um Gestaltungssatzung oder baurechtliche Verfahren geht. Wie auf der Jahresversammlung beschlossen, möchte der Verein Alt-Rothenburg dazu wenigstens eine Klärung herbeiführen, zumal das Stadtoberhaupt, der Stadtbaumeister, der Archivar und der Heimatpfleger auch im Vereinsausschuss sitzen.

Auf der Tagung wurde neben einem Verbandsklagerecht in Denkmalfragen die Wiedereinführung des früheren "Dissensverfahrens" gefordert. Bei unterschiedlichen Auffassungen zwischen Unterer Denkmalschutzbehörde und Landesamt habe sich das in Streitfällen bewährt.

diba

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