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Dienstag, 15.10.2019

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Holz trifft auf Beton

Rothenburger Wildbad setzt weitere Akzente beim Spaziergang durch den Park - 24.04.2019 16:12 Uhr

Wildbad-Leiter Dr. Wolfgang Schuhmacher vor Publikum bei der Vernissage im Park. © Schäfer


Das einzigartige Gebilde zieht den Betrachter magisch an. Beeinflusst von der Umgebung fängt es die Schönheit der Natur und Vergänglichkeit ein. Als greifbares Resultat. Die Berliner Bildhauerin Ulrike Mohr hat sich von den natürlichen Gegebenheiten vor Ort inspirieren lassen. Durch Lichtstimmung und Jahreszeit wird das Objekt immer wieder in einen anderen Kontext gesetzt. Die Natur der Dinge ist kon­stante Wandlung.

Ulrike Mohr hat einen Köhlerofen zum künstlerischen Medium gemacht und einen aus dem Wildbad-Park stammenden Baum, der weichen musste, weil er nicht gesund war, unter Sauerstoffabschluss komplett zu Holzkohle transformiert. Das geköhlerte Material verbleibt in dem Kubus und ist durch die Glasplatte sichtbar.
Die Holzkohle, die von Künstlern seit Menschengedenken zum Zeichnen verwendet wird, ist in Ulrike Mohrs Arbeit auch Zeichen und Ausdruck, vorhandenes Material in neues Material umzuwandeln. Die vorhandene Gestalt bleibt aber ablesbar und ist in den Zustand einer Dauerhaftigkeit versetzt. Die Oberflächen des Kubus haben eine malerische Struktur, die durch den Produktionsprozess entstanden ist. Ungefähr auf halber Höhe verläuft eine horizontale Linie. durch das Auffüllen der gebauten Verschalung mit dem flüssigen Beton, der sich dabei horizontal verteilt.

Die in Tuttlingen geborene Künstlerin arbeitet seit Jahren mit dem widersprüchlichen Material Holzkohle. Für das Projekt „Art Residency Wildbad“ konnte sich die Bildhauerin nicht selbst bewerben. Eine Fachjury schlägt jährlich renommierte Künstler vor, die Kunstwerke auf dem Gelände des Wildbads entwickeln sollen. Die Arbeiten verbleiben dauerhaft im Park und verwandeln diesen Zug um Zug in einen Skulpturengarten.

Die Künstlerin Ulrike Mohr beherrscht das fast ausgestorbene Handwerk des Köhlerns. © Schäfer


Das erste landschaftsgebundene Kunstwerk im Wildbad realisierte 2017 das Künstlerduo Böhler und Orendt aus Nürnberg. Es entwickelte eine mehrteilige figurative Skulpturengruppe und platzierte sie im Bereich der Treppenanlage, die das Wildbad über das Spitaltor mit der Altstadt verbindet.
Am vergangenen Ostersonntag wurde das Kunstwerk von Ulrike Mohr der Öffentlichkeit offiziell vorgestellt. Musikalisch umrahmt von dem Saxophonquartett „Saxalavista“, das zuvor ein Konzert im Rokokosaal gegeben hatte und vor vollem Haus spielte. Bei der Eröffnung der Vernissage sprach Wildbadleiter Dr. Wolfgang Schuhmacher über die Rolle der Kunst innerhalb der gesellschaftlichen Umformungen der Gegenwart.

Jede Entwicklung oder auch Umformung ziehe eine Veränderung nach sich. Das Kunstwerk von Ulrike Mohr ist das Ergebnis eines langen Denk- und Arbeitsprozesses, den die Künstlerin im Laufe des vergangenen Jahres absolviert hat. Das Potenzial der Kunst lädt ein zum kreativen Austausch und Diskutieren. Die Symphonie der unterschiedlichen Denkansätze, Visionen und Ausdrucksformen sei ein kreativer Weg, der die Wahrnehmung neu justiere. Im Normalfall neigt man dazu, sich jene Reize zu suchen, die die eigenen Vorlieben verstärken und bringt sich dadurch um den Genuss des Neuen. „Das Neue“ ist immer das, das Erfahrungsspielräume und Handlungsmöglichkeiten erweitert. Manchmal irritiert ein Kunstobjekt, weil es nicht dem entspricht, was man gewohnt ist oder was man sofort verstehen kann. Unter Umständen weiß man es bei genauer Betrachtung doch zu würdigen. Im besten Fall regt der Charakter der Kunst im Spannungsfeld unterschiedlicher Kultur- und Stilrichtungen dazu an, so Dr. Schuhmacher, nicht nur über das Objekt nachzudenken, sondern die eigene Identität zu hinterfragen: Wie stehe ich in dieser Gesellschaft? Oder was geschieht in einer Gesellschaft, in der Spannung herrscht?

Helmut Braun gehört zu einem Netz von Kunstbeauftragten in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, die den Bereich Kirche und Kunst fördern. „Art Residency Wildbad“ wird von der Landeskirche und vom Kunstfond Bayern unterstützt. Das Wildbad stellt Kost und Logis für die Künstler sowie ein Atelier. Helmut Braun dankte in seinem Grußwort allen, die zur Umsetzung der Kunststationen beitragen. Die Landeskirche habe vor wenigen Tagen eine Kunstkonzeption auf den Weg gebracht, deren Kern in etwa lautet: „Wir wollen keine Kulturkirchen in den großen Städten, sondern viele kleine Kunststationen in der Fläche“, sagte Helmut Braun. Ziel sei es, „mit Kunst auf die Leute zuzugehen und vielleicht auch ein bisschen für Reibung zu sorgen.“

Kirche und Kunst bieten eine Plattform und zugleich spirituelle Ebene, einen spannenden Themenbogen zu schaffen vom Glauben und Zweifeln zum Entdecken. Auf Vorschlag der Fachjury wird als nächstes die brasilianische Künstlerin Laura Belém in den Monaten Mai bis Juli im Wildbad leben und arbeiten.
Sie wurde 1974 in Belo Horizonte geboren, studierte in London Design und Kunst und hat bereits etliche internationale Auszeichnungen erhalten. So nahm sie an der 51. Kunstbiennale in Venedig teil, außerdem war sie Stipendiatin bei der Triangle Arts Association in Brooklyn. Darüber hinaus war sie bei der renommierten Delfina Foundation in London als „Artist in Residence“. Die Brasilianerin ist unter anderem in den Bereichen Installation, Skulptur, Fotografie, Klangkunst, Video und Zeichnung unterwegs.

sis

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