Montag, 18.11.2019

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Merkel-Souffleuse hat den Durchblick

Kabarettistin Simone Solga sagt bei ihrem Auftritt in Rothenburg, was Sache ist - 15.10.2019 10:50 Uhr

Widersprüche zwischen Ankündigung und Handeln sind Simone Solga ein Dorn im Auge, wie sie bei ihrem Auftritt in Rothenburg unmissverständlich klarmacht. Foto: Dieter Balb © diba


Was Simone Solga mit ihrem Programm "Das gibt Ärger" als vermeintliche Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel kabarettistisch bei Korn-Kultur geboten hat, kann nur jemand, dessen Bühnen-Wurzeln bis dorthin zurückreichen.

Das Publikum war in Rothenburg begeistert, streckenweise eher still beeindruckt, vor allem dann, wenn es Mühe hatte, dem Tempo und den verwinkelten Aussagen zu folgen. Solgas freche Schnauze ist legendär, was sie hintersinnig und nachdenkenswert zuspitzt, das trifft immer erschreckend genau ins Schwarze. Ihre Bühnenpräsenz ließ sich von der ersten Sekunde an nicht mehr steigern und selbst das zweistündige Programm fesselte bis zum Schluss.

Die aus Gera stammende Schauspielerin hat jahrelang die Münchner Lach- und Schießgesellschaft bereichert und tourt seit bald zwanzig Jahren mit ständig aktualisiertem Programm durch die Lande. Das DDR-Regime ließ den politischen Kabaretts eine gewisse Narrenfreiheit als Ventil für das gleichgeschaltete Volk und so bildeten sich Könner heraus, die perfekt die Gratwanderung auf der Bühne beherrschten.

Mit leichtem Reisegepäck stand sie auf der Rothenburger Korn-Bühne, sie sei direkt aus einem "furchtbaren Krisengebiet" geflüchtet und bitte um Asyl: "Ich komme aus dem Kanzleramt, die einzig geschlossene Abteilung, aus der die Irren nicht raus, sondern rein wollen." Bei der Anfahrt habe sie "die Balkan-Route über Windsheim und Uffenheim genommen", schmeichelte sie dem Rothenburger Publikum. Mit scharfer Zunge nahm sie als Kanzlerinnen-Souffleuse die real existierenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik gnadenlos auf die Schippe, zeigte Widersprüche drastisch auf und hinterließ soviel Nachdenkliches, dass es einen um den Schlaf bringen konnte.

Kanzlerstechen, Parteienlandschaft und ja, man brauche eine politische Alternative, "aber keine mit Vogelschiss im Hirn", spielte sie auf die AfD an und scheute sich auch nicht, die Themen Terror, Radikalismus und Rassismus spitz zu kommentieren. Ebenso wie sie mit dem überzogenen Genderismus nichts am Hut hat, erlaubte sie sich kritische Fragen. Wie etwa die, ob derzeit nicht klimapolitische Exzesse getrieben werden. Die Widersprüche zwischen Ansage und Handeln, die Verlogenheit in der Politik, besonders auch der Flüchtlingspolitik, karikierte sie in scharfzüngigen Worten. Da bekamen nicht nur die Grünen mit "ihrer eingebauten moralischen Vorfahrt" ihr Fett weg.

Politische Korrektheit ist nicht ihr Ding. Ein falsches Wort heute und man gelte schon als rechts- oder linksradikal, klagte sie. Solga: "Wo ist die Grenze zwischen Vernunft und Dummheit?" Zu Bürgerforderungen kommentierte sie: "Ich will gar nicht mehr Polizei, ich will weniger Gründe, die mehr Polizei nötig machen."

Für ihren Tiefgang, die Sprachakrobatik und die Fähigkeit, das Publikum permanent zu fordern, gab es oft Zwischen-Beifall. Die rhetorische Dialektik beherrschen nur wenige so gut wie sie, und so viel Schlag auf Schlag folgende Pointen erlebt man nicht alle Tage in der Kulturhalle. "Ausgemerkelt" ist sie als Kanzlerin-Souffleuse noch lange nicht. Ihr Publikum würde ein Wiedersehen mit der vielfach preisgekrönten Kabarettistin sicher freuen.

Gastgeber Peter Korn hatte eingangs betont, dass die Kulturreihe des Autohauses auch über das 2020 anstehende 25-jährige Bestehen hinaus zusammen mit Kulturmanager Robert Hellenschmidt fortgesetzt wird. Das war aufgrund nötiger Investitionen zur Erfüllung strenger Sicherheitsvorschriften zeitweise gar nicht so sicher, steht nun aber endgültig fest.

Dieter Balb

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