Dienstag, 22.10.2019

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Neustetter Landwirt auf Brautschau

„Bauer sucht Frau“: Viel Kritik an falschem Bild der Landwirtschaft - 06.12.2010 12:03 Uhr

Der Neustetter Bauer Harald mit seinen zwei Bewerberinnen. © fa


Er dürfte der erste Mann aus seinem Heimatort sein, der sein Privatleben vor solch einem riesigen Publikum ausbreitet und auf diesem Weg für Millionen von Fernsehzuschauern zum Inbegriff des mittelfränkischen Landwirts auf Partnersuche wird. Harald heißt er, ist 44 Jahre alt, hat in Neustett einen Hof mit 500 Schweinen und 70 Rindern sowie 100 Hektar Land zu bewirtschaften.

Er wünscht sich dringend die Frau fürs Leben auf seinen Hof, nach 16 Jahren ohne feste Beziehung. Ob ihm der von Kritikern als „dümmliche Kuppelshow“ apostrophierte Quotenrenner „Bauer sucht Frau“ des Privatsenders RTL da wohl helfen kann?

Der „charmante Schweinewirt“, wie er von Moderatorin Inka Bause immer und immer wieder in den Ansagen zu schmeichelnden Bildern aus dem Mittelfränkischen genannt wird, hatte sich beim großen „Scheunenhoffest“, dem Aufmarsch bindungsbedürftiger Bauern und potentiell interessierter Damen, unter zwei Kandidatinnen für die 26-jährige Kubanerin Janet entschieden.

Im Augenblick bleibt ihm laut letztem Stand, der über den Bildschirm flimmerte, nur das Warten. Wird sich die irgendwie schwer einzuschätzende und selbstbewusste Brünette mit dem dunk­len Teint wohl wieder melden bei ihm und damit signalisieren, dass es etwas werden könnte mit ihnen?

Bocksprünge mit dem Bulldog

Zum näheren Kennenlernen war sie – so hatte es das Drehbuch der Sendung   vorgesehen – mit ihm zwischenzeitlich zur „Hofwoche“ ins „schöne Frankenland“ gekommen, wo – so suggerieren die ausgestrahlten Bilder – die Kornfelder im Sommer nur so wogen im lauen Lüftchen, wo es allenthalben satt grünt und wo der Himmel immer im schönsten Blau leuchtet.

Harald legte sich ganz schön ins Zeug und stellte alles Mögliche an, um die Hübsche von Fidels Insel ein bisschen einzufränkeln, zu erwärmen fürs Bodenständige und natürlich nicht zuletzt auch für ihn selber. Alles nach genau festgelegter Regieanweisung und vor laufender Kamera, versteht sich.

„Ich möchte mit dir einen kubanischen Abend verbringen – mit Rum und Salsa tanzen“, hören 7,48 Millionen Fernsehzuschauer Harald flöten, nachdem er  – wie im Drehbuch festgelegt – mit ihr am Steuer einige heftige Bocksprünge auf dem Bulldog übersteht und sie mit einem schokoummantelten Riegel als Betthupferl überrascht, aber nach diversen Stall- und Feldversuchen einsehen muss, dass er hier eine Frau vor sich hat, die als Arbeitskraft auf dem Hof wohl immer nur beschränkt einsetzbar sein wird.

Aber zum Salsa, da lässt sich Janet  nicht zweimal bitten, zeigt sich dabei in ihrem Element und verdreht dem in der Sendung schüchtern, aber nicht unsympathisch wirkenden Junggesellen im Handumdrehen den Kopf – erst mit Bananenchips und Rum, dann mit Hüftschwung und Schlitz im Kleid. 

Hoppla. Harald scheint fast schon im siebten Himmel angekommen: „Schön! Ich glaube, das kubanische Fieber ist ausgebrochen. Du bist die Königin. Mit dir macht alles so viel Spaß. Das gefällt mir so.“ So mancher Fernsehzuschauer reibt sich zwar etwas irritiert die Augen und fragt sich, ob er da richtig gesehen hatte. Aber bitte! Wenn Harald meint.

Von Neustett kaum etwas zu sehen

Als Kulisse für diese wohlgesteuerte Liaison hätte Neustett, nur ein paar Kilometer von der Landesgrenze mit Baden-Württemberg entfernt hoch droben am Tauberhang gelegen, in den letzten Fernsehwochen zur großen Aufholjagd ansetzen und dem ständig im Fokus stehenden Winzerort Tauberzell zu seinen Füßen den einen oder anderen Sympathiepunkt abringen können. Wenn es als solches in Erscheinung getreten wäre. Das aber ist dem Ort nicht beschert. Er bleibt ungenannt.

Abgesehen vom Blick auf den von Harald seit dem Tod seiner Eltern allein bewirtschafteten Hof und einem Schwenk über die Ortsstraße mit dem runden Turmhaus ist von Neustett kaum etwas zu sehen. Viele Szenen, wie beispielsweise die an der Bushaltestelle in Gumpelshofen, sind andernorts gedreht, weil sich in Neustett nichts bot, was telegen genug oder sonst passend gewesen wäre.

Ganz anders, als das in der vorigen „Bauer sucht Frau“-Staffel für den Hauptschauplatz gegolten hatte. Hier wurde das Muster mit der Verbindung Landwirt und Exotin zur Erfolgsgeschichte mit gigantischer Einschaltquote. Das Happy-End mit der Hochzeit des damals 49jährigen Milchbauern Josef aus Pittenhart im Chiemgau und der 45jährigen Thailänderin Narumol in der fünften Staffel brachte es auf über 8 Millionen Zuschauer. Entsprechend schnellten die Sätze für hier geschaltete Werbung in die Höhe und es wurde kräftig Geld in die Kasse des Privatsenders gespült.

„Es geht hier doch nur um die Einschaltquote. Leider,“ stellt Adelshofens Bürgermeister Johannes Schneider fest. „Bauer sucht Frau“ mit Gemeindebürger Harald als Protagonisten sieht er eher mit gemischten Gefühlen. Dass die Gemeinde irgendwie profitieren könnte, glaubt er nicht, weder in touristischer noch in sonstiger Hinsicht. Es sei doch allein die Angelegenheit von Harald: „Er hat’s ernst gemeint. Ob die Sendung aber dem gerecht wird?“

Pilgerziel Josef und Narumol

Längst ist derweil Pittenhart unweit der Eggstädter Seenplatte in der Nähe des Chiemsees zum Pilgerziel geworden. Gibt es sie hier wirklich, Josef und Narumol und wie leben sie? Das wollen viele wissen, die teils über weitere Strecken hierher kommen.

Im zurückliegenden August: Ein Ehepaar aus Duisburg, das im Chiemgau seinen Urlaub verbringt, hat mit dem Wagen an der Kapelle direkt neben dem Hof angehalten und steigt aus. „Das is er doch,“ rufen die Beiden wenig später erfreut.  Josef rollt mit dem Ladewagen voller Klee hinterm Bulldog an ihnen vorbei und winkt freundlich aus dem Führerhaus.

Nach dem Abladen auf dem Hof kommt er zu ihnen gelaufen und begrüßt sie per Handschlag „I bin der Josef und wo kommt’s ihr her,“ fragt er und verteilt Karten mit seinem Autogramm. Es gibt jetzt allerhand Ausflugsverkehr in Pittenhart. Anwohner überlegen schon, ob sie nicht mit einem Würstl-Stand am plötzlichen Zulauf in den sonst fast zu ruhigen Ort verdienen können. An diesem Tag ist Narumol nicht da.

Sie ziehe gerade um und sei in Kiel dabei, ihre Sachen zu packen, erklärt Josef.
Anderntags am Hof in Pittenhart: Ein Bus rollt vor. Der Abstecher bei Josef und Narumol gehört für so manches Unternehmen zum Chiemgau-Programm. Großes Hallo unter den Reisenden für das an der Haustür stehende Paar. Narumol hält einen Blumenstrauß in der Hand, der ihr zur Ankunft mit den besten Wünschen verehrt worden war.

Vorher war Josef von ihr gerüffelt worden. Wegen seiner schmutzigen Arbeitshose. Er verteidigt sich: Heute sei Samstag und normaler Werktag. Morgen, am Sonntag, werde er wie aus dem Ei gepellt vor ihr stehen. Das Paar scheint angekommen zu sein im Alltag.

Falsches Bild der Landwirte und der Landwirtschaft

In der rauhen Luft der Kritik scheint die Reihe „Bauer sucht Frau“. Sie gebe ein falsches Bild der Landwirte und der Landwirtschaft wider, sagen sie. Der Adelshöfer Bürgermeister ist sich mit Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes in diesem Punkt völlig einig: Hier werde ein dümmliches und falsches Klischee über die Bauern verbreitet. „Das ist bedauerlich,“ sagt Schneider. Sonnleitner wird vom Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zitiert, Bauern würden als „einsame Trottel präsentiert, die nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen.“

Als die dritte Staffel lief, berichtete die Kölner Boulevardzeitung Express, der „raubeinige Rinderwirt“ Bernhard habe zusammen mit seiner Auserwählten Beate das Produktionsunternehmen in die Irre geführt. Nach inszeniertem Streit hatte die Bayerin diesen Angaben zufolge den Hof verlassen. Eine zweite Kandidatin gab dann offensichtlich dort ein eintägiges Gastspiel.

Das Fernsehteam sei nach den Dreharbeiten abgezogen und Beate sei auf den Hof zurückgekehrt. Die beiden hätten dann drei private Kennenlernwochen abseits der Kameras verbracht und in der Folge sei Beate dann endgültig zu Bernhard auf den Hof gezogen.

Ende Dezember 2009 nach Ausstrahlung der fünften Staffel: Der Holzbauer Maurizio entpuppte sich als Forstfachmann, der normalerweise in einer Dreizimmerwohnung lebt und jenes kleine Hofanwesen, auf dem gedreht wurde, von einem Freund angemietet habe.

RTL-Riege an der Nase herumgeführt

Auch Bauer Claus Clausen führte die RTL-Riege an der Nase herum. Er habe sich lediglich aufgrund einer Wette bei „Bauer sucht Frau“ beworben und sei zu diesem Zeitpunkt noch in festen Händen gewesen, schimpfen Kritiker. Nach einem Bad im Fluss verabschiedet sich unsere Kubanerin Janet von Harald, nicht ohne von ihm ein besonderes Geschenk zu Füßen gelegt zu bekommen. Sein besonderes Präsent, das die Holde möglichst bald wieder auf den Hof führen soll, ist ein kleines hellbraunes Kälbchen, das als lebendiges Pfand bei Harald im Stall bleibt.

Unter den „Bauer sucht Frau“-Anhängern ist längst klar, wie sie in Internet-Foren äußern: Die Kubanerin werde trotzdem nicht wieder kommen. Alles sei nur Gesäusel gewesen. Vor allem von ihrer Seite. Sie, die mit einem 57-Jährigen verheiratet war und zwei Kinder von ihm hat, habe doch nur das Geld (es ist die Rede von 3000 Euro) einstecken wollen und sei nie an Harald interessiert gewesen. Sie habe die Einnahmen für sich verbuchen wollen, um dann einen anderen Mann zu ehelichen, der längst ausgesucht war.

Doch auch der Neustetter Landwirt, dem vor diesem Hintergrund eine Welle der Sympathie entgegenschlägt, ist offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen. Er habe die Sendung als Sprungbrett nutzen wollen und sei beziehungstechnisch längst aufgebrochen zu neuen Ufern, heißt es. An Angeboten habe es nach dieser Steilvorlage nicht gefehlt. Vertragstechnisch sieht sich Harald noch gebunden, und zwar an RTL. Er darf drei Jahre lang nicht aus dem Nähkästchen plaudern.

fa

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