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Rothenburg: Gewaltiger Rückgang im Tourismus

Im Handel werden Ladenschließungen auf Dauer erwartet - 01.12.2020 21:27 Uhr

Dort wo einzelne Gasthäuser Straßenverkauf anbieten, wird das von den Ausflüglern gerne angenommen, hier die Obere Schmiedgasse.

01.12.2020 © Dieter Balb


Mit einem Rückgang von rund 55 Prozent bei Rothenburgs Gästeankünften ist die Tourismus-Branche freilich am Boden. Doch es geht längst um die Wirtschaft insgesamt. Dr. Jörg Christöphler (für Tourismus, Kunst und Kultur zuständig), sieht auch für den Einzelhandel schwarz. Eine um zwei Drittel geringere Bruttowertschöpfung in der Stadt sorge dafür, dass mindestens 90 Millionen Euro fehlten. Christöphler: "Das wird nicht dabei bleiben, es kommt alles noch schlimmer!”

Hört man sich in der Stadt bei Hotel- und Restaurant-Besitzern und im Handel um, so gewinnt man den Eindruck, dass sich die Stimmung gegenüber der ersten Schließungsphase im März/April verändert hat. Immer mehr Leute ärgern sich über die jüngsten Maßnahmen der Regierung. Gastronomen und Gäste fragen, ob es nicht vertretbar gewesen wäre die gut umgesetzten strengen Verhaltensregeln vom Oktober fortzuführen.

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"Jetzt zeigt sich wie wichtig die Besucher aus der Umgebung sind”, unterstreicht Dr. Christöphler, womit er vor allem an die fränkisch-hohenlohische Region und damit das traditionelle Einzugsgebiet der ehemaligen Reichsstadt denkt. Eigentlich kann man nur noch auf sie setzen, wenn sich jetzt Rothenburg in Corona-Zeiten als Weihnachtsstadt präsentieren möchte und versucht auch ohne Reiterlesmarkt und großes Kulturangebot wenigstens mit ein paar Verkaufsbuden, Straßenverkauf der Restaurants sowie einladenden Fachgeschäften zu punkten. Der Weihnachtsschmuck in den Gassen fällt sogar umfangreicher als üblich aus. "Wir hoffen auf die Tagesgäste, die einen Ausflug nach Rothenburg machen”, sagt die Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes, Marion Beugler. Das bescheidene Weihnachtsstadt-Konzept hält sie für wichtig und "sei es nur als ein positives Zeichen”.

Übernachtungszahlen

Ernüchternd ist der Blick in die aktuelle Übernachtungsstatistik von Januar bis September. Bis Jahresende wird man nochmal nach unten korrigieren müssen. Bisher war man mit Rekord-Übernachtungszahlen verwöhnt worden: 561.347 im Jahr 2019 nun sind es erst 210.000 nach neun Monaten, ein Minus von 50,6 Prozent. Das entspricht 130.347 Gästeankünften oder minus 55 Prozent. Lediglich der Inlandsmarkt hält sich beachtlich gut bei nur 25 Prozent weniger Übernachtungen. Er erweist sich schon fast als Retter.

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Dafür sank der Auslandsanteil um 77 Prozent bei den Übernachtungen und 78 Prozent bei den Gästeankünften. Der Überseemarkt fehlt fast ganz und es wird lange dauern, ehe er zurückkommt, befürchtet Jörg Christöphler. Vom amerikanischen und asiatischen Markt bleiben im Schnitt noch um die 10 Prozent übrig. Die Hauptmärkte Japan mit fast 43.000 und die USA mit rund 55.000 Übernachtungen letztes Jahr, haben 2020 zwischen 84 und 92 Prozent verloren. Bei China sind es 92 Prozent, Südkorea, Taiwan und Brasilien schneiden nicht viel besser ab.

Da freut man sich geradezu über nur 28 Prozent Rückgang bei den Holländern (2019 waren es noch 24.079 Übernachtungen). Das europäische Ausland ist für Rothenburg jetzt besonders wichtig und wenn entwicklungsfähige Märkte wie Italien mit minus 80 Prozent, die Schweiz oder Dänemark mit jeweils um die 50 Prozent nach unten zu Buche schlagen, so summiert sich das auch bei geringeren absoluten Zahlen zu einem gewaltigen Rückgang mit Folgen für viele andere Branchen in der Stadt. Manche erkennen erst jetzt was das für ein Netzwerk ist, in dem sich Gastronomie, Handel und Handwerk gegenseitig stärken.

Auf Jahre Nachwirkungen

Der Tourismuschef ist sicher, dass viele Märkte Jahre brauchen werden, "um wieder zurückzukommen”, manche wie Spanien würden sogar "auf lange Sicht wegfallen”. Es werde sich vieles nach Corona verändern. Die Japaner z.B. dürften laut Christöphler den Europäern noch mehr an hohen Standards abverlangen, worauf viele Hotels nicht eingestellt seien. Hoffnungsvolle neue Märkte wie Brasilien steckten selbst in der Krise. Am ehesten traut er der US-Wirtschaft ein Erstarken zu: "Die Amerikaner werden die ersten sein, die zurückkommen.” Dass aber nach Corona plötzlich alle wieder nach Europa reisen und Rothenburg an seine früheren Rekordzahlen anknüpfen könne, müsse man vergessen. Eine Erholung dauert lange.


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Beim Tourismus-Service hat man nicht nur "genug Pläne in der Schublade”, wie Jörg Christöphler sagt, sondern man sieht sich schon länger auf dem richtigen Weg hin zu mehr Qualitätsanspruch verbunden mit Kultur und Bildung sowie Regionalität und Genuß. "Der Wandel von den Konsum- zu den Sinnmärkten wird sich laut Zukunftsinstitut Kelkheim weiter vollziehen”, betont der Tourismus-Direktor. Da paßt das Programm "Rothenburg als Landschaftsgarten” ideal dazu, verbunden mit Museums- und Kunstausstellungen und der Aktion Gartenparadiese privater und öffentlicher Gärten, garniert mit Wander- und Radlerangeboten sowie der Kulinarik "Genießen ob der Tauber”.

Fast 3000 Betten

Die 55 Hotels und Gasthöfe mit Pensionen bringen es auf 2618 Betten. Insgesamt erreicht das Rothenburger Beherberungsgewerbe fast 3000 Betten im 11.500-Einwohner-Ort. Das wichtige Geschäft mit langfristig geplanten Reise-Gruppen existiert nicht mehr, stellt Marion Beugler fest. Bundesweit habe das HoGa-Gewerbe nur 0,3 Prozent Anteil am Corona-Infektionsgeschehen, die Schließung bringe folglich kaum einen Effekt.
"Wir haben von Trennscheiben über Luftreinigung und Desinfektion bis zu strikter Platzreduzierung und Namenserfassung alles getan” betont Marion Beugler und versteht nicht, warum man die Gastronomie so aushebelt, während der Einzelhandel ja auch offen habe. Ein kurzzeitiges Öffnen aber wie eventuell zu Weihnachten hält der bayerische Gaststätten-Verband für realitätsfremd, das rechne sich schon allein wegen des Logistikaufwandes nicht.

Den Rothenburg-Besucher erwarten im Dezember in der Altstadt nur sieben Verkaufsbuden am Marktplatz und vor der Jakobskirche (allerdings kein Imbiß oder Ausschank, das darf nur die Gastronomie anbieten). Mit weihnachtlichem Fassaden-Schmuck und Straßentheken der Gastronomie sowie einem engagierten Fach-Einzelhandel entsteht so wenigstens ein bisschen Altstadt-Weihnachtsatmosphäre.

Nur fünf Buden um das Rathaus und zwei am Kirchplatz sind vom großen Reiterlesmarkt übrig geblieben. Eine Momentaufnahme vom letzten Samstagnachmittag.

01.12.2020 © Dieter Balb


Den Tourismuschef ärgert das "Taktieren der Politiker", ein Hinhalten von Monat zu Monat. Die Schaustellerbranche z.B. sei schon erledigt. Ein Fünftel der örtlichen Geschäfte würden vermutlich nicht überleben, prognostiziert er. In der Herrngasse verkündet bereits ein familiengeführtes Fachgeschäft die Betriebsaufgabe.
Dr. Christöphler sieht Rothenburg für einen Neustart nach Corona gut aufgestellt, kritisch merkt er an: "Man hat sich zu lange den Luxus geleistet, manchmal etwas verächtlich auf die Touristen zu schauen”, aber jetzt zeige sich, wie sich deren Ausbleiben auf die gesamte Stadt auswirke.

"Unsere Stadt geht schweren Zeiten entgegen” sagt Oberbürgermeister Dr. Markus Naser, bleibt aber trotzdem zuversichtlich. Man tue viel, um die Betriebe zu entlasten. Die ausgeweitete Außenbestuhlung und neue Fußgängerzone am Markt gehörten ebenso wie Gebührenverzichte dazu. Aber eine Kommune kommt schnell an Grenzen, zumal ihr Millionen an Steuereinnahmen wegen Corona fehlen.

Die staatlichen Hilfen für die Gastronomie und andere Branchen sind willkommen, aber oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei Rothenburg kommt hinzu, dass die Saison üblicherweise erst im April wieder einsetzt, bis dahin lebt man normalerweise von den guten Umsätzen des letzten Jahres und Weihnachtsgeschäftes. Das jedoch bleibt diesmal ein Wunschtraum.

Dieter Balb

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