Mittwoch, 20.11.2019

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Schüler drehen Dokumentarfilm zu jüdischem Leben - Zeitzeugen erinnern sich

Zeugnisse aus jüdischem Leben - Premiere in Rothenburg - 13.10.2019 20:19 Uhr

Im Studio der Dokumentarfilmgruppe an der Oskar-von-Miller-Realschule (von links): Leiter Thilo Pohle, Regie Kerstin Schmidt und Gestaltung Marion Fresz. © Dieter Balb


Der Zeitzeugen-Beitrag läßt den Alltag der Juden in Rothenburg vor der Vertreibung lebendig werden und erinnert an ihr trauriges Schicksal, das für viele mit der Ermordung im Konzentrationslager endete. "Von der Schwierigkeit im Umgang mit Erinnerung" lautet der Untertitel. Im Augenblick werde davon geredet, was man alles gegen den aufkeimenden neuen Judenhass tun müsse, sagte Thilo Pohle. Der Beitrag aus der Reihe der Oskar-von-Miller-Realschul-Filmgruppe aber zeige, was in der über dreißigjährigen Arbeit mit Schülern in Rothenburg schon getan wurde.

Augenzeugen erzählen in dem emotional berührenden 45-Minuten-Film von ihren ganz persönlichen Begegnungen mit den jüdischen Mitbürgern. Das zeigt beeindruckend, wie sehr die jüdischen Familien ein wichtiges Mitglied der Rothenburger Gesellschaft waren. Im Alltag begegnete man sich als gute Nachbarn oder auch im Geschäftsleben als geschätzte Partner. Das von über fünfzig Rothenburger Augen- und Zeitzeugen erzählt zu bekommen erweist sich als wertvolles Dokument der jüngsten Geschichte, denn es gibt altersbedingt immer weniger Menschen, die noch aus eigenem Erleben berichten können. Es wird betont, welchen Beitrag sie auch im ersten Weltkrieg als Deutsche geleistet haben.

Der jüdische Kaufmann Leopold Westheimer wird 1933 mit einem Schild als angeblicher "Rassenschänder" von Polizei und SA über den Marktplatz getrieben. Er wird 1943 im KZ Theresienstadt ermordet. © Repro Dieter Balb


Die jüdischen Kriegsveteranen wollten oft bis zuletzt nicht glauben, dass man ihnen Leid antun könne. Einige kamen ins KZ nach Theresienstadt, wo sie umkamen. Dies hat die Filmgruppe besonders bewegt, denn auch dort haben die Rothenburger Schüler einen Dokumentationsbeitrag gedreht. Es sind in 35 Jahren Film-Arbeit 180 Schüler beteiligt gewesen, die 40 Filme in 17 Sprachen produzierten. Darunter neben englisch und französisch auch russisch, indisch und afrikanische Sprachen. Die fast zwanzig Jahre in der Filmgruppe tätige Kerstin Schmidt hatte Regie und Marion Fresz recherchierte das umfangreiche Material. Der aktuelle Beitrag ist eine Komposition und Auswahl aus jahrzehntelanger Zeitzeugen-Arbeit, so dass eigentlich allein an diesem Film über hundert Filmschüler der Realschule aus acht Schülergenerationen unterschiedlich beteiligt sind. Aber schon allein die Schlaglichter aus erzählenden Zeitzeugen, von denen inzwischen schon einige verstorben sind, ergänzt um Dokumente, erwiesen sich als sehr berührend und zugleich aufrüttelnd.

Als aus Nachbarn Feinde wurden

Da sind die an den Toren angebrachten Hetztafeln und die Erlebnisse z.B. von Gertrud Schubart als Zehnjährige bei der Zerstörung des Betsaals in der Herrngasse. Andere schildern im Film wie aus guten Nachbarn und Freunden plötzlich Feinde wurden. Karl Thürauf erinnert sich an das Entsetzen seines Großvaters, als die Juden vertrieben wurden, denn mit mehreren Familien hatte man gut zusammengearbeitet. Oder Gerhard Holstein, der als kleiner Junge am Bahnhof Steinach mitbekam wie Juden in Viehwagons abtransportiert wurden, der Schaffner habe gesagt, das sei nichts für die Kinder die Juden kämen alle ins KZ Dachau! Schon im Mittelalter 1298 hatte es ein Judenpogrom in Rothenburg gegeben, unter Bürgermeister Toppler (15. Jahrhundert) konnte die jüdische Gemeinde zeitweise gut existieren, dann kam es erst spät wieder zu Neuansiedlungen bis schließlich die Nazis alle Juden vertrieben. 1933 waren es noch 45 jüdische Bürger und im Oktober 1938 hat man mit Freudenfeiern die Stadt für "judenfrei" erklärt.

Auch Carola Anfänger, die als Jüdin in Rothenburg aufgewachsen und rechtzeitig ausgewandert ist, dann nach dem Krieg zurückkehrte, erzählt eindrucksvoll im Film von ihren Erfahrungen und wie dankbar sie war, dass der jüdische Friedhof wieder hergerichtet worden sei. Das Schweigen der über hundert Besucher in der Schulaula nach dem Film zeigte die Betroffenheit. Im folgenden Gespräch wurde auch die Bedeutung der Schulen für die so wichtige Erinnerungskultur angesprochen, denn Unwissenheit ist schnell Grundlage für neues Unrecht und Rassismus. Der Filmgruppe geht es nicht um Belehrung, wie betont wurde. Aber nur ständige Aufklärungsarbeit könne etwas bewirken. Dazu leistet sie seit 35 Jahren ihren wirkungsvollen Beitrag. Die 9. Rothenburger Woche jüdischer Kultur dauert noch bis 22. Oktober. Vorträge, Orgelmusik aus der Synagoge und Tänze aus Israel sowie Führungen durch das jüdische Rothenburg stehen neben einer Lesung auf dem Programm.

Dieter Balb

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