Sonntag, 11.04.2021

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Von Bedeutung: Petrus mit der Brille

Für die Kunst- und Kulturgeschichte interessant: Darstellung am Herlin-Hochaltar - 29.08.2012 13:24 Uhr

Gutes Beispiel: Mit historischen Besonderheiten lässt sich bundesweit Aufmerksamkeit erzielen.

29.08.2012


Es geht um Petrus mit der Brille auf dem Herlin-Altar als eine besonders schöne Dar­stellung für das Sehen im Mittelalter. Die Sehhilfe gehörte damals zu den noch recht unbekannten Errungenschaften ihrer Zeit. Während heute jeder Zweite eine Brille besitzt, kamen die damals sehr teuren und aufwändig produzierten Sehhilfen nur aus wohlhabenden Familien und waren meist Gelehrte. In die Kunst zog die Brille ab der Mitte des 14. Jahrhunderts ein, wie Magazin-Redakteurin Julia Ricker in ihrem vierseitigen Beitrag schreibt.

Auf der Predella des um 1466 von Friedrich Herlin geschaffenen Altars sind die zwölf Apostel sehr eindrucksvoll dargestellt. Unter ihnen Petrus mit Schlüsselbund und Buch, der seine Nietbrille zum Lesen vor die Augen hält. Die Antike kannte sowohl das Glas als auch das Phänomen der Lichtbrechung, stellte aber die beiden Voraussetzungen für die Brillenherstellung noch nicht in einen Zusammenhang. Dies geschah um das Jahr 1000 nach Christus, als der arabische Mathematiker und Astronom Abu Ali al-Hasan ibn al-Haitham seinen „Schatz der Optik“ verfasste, in dem er erstmals erwähnt, dass ein Gegenstand durch ein gläsernes Kugelsegment vergrößert werden könne.

Der Durchbruch ließ jedoch noch 250 Jahre auf sich warten, bis die Mönche des Franziskanerordens das Werk ins Lateinische übersetzten. Erst jetzt verbreitete es sich schnell in geistlichen und weltlichen Gelehrtenkreisen. Zunächst kamen Lesesteine als Sehhilfen zum Einsatz. Wie die Autorin schreibt wurden konvex geschliffene Halbkugeln als Glas oder Edelstein auf die Schrift gelegt, um sie zu vergrößern.

Die ersten Brillenträger der Geschichte gab es vermutlich in den Klöstern Italiens. Ihre Bewohner waren besonders auf die Korrekturmöglichkeit der Alterssichtigkeit angewiesen, denn Lesen und Schreiben gehörten zu ihren wichtigsten Aufgaben. 1953 entdeckte man unter dem Chorgestühl des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters im niedersächsischen Wienhausen zwei Nietbrillen für Weitsichtige aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Sie sind die ältesten Exemplare, die das Mittelalter überdauert haben und beweisen, dass nicht nur Mönche, sondern auch Nonnen in den Genuss der Sehwerkzeuge kamen. Weil farbloses Glas nur schwer her­zustellen war, verwendete man auch Linsen aus geschliffenem Halbedelstein wie Bergkristall.

Am Ende des Mittelalters wird die Brille bei dem Philosoph und Mathematiker Nicolaus Cusanus zur Grundlage für die Erkenntnisschau. In seiner Schrift „De beryllo“ von 1458 schreibt er, dass derjenige, der durch den geschliffenen „Beryll“ hindurchsehe, zuvor Unsichtbares berühre. Erweitert der Mensch also die Wahrnehmung seiner Augen mit der Brille, so die Idee des Universalgelehrten, verändere er nicht nur seinen optischen Zugang zur Welt, sondern auch seine Haltung zu ihr. Denn bisher verborgene Dinge wurden plötzlich sichtbar und erhielten einen tieferen Sinn.



Diese Deutungsmöglichkeiten hatte wohl Friedrich Herlin im Sinn, als er dem Apostel Petrus in Rothenburg eine Brille in die Hand gab. Der altdeutsche Maler, der in Rothenburg tätig war, ob er auch dort geboren wurde ist unklar, und in um 1500 in Nördlingen lebte, nutzte die Brille, um zu betonen, dass der Apostel gelehrter Träger heiligen Wissens ist. Die Idee der Brille als Mittel des Erkenntnisgewinns hat Fried­rich Herlin auf seinem Altar für die Jakobskirche an einer anderen Stelle noch einmal aufgegriffen. Allerdings nicht als Attribut eines Apostels, sondern in dem Bild, das die Beschneidung Jesu zeigt.

Mit medizinischer Genauigkeit vollzieht der Hohe Priester die rituelle Handlung und nimmt dabei sein Augenglas zu Hilfe – in Erwartung des fließenden Blutes, das das Opferblut des Gekreuzigten ankündigen wird. In St. Jakob gewinnt diese Darstellung ein besonderes Gewicht, denn die Kirche besitzt einen Blutstropfen Jesu. Für die Reliquie wurde 1270 ein Kreuz geschaffen, das Tilma Riemenschneider um 1500 in seinen Heilig-Blut-Altar integrierte.

Brillenträger besonders intelligent?

„Möglicherweise ist es ein Relikt der mittelalterlichen Tradition, dass Brillenträgern bis in die Moderne hinein nachgesagt wird, besonders intelligent zu sein“, so Julia Ricker. Mittlerweile gilt die Brille nicht mehr nur als Attribut eines vergeistigten Menschen, sondern ist zu einem allgemeinen modischen Bestandteil geworden als Ausdruck von Persönlichkeit und In­di­vi­dua­lität.

In dem Denkmal-Magazin, das auch abonniert werden kann und alle zwei Monate erscheint (Förderer der Denkmalschutz-Stiftung erhalten es kostenlos), gibt es weiteren interessanten Lesestoff: Über Otto dem Großen, dem in der Geschichte eine wesentliche Bedeutung zukommt. Er gilt als Begründer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das bis 1806 bestand. Ob sich der Sachse seiner Rolle bewusst war und endlich sein ersehntes Ziel erreicht hatte, als er 962 in Rom gekrönt wurde, diskutieren die Forscher bis heute. Fakt ist, dass der gottesfromme Machtmensch Otto die Nachfolge seines Vorbilds Karl des Großen antreten wollte und sein Herrscherleben lang gegen heftige Widerstände kämpfen muss­te – auch in der eigenen Familie.

Otto war ein Reisekönig ohne Residenz. Er zog mit seiner Familie und seinem Gefolge von Pfalz zu Pfalz – wie es bereits die Karolinger vor ihm getan hatten. Ein solcher Königshof soll im thüringischen Walldorf bestanden haben. Später wurde auf dem Gelände eine mächtige Kirchenburg errichtet, in die sich die Dorfbewohner zu Kriegszeiten zurückziehen konnten. Sie bot ihnen Schutz, konnte aber selbst nicht geschützt werden: Sie ging im April dieses Jahres aus bislang nicht geklärter Ursache in Flammen auf – und mit ihr die Innenausstattung aus der Renaissance und dem Barock.

sis

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