Donnerstag, 24.10.2019

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Salafismus: Wenn der Sohn plötzlich zum Fanatiker wird

Wie Beratungsstellen gegen die Radikalisierung von Jugendlichen kämpfen - 28.05.2014 10:50 Uhr

Pierre Vogel ist der wohl in Deutschland bekannteste Salafist. Bei weitem aber nicht der einzige. © dpa


"Mir hat ein Vater mal erzählt, dass er nachts mit der Schere am Bett seines Sohnes stand und ihm am liebsten den Bart abgeschnitten hätte.“ Die Beraterin Claudia Dantschke kennt die Hilflosigkeit der Eltern, wenn sich der Sohn – und immer öfter auch die Tochter – dem radikalen Islam zuwendet. Sie arbei­tet bei der Berliner Beratungsstelle "Hayat" als Kooperationspartnerin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Die meisten Anrufe kom­men von ratlosen Eltern, vor allem von Müttern. "Sie weinen oft, sind völ­lig aufgelöst“, berichtet Patrick Schmidtke, Berater beim Bundesamt in Nürnberg.

"Wir haben drei Mitarbeiter bei der Hotline, der erste Kontakt läuft oft so ab wie bei einer Telefonseelsorge", erzählt Schmidtke. Seit dem 1. Januar 2012 gibt es die Beratungsstelle, die als Vorzeigemodell gilt: „Das ist ein­zigartig in Europa. Wir werden inter­national angefragt, um Rat und Anre­gungen gebeten“, berichtet der Präsi­dent des Bundesamtes, Manfred Schmidt. Rund 30 Beratungsfälle gab es bislang in Bayern, 250 waren es bundesweit. „Allein in diesem Jahr beraten wir schon 50 Fälle“, sagt Schmidt.

Islamisten waren vorher „religiöse Analphabeten“

Jeder Fall ist individuell. Doch die Mechanismen, wie Menschen in eine radikale Szene geraten, sind ähnlich. Bei politischem Extremismus ebenso wie bei Sekten oder fanatischen Strö­mungen von Religionen. „Es handelt sich auch um ein jugendkulturelles Phänomen“, sagt Claudia Dantschke. „Wir haben etliche Erfahrungen von der Aussteiger-Beratung für Neonazis übertragen auf die Hilfe für Islamis­ten. Zum Beispiel haben wir auch den Ansatz, dass die Familie stark einbezo­gen wird.“

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Salafisten am Jakobsplatz: Protest gegen Hassprediger

Schon im Vorfeld sorgte die Ankündigung für Aufsehen: Am Samstag haben sich knapp 100 Salafisten zu einer Kundgebung auf dem Jakobsplatz in Nürnberg getroffen, "Hassprediger" Pierre Vogel trat am späten Nachmittag auf. Zahlreiche Gegendemonstranten kamen ebenfalls und protestierten friedlich.


Wie ein Neonazi die Kameradschaft seiner Kumpane sucht, so geht es auch dem frischgebackenen Salafisten: „Er fühlt sich in seiner neuen Gruppe emo­tional stabil und aufgewertet. Wir müssen also herausfinden: Warum geht es ihm woanders nicht so?“ Ver­nachlässigung oder zuviel Dominanz seitens der Eltern, Ärger in der Schu­le, im Beruf oder bei der Jobsuche: Es gibt viele mögliche Ursachen für Frust. Bei unzähligen Jugendlichen hat dies keine großen Folgen.

Aber bei manchen eben doch. Sie müssen nicht labil sein, vielleicht sind sie einfach nur besonders offen für Angebote, die einen Ausweg versprechen. „Auch der Zufall spielt eine Rolle“, sagt Dantsch­ke. Eine Begegnung mit einem alten Kumpel, der sich radikalisiert hat und glücklich wirkt, kann den Islamismus als Rettung erscheinen lassen. „Plötz­lich kann man jede Verantwortung abgeben, es gibt einfache Erklärun­gen für alle Probleme.“

Erstaunlich ist, dass bei den Bera­tungsfällen die meisten Jugendlichen vor ihrer Radikalisierung „religiöse Analphabeten“ waren, wie Claudia Dantschke sagt: Sie haben den Islam kulturell, aber nicht spirituell wahrge­nommen. So wie viele Christen nur zu Weihnachten in die Kirche gehen, so war für sie der Ramadan eher Traditi­on als Religion. Deren Bedeutung kann jedoch rasant wachsen, wenn frustrierte junge Menschen auf der Suche nach ihrer Identität sind. „Dis­kriminierung drängt jugendliche Migranten in die Ecke und macht sie anfällig für vermeintliche Heilsbrin­ger“, warnt Manfred Schmidt.

Bei den Beratungsfällen sind zwei Drittel der Betroffenen im Alter von 18 bis 24 Jahren, Frauen machen inzwischen 30 Prozent aus. Rund 65 Prozent der Anrufe kommen von deut­schen Eltern, deren Kind konvertiert ist. Doch ohnehin gilt unabhängig von der Herkunft: „Der Islamismus ist meist ein Ersatz. Was sucht das Kind dort, was es vorher vermisst hat? Da setzen wir an“, erklärt Dentschke. Sie hat Arabistik studiert und arbeitet bei der Beratung mit Psychologen und Pädagogen zusammen.

Kernaufgabe ist es, die Eltern zu informieren und zu stärken. Sie lernen, ihren Kindern zuzuhören, mit ihnen Gespräche zu führen. „Wir wollen die Leute nicht aus dem Islam rausholen, nur aus ihrer radikalen Gruppe.“ Wer seinen Glauben bewusst lebt und auch mal hinterfragt, statt sich in blinden Gehorsam zu flüchten, ist nicht mehr anfällig für Fanatismus.

Erik Stecher (Nürnberger Zeitung)

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