Ambulante Palliativversorgung

SAPV: Die letzten Schritte in Würde gehen

7.10.2021, 06:00 Uhr
Schmerzen lindern, Angst nehmen: Sterbende können auch in ihren eigenen vier Wänden begleitet werden.

Schmerzen lindern, Angst nehmen: Sterbende können auch in ihren eigenen vier Wänden begleitet werden. © Sebastian Kahnert, NN

Dr. Stephan Barthel ist Palliativmediziner aus Roth. Als einer der ersten Ärzte in Bayern hat der Internist 2006 die damals neue Ausbildung gemacht und gleich darauf die Palliativstation an der Kreisklinik mit aufgebaut. Bis zu seinem Ruhestand Ende 2017 war er dort Chefarzt.

Bis zum Tod

Seit 2018 ist er mit einigen Stunden pro Woche Teil des SAPV-Teams Südfranken, das schwerstkranke Patienten in den Landkreisen Roth und Weißenburg-Gunzenhausen und ihre Angehörigen bis zum Tod in häuslicher Umgebung begleitet.

Die gute ambulante Versorgung von Palliativ-Patienten ist Barthel ein Herzensanliegen. Immer wieder aber stellt er fest: „Viele Menschen kennen dieses Angebot bis jetzt gar nicht.“ Dabei ist es der Wunsch der meisten schwerkranken Menschen, bis zuletzt in ihrer gewohnten Umgebung bleiben zu können. Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) ist eine Regelleistung der Krankenkassen. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. Fast 75 Prozent der SAPV-Patienten sind Tumorpatienten.

Lücke geschlossen

Bis einschließlich 2017 waren die Landkreise Roth und Weißenburg-Gunzenhausen weiße Flecken auf der SAPV-Landkarte. Die Zuständigkeit der Teams, die seit 2007 nach und nach landesweit entstanden sind, ist an die Landkreisgrenzen gebunden.

Damals haben sich das Klinikum Altmühlfranken in Weißenburg und die Kreisklinik Roth mit den örtlichen Hospizvereinen zusammengetan und gemeinsam die Lücke im Versorgungssystem geschlossen. Es wurde eine Sozialgenossenschaft als Träger für die ambulante Palliativversorgung der beiden benachbarten Landkreise gründet und das Team aufgebaut. Das zentrale Büro des SAPV Team Südfranken ist in Pleinfeld.

Professionelles Team

Seit Anfang 2018 hat das multiprofessionelle Team aus qualifizierten Palliativärzten und Palliativ-Care- Pflegefachkräften etwa 1000 Patientinnen und Patienten zuhause, aber auch in Pflegeheimen versorgt, etwa 300 im Jahr.

Für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Schwabach gibt es das Angebot schon länger. Die Stadt Schwabach wird vom SAPV Team Nürnberg mitversorgt. „Das ist gut eingespielt und wir haben viele gute Erfahrungen“, berichtet der Koordinator des Hospizvereins Schwabach Diakon Thomas Mrotzek.

In Würde zu Hause sterben

„Unser Ziel ist es, den Menschen zu ermöglichen, gut versorgt in Würde zuhause sterben zu können“, sagt Dr. Stephan Barthel. Dabei arbeitet das Palliative Care Team eng mit Haus- und Fachärzten, Pflegediensten und Familien zusammen. Und kümmert sich nicht nur um den Patienten, sondern bezieht das ganze Umfeld mit ein.

„Manchmal sind wir für die Angehörigen fast wichtiger als für die Patienten“, weiß Barthel aus der Praxis. Er hat oft erfahren, wie entlastend palliativärztliche Erfahrung für Angehörige ist. „Zum Beispiel wenn es darum geht, wann es sinnvoll ist, eine künstliche Ernährung zu beenden.“

Das SAPV-Team versteht sich als hochspezialisierte Ergänzung zur hausärztlichen Versorgung und Pflege. Es bringt viel Fachwissen und Erfahrung, aber vor allem auch Zeit mit für all die Fragen und Unsicherheiten, mit denen Angehörige bei einem sterbenden Familienmitglied konfrontiert sind. Zeit, die die Behandler in Kliniken, aber auch die Hausärzte nicht in diesem Ausmaß haben.

Verantwortungsvolle Aufgaben

Die spezialisierten Palliativ-Care-Pflegekräfte übernehmen viele verantwortungsvolle Aufgaben bei der Versorgung der Patienten. Sie sind im Alltag erster und wichtigster Ansprechpartner für die Schwerkranken und ihre Familien.

Beim ausgiebigen Aufnahmegespräch wird die bestehende Therapie an die akute Situation angepasst und ein individueller Behandlungsplan erstellt. Dabei wird auch das soziale Umfeld in den Blick genommen. Die Linderung oder das Ausschalten belastender Beschwerden wie Schmerzen, schwerer Übelkeit, Angst oder Atemnot steht für die Palliativmediziner im Vordergrund.

„Wenn die heilende Medizin am Ende ihrer Möglichkeiten ist, haben wir noch viele therapeutische Ansätze, um den schwerstkranken Menschen wirkungsvoll zu helfen und Hoffnung auf ein gutes Ende zu geben“, sagt Palliativmedizinier Barthel.

Dann erst recht

„Austherapiert“ ist deshalb ein Begriff, den er gar nicht gerne hört. „Wenn keine Heilung mehr möglich ist, braucht der Mensch doch erst recht eine Therapie. Da beginnt eine Phase, in der sehr viel zu tun ist.“

Wichtig, so Barthel, sei es dabei, sehr vorausschauend zu planen. Es wird immer auch ein Krisenplan erstellt und besprochen. „Wir kümmern uns zum Beispiel darum, dass Notfall-Medikamente frühzeitig vor Ort sind und bei Bedarf rasch eingesetzt werden können.“

Zudem ist das SAPV-Team jeden Tag rund um die Uhr für die Familien erreichbar. Allein das gibt Angehörigen viel Sicherheit. „Sie können uns wirklich zu jeder Zeit anrufen. Es ist immer jemand da und kümmert sich.“

Zwischen 40 und 45 Patienten werden derzeit parallel betreuet. „Bis jetzt hat sich das als ausreichend erwiesen.“ Im Schnitt etwa 40 Tage begleitet das SAPV-Team die Patienten. Manchmal ist der Kontakt nur sehr kurz und die Patienten sterben innerhalb weniger Tage. Manchmal aber geht die SPAV-Behandlung auch über viele Wochen und Monate, ist mal mehr, mal weniger intensiv.

Vieles ist möglich

Immer wieder komme es sogar vor, dass Patienten noch einmal eine kleine Reise oder einen mehrtägigen Besuch machen möchten. „Dann nehmen wir Kontakt auf zu den Teams vor Ort und kümmern uns darum, dass der Patient bei Bedarf auch dort versorgt werden kann.“

Ein sehr gutes Dokumentationssystem, auf das man von unterwegs zugreifen kann, sorgt dafür, dass alle im Team überall stets auf dem gleichen Stand sind. Denn anders als im städtischen Bereich verbringen die Pallitaiv-Care-Pflegerinnen und Palliativärzte auf dem Land in ihren Diensten viel Zeit auf der Straße. „Unser Zuständigkeitsgebiet ist einfach sehr groß und die Strecken sind lang.“ Bis zu 90000 Kilometer im Jahr ist das SAPV-Team kreuz und quer durch die beiden Landkreise unterwegs.

Personeller Engpass

Einen Engpass gibt es, so die Geschäftsführerin des SAPV Südfranken Regina Hauf, beim Personal. Sowohl was Palliativärzte als auch was die spezialisierten Pflegekräfte angeht. „Es müsste mehr geben.“

Deshalb hat die SAPV mit den Pflegeschulen in der Region eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. „Wir stellen Praxisplätze für Pflegeschüler zur Verfügung, in der Hoffnung, in ein paar Jahren ernten zu können.“ Denn der Bedarf wird in den nächsten Jahren weiter steigen. „Der Gesetzgeber ging 2007 davon aus, dass zehn Prozent aller Sterbenden Bedarf an SAPV haben. In den letzten Jahren ist die Erkenntnis gewachsen, dass es mittlerweile 15 bis 18 Prozent sind.“