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Schäfer: "Der Wolf ist unser letzter Sargnagel"

In Deutschland und auch in Bayern gibt es immer weniger Schäfer - 03.04.2021 10:37 Uhr

Roland Lechners rund 900 Mutterschafe mit ihren Lämmern stehen im Winter im Stall. Bald dürfen sie jedoch wieder auf die Weiden. 

28.03.2021 © e-arc-tmp-20210328_172045-6.jpg, NN


„Der Wolf ist der letzte Sargnagel für uns Schäfer“, sagt Roland Lechner. Er steht auf einer Anhöhe bei Markt Berolzheim (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen), blickt über das Altmühltal und zeigt dabei in Richtung eines Berges. „Hier, rund zehn Kilometer entfernt, wurde der Wolf schon gesehen“, erklärt der Landwirt.


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Aktuell sind Lechners rund 900 Mutterschafe mit ihren Lämmern noch im Stall. Kommen sie demnächst auf die Sommerweide, werden die Tiere tagsüber gehütet. „Acht bis zehn Stunden täglich bin ich damit beschäftigt“, erklärt Schäfer Lechner, der 1992 den Betrieb seines Vaters übernommen hat. Nachts werden die Tiere eingezäunt. „Doch auch ein Elektrozaun schützt nicht. Schafe sind so schreckhaft, wenn der Wolf sich nur außen hinstellt und heult, dann rennt die Herde schon los“, sagt der Bauer, der auch Angst hat, dass die Herde auf die nahe Bahnlinie, wo auch ICE-Züge fahren, laufen könnte.

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Unabhängig vom Wolf habe der Berufsstand schon genug Schwierigkeiten. Vor 20 Jahren gab es im Vergleich zu heute noch etwa doppelt so viele Schäfer in Deutschland und auch in Bayern. Anfang der 1960er Jahre sei in jedem Dorf eine Schafherde gewesen. Mittlerweile sei der Beruf jedoch am Aussterben.
In Bayern gibt es insgesamt rund 90 Haupterwerbsbetriebe mit etwa 175 000 Muttertieren, in Mittelfranken sind es noch etwa 25 Betriebe, die pro Hof über 500 Muttertiere haben.

"Die Wolle wird nicht gedüngt und gespritzt"


Früher sei die Wolle Haupteinnahmequelle gewesen. Doch der Rohstoff sei mittlerweile fast wertlos. 1955 habe ein Kilogramm Schurwolle fünf Mark gekostet. Vor einem Jahr lag der Wollpreis bei 1,30 bis 1,50 Euro pro Kilogramm. „1955 konnte man sich für den Verkauf von einem Kilogramm Schurwolle drei Stunden einen Handwerker leisten. Heute ist es noch eine Minute“ , sagt Lechner.

Der Wollpreise würde teilweise nicht einmal die Kosten für die Schur decken. Drei bis vier Kilogramm fallen pro Schaf an, Lechner hat also rund 2700 Kilogramm jährlich, die er kaum vermarkten kann. Der Landwirt kann dies nicht nachvollziehen: „Die Wolle muss man nicht anbauen, sie wird nicht gedüngt und gespritzt“, sagt er. Derzeit werde das Produkt entweder billig verkauft oder für ein Jahr eingelagert. „Wir hoffen, dass sich der Preis wieder verbessert“, sagt Lechner.

Lammfleisch ist beliebt


Mittlerweile lebt ein Schäfer vor allem von staatlichen Förderungen. 60 bis 70 Prozent des Einkommens seien Beihilfen und Gelder aus Agrar-umwelt- und Naturschutzprogrammen, die unter anderem für die Landschaftspflege gezahlt werden. Die restlichen 30 bis 40 Prozent erwirtschaftet Lechner durch Erlöse des Verkaufs von Lammfleisch, das vor allem jetzt zu Ostern beliebt ist. Doch auch hier seien die Preise sehr niedrig.

Im Direktverkauf zahlt der Kunde pro Kilogramm Schlachtgewicht etwa acht Euro, verkauft Lechner die Tiere an den Schlachthof erzielt er dagegen nur 3,40 Euro pro Kilogramm Lebendgewicht. Vermarkten lässt sich vor allem Lammfleisch, für Schaffleisch gebe es aber fast keinen Markt. Die Schafe würden zum Tagespreis, der aktuell zwischen 40 und 80 Cent je Kilogramm Lebendgewicht beträgt, abgegeben.

Auch die Lammfelle seien wertlos. „Der Markt dafür ist tot, weil billige Ware importiert wird. Für die Felle muss der Schlachthof noch etwas zahlen, damit sie entsorgt werden“, erklärt der Experte.

Lammfleisch sei dagegen schon gefragt. Deutschland könne sich nur zu 40 Prozent selbst versorgen, 60 Prozent der Menge, die hier gegessen wird, werde eingeführt. „Das macht aber die Preise kaputt“, schimpft Lechner. Denn gerade in Neuseeland sei der Aufwand geringer, weil die Tiere das ganze Jahr auf die Weide können. „Und das Lamm in Neuseeland pflegt nicht unsere Landschaft“, fügt er hinzu. 200 Hektar Fläche hat Lechner gepachtet, die Schafe würden hier für Pflanzen- und Insektenvielfalt sorgen.

Eine große Portion Idealismus

Lechner selbst liebt seinen Job: „Ich mache es immer noch gerne, auch wenn ich teilweise 70 bis 80 Stunden pro Woche arbeite. Da gehört eine große Portion Idealismus dazu“, sagt Lechner. Es ist kalt, der Wind pfeift zwischen mehreren rund 200 Jahre alten Linden hindurch. „Das ist der Sommerstall. Die Bäume wurden gepflanzt, damit die Tiere Schatten haben.“ Seit über 300 Jahren existiert der Familienbetrieb. Lechner würde es jedoch verstehen, wenn seine Kinder nicht weitermachen. „Das Risiko ist einfach zu hoch.“

Kerstin Freiberger

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