Zahl der Impfungen steigt, doch es gibt Probleme

Schlangen, Frust, Personalmangel: Bayern bremst seine eigene Impf-Kampagne aus

Tobi Lang
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Online-Redakteur

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26.11.2021, 18:04 Uhr
In Nürnberg bilden sich dann, wenn es vormittags Impfungen ohne Termin gibt, lange Schlangen. 

In Nürnberg bilden sich dann, wenn es vormittags Impfungen ohne Termin gibt, lange Schlangen.  © Stefan Hippel, NNZ

Bayern steht Schlange. Zumindest dann, wenn es um einen spontanen Impftermin geht. Die Bilder gleichen sich, Menschen nehmen teils stundenlange Wartezeiten auf sich, um Schutz gegen das Coronavirus zu erhalten, wie damals, als die ersten Dosen ohne Priorisierung verimpft wurden. Spitzenpolitiker haben gehofft, dass das Interesse an den Impfungen wieder aufflammt. Sie warben, erklärten, bauten Druck auf. Jetzt übersteigt die Nachfrage das Angebot. Wer eine Spritze will, muss einiges unternehmen - und vor allem Zeit mitbringen.

Besonders spürbar ist das in Nürnberg, in der Großreuther Straße. Die ersten Booster-Kandidaten kommen um 6 Uhr, fast so, als würden sie für ein neues Smartphone oder für Tickets einer angesagten Rock-Band anstehen. Jetzt werden Menschen, die zwischen 9 und 11 Uhr eine Dose des Vakzins ohne Reservierung ergattern möchten, zum Teil wieder nach Hause geschickt. Das trifft Booster-Interessierte und Ungeimpfte gleichermaßen. Das Impfzentrum an der Messe wurde zuvor geschlossen, weil lange Zeit kaum jemand kam.

Dabei, das betont Ministerpräsident Markus Söder gebetsmühlenartig, sei die Spritze der einzige Weg aus der Dauerschleife der Pandemie. Die Auffrischungsimpfung soll die zahlreichen Impfdurchbrüche minimieren. In den nächsten Wochen sind wohl Millionen Booster nötig, ab dem 20. Dezember kommen auch noch die Fünf- bis Zwölfjährigen dazu, für die es jetzt erstmals ein zugelassenes Vakzin gibt.

Personal ist mittlerweile wieder in der Gastro

Nürnberg hat inzwischen reagiert - und baut die Kapazitäten massiv aus. Während aktuell rund 1000 Impfungen pro Tag möglich sind, sollen es bis vor Weihnachten 2500 sein. Dafür entstehen im Zentrum der Stadt zwei neue Impfstellen.

Die Aufstockung der Kapazitäten läuft aber nicht problemlos. "Das Personal ist ein großes Thema bei uns", sagt Markus Hack, Sprecher der Stadt Nürnberg. Impfzentren, die heruntergefahren wurden, lassen sich nicht einfach so reaktivieren oder "anknipsen wie eine Taschenlampe", wie es der Deutsche Städtetag formulierte.

Die Mitarbeiter, die in den Zentren aushalfen, sind wieder in ihren alten Jobs. Sie kamen aus der Gastronomie, der Hotellerie, aus dem Einzelhandel, Jobs, die während der Lockdowns wegbrachen. Sie jetzt noch einmal vom Dienst an der Spritze zu überzeugen, sei schwierig. Mancherorts sogar unmöglich.

Es braucht Vorlauf, sagt auch Hack von der Stadt Nürnberg. Dort flammt das Interesse an der Impfung zwar seit Wochen neu auf. Tatsächlich mehr Spritzen gesetzt werden aber nicht. "Das bewegt sich seit Anfang Oktober zwischen 3000 und 3300 Impfungen pro Woche", sagt Hack. Bis die Erhöhung der Kapazitäten umgesetzt werden kann, dauert es. Die Euphorie wird ausgebremst - auch, weil Bundes- und Staatsregierung die Zentren wohl zu spät reaktiviert haben.

"Wir werden regelrecht überrollt"

Auch in Fürth, ein paar Kilometer entfernt, sieht es nicht besser aus. "Leider sind derzeit keine weiteren Termine verfügbar", meldet das Impfportal für fast alle Zentren. Erst nach Weihnachten gibt es wieder Hoffnung - zumindest dann, wenn das Personal bis dahin nicht aufgestockt werden kann.

Hinter den Kulissen ringt die Stadt um Mitarbeiter, neue Teams sollen noch im Dezember gebildet werden. Dann kann es Terminnachschub geben. Interessierte, rät die Stadt, sollen im Impfportal idealerweise alle ein bis zwei Tage nachsehen. Wer dann schnell klickt, bekommt den Zuschlag. Ein Hauch von eBay.

Neumarkt in der Oberpfalz hat inzwischen eine Diskothek zum Impfzentrum umfunktioniert, wie zu Beginn der Kampagne. "Wir werden regelrecht überrollt", heißt es aus dem Rother Landratsamt. Und in Gunzenhausen standen rund 120 Menschen vor der Stadthalle Schlange, Alte und Junge, Mütter mit Kinderwägen und Frauen, die sich auf Krücken stützen.

"Es gibt Menschen, die am Telefon weinen"

Zwei Drittel aller Dosen werden aktuell von den Hausärzten verabreicht. Für sie ist die Impfkampagne ein Kraftakt. Die fehlenden Kapazitäten in den Zentren spüren auch die niedergelassenen Mediziner, denn immer mehr Menschen strömen in ihrer Verzweiflung in die Praxen. "Wir sind am Limit", sagt etwa ein Arzt aus Fürth unserer Redaktion. "Die Grenzen sind erreicht." Teils über Monate sei man ausgebucht, die Nerven bei Patienten und Personal liegen blank. "Es gibt Menschen, die am Telefon weinen, weil sie bei uns keinen Impftermin mehr im Dezember bekommen."

Die großen Zentren sind in den Hintergrund gerückt, sie wirken wie Schlachtschiffe aus einer vergangenen Zeit. Doch dann, wenn massenhaft Menschen geboostert werden sollen, werden sie wieder gebraucht. Derweil wird mancherorts auch noch der Impfstoff knapp. Der Landkreis Würzburg etwa spricht von einer "drastischen Kürzung" der gelieferten Menge. Nur wenige Kilometer weiter in Kitzingen sieht es ähnlich aus. Die Nachfrage explodiert - es fehlen aber viele Dosen.

"Wir hatten die maximale Menge an Impfstoff bestellt, sollen jedoch nur gut die Hälfte bekommen, bei Biontech sogar nur 44 Prozent der bestellten Menge", sagt etwa Felix Wallström vom Bayerischen Roten Kreuz, das ein Impfzentrum in Unterfranken betreibt. Deshalb werden jetzt deutlich weniger Termine angeboten. "Das kann man niemanden erklären", sagt die Kitzinger Landrätin Tamara Bischof, "und ich verstehe, wenn die Bürger sauer sind."