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Ahnen aus Kärnten

Viele im Dekanat Schwabach stammen aus Österreich - 05.02.2011 07:00 Uhr

Der Galsterer-Hof in Arriach/Kärnten, Ortsteil Berg. 60 Galsterers listet das Telefonbuch in und 25 Kilometer um Schwabach auf. Sie stammen wahrscheinlich alle von den Galsterers ab, die hier vor Jahrhunderten wohnten. © Karl Heinz Keller


Viele sind überrascht, wenn sie das erfahren. So auch der Wassermungenauer Zimmerer-Meister Horst Haßler. Karl Heinz Keller, ehemals Pfarrer in Kammerstein, jetzt Unruheständler und Exulanten-Ahnenforscher in Schwabach-Dietersdorf, wollte auf seiner Doppelgarage einen Abstellraum einrichten und benötigte dafür einen Zimmerer. Beim ersten Anruf erklärte er Haßler, dass er die Kärntner Handwerker und ihre Nachfahren schätze, was den gestandenen Handwerker einigermaßen wunderte.

Fließendes Wasser vom Bach

„Wissen Sie, dass Sie aus Kärnten stammen?“ fragte ihn Keller dann, als er schließlich den Auftrag hatte und die Arbeit erledigte. Laut Karl Heinz Keller stammen die hiesigen Haßlers vom Haßler-Stammhof in Arriach (bei Villach) in Kärnten. Der alte Bauernhof dort weist sogar eine Besonderheit auf: Er hat fließendes Wasser im Wohnzimmer, denn die findigen Bergbauern haben einen Gebirgsbach abgezweigt und durch ihr Haus geleitet. Von dort stammen die Ahnen des Wassermungenauer Zimmerer-Meisters.

Keller kennt nicht nur die Geschichte der Haßlers, sondern auch die der Galsterers, Hörndlers und Stallwitzes und die Höfe im österreichischen Kärnten, in denen die Ahnen dieser Familien zu Hause waren. Keller stützt seine Forschung weitgehend auf Kirchenbücher. Er ist eines der führenden Mitglieder der Gesellschaft für Familienforschung Franken (GFF), die ihr besonderes Augenmerk seit ihrer Gründung 1921 auf die Exulanten richtet.

Namen aus Kärnten, die im 17. Jahrhundert in Franken erscheinen, vor dem in Sackleinen gewickelten Kreuz, dem Leitbild der Landesausstellung in Fresach/Kärnten mit dem Titel „Glaub würdig bleiben – 500 Jahre protestantisches Abenteuer“ (7. Mai bis 31. Oktober 2011). Die fettgedruckten Namen kommen ausschließlich bei Exulanten aus Kärnten vor. Die normal gedruckten Namen tragen sowohl Exulanten aus Kärnten als auch aus anderen Herkunftsgebieten, zum Beispiel aus Oberösterreich, Niederösterreich, aus der Steiermark oder aus dem Salzburger Land. „-nig“ (-nick) ist die slowenische Nachsilbe, die im Deutschen „-er“ heißt. Die Liste wurde erstellt von den Exulanten-Forschern Gerhard Bauer und Karl Heinz Keller.


Dass die heute hier sind, liegt an der Reformation. Luther schlug 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Einige Jahrzehnte später, vor 400 Jahren, begann die Vertreibung und Flucht vieler Kärntner wegen ihres Glaubens aus der angestammten Heimat. Sie wollten nämlich unbedingt evangelisch bleiben statt wieder katholisch werden, wie es ihnen die Landesherren vorschrieben. Blieb also nur das mehr oder weniger erzwungene Auswandern in evangelische Landstriche.

Eine neue Bleibe fanden sie 500 Kilometer entfernt in Franken. Ins Dekanat Schwabach sind laut Keller seinerzeit 901 Exulanten aus Kärnten zugezogen. Sie stellten in dem durch Pest und 30-jährigen Krieg entvölkerten Gebiet damals wahrscheinlich die Hälfte der Bevölkerung. Zehn bis zwölf Generationen später ist das Wissen über die Ahnen weitgehend verloren gegangen.

„Getarnte“ Kirche

Kärnten und die Landesausstellung in Fresach sind Ziel von drei „Exulantenfahrten“ (Busreisen), die Karl Heinz Keller leitet (siehe eigenen Artikel in der Druckausgabe des Schwabacher Tagblatts vom 5. Februar 2011).

Fresach in Zentralkärnten ist eine evangelische „Toleranzgemeinde“, im 18. Jahrhundert ein Rückzugsgebiet der „Geheimprotestanten“. Dort steht ein altes Toleranz-Bethaus. Es wurde in der ersten Stufe der Duldung der Protestanten im Jahr 1785 unter strengen staatlichen Auflagen erbaut als „getarnte“ Kirche: ohne Turm, mit nur kleinen, gewöhnlichen Fenstern und nur mit einem Hintereingang über den Hof. 100 Jahre später, in der zweiten Stufe der Toleranz, durfte eine richtige evangelische Kirche mit Turm erbaut werden. Das Bethaus blieb stehen. Seit 50 Jahren beherbergte es das Evangelische Diözesanmuseum für Kärnten. Jetzt wird es renoviert und dient künftig als schlichter Andachtsraum.

Der Ahnenforscher und Exulanten-Spezialist Karl Heinz Keller leitet die drei Exulantenfahrten nach Kärnten.


Gleich daneben entsteht derzeit für fünf Millionen Euro ein modernes Ausstellungs- und Tagungsgebäude in Form eines Würfels aus Beton und Glas, in dem das neu konzipierte Evangelische Diözesanmuseum eingerichtet wird. Es zeigt in der Landesausstellung „Glaub würdig bleiben — 500 Jahre protestantisches Abenteuer“ vom 7. Mai bis 31. Oktober die dramatische Geschichte der Kärntner protestantischen Kirche, die bereits in der Reformationszeit entstanden ist: ihre Blütezeit, die von einer gewaltsamen Gegenreformation im Jahr 1600 jäh beendet wurde, die Austreibung Tausender Exulanten, die bei uns Zuflucht und Heimat fanden, das Abtauchen der Zurückgebliebenen in den Untergrund des Geheimprotestantismus, das überraschende Wiederauftauchen in der Toleranzzeit und die stufenweise Gleichberechtigung im modernen Land Kärnten. Karl Heinz Keller und Prof. Dr. W. W. Schnabel sowie Gerhard Bauer von der GGF haben zur Gestaltung dieser Landesschau die Geschichte der Exulanten beigesteuert.

he

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