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Aus Schwabach: Ein Hilferuf und ein Appell

Zwei Schwabacher Reisebüros erklären im Gespräch mit OB Peter Reiß die ganz besondere Notlage ihrer Branche. - 05.06.2020 08:10 Uhr

OB Peter Reiß zeigt Solidarität mit den Reisebüros: Er will deren Forderungen nach einem Rettungsfonds der Bundesregierung unterstützen und dies auch in Schreiben an die SPD-Parteispitze sowie an Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz deutlich machen. © Foto: Günther Wilhelm


Für die Urlauber also doch die Chance auf Sommer, Sonne, Strand und Meer? Und für die arg gebeutelte Reisebranche die Rückkehr ins normale Geschäftsleben?

"Ich weiß schon", sagt Yesim Tasöz, die Inhaberin des "TUI ReiseCenters" in Schwabach, "man denkt, alles ist wieder gut". Doch wenn dem so wäre, hätte es diesen Termin nicht gegeben: Oberbürgermeister Peter Reiß (SPD) ist einer kurzfristigen Einladung zu einem Gespräch spontan gefolgt. Darum gebeten hatten ihn Yesim Tasöz und ihre Kolleginnen Jolanta Ficek und Petra Strohmayer, die Inhaberinnen der "Reisewelt", sowie deren Mitarbeiterin Kerstin Apreck, die seit März in hundertprozentiger Kurzarbeit ist.

Für sie ist der OB der erste politische Ansprechpartner vor Ort. Gesprächsbedarf gibt es, und zwar akuten. "Wir Reisebüros fühlen uns von der Politik komplett vergessen", sagt Petra Strohmayer. "Dabei ist die Situation existenzbedrohend." Die Reisebüros in Deutschland habe die Corona-Pandemie sogar noch härter als etwa die Gastronomie getroffen.

Es sei schon schlimm genug, über Monate schließen zu müssen und keine Einnahmen zu erzielen. Die Reisebüros aber müssten zusätzlich ihre Provisionen, die einzige Einnahmequelle, für die vielen stornierten Reisen zurückzahlen. Also den Verdienst für bereits geleistete Arbeit.

Das heißt: Keine Einnahmen plus Rückzahlung plus zusätzlicher Aufwand für die Stornierungen. "Seit Februar arbeite ich ehrenamtlich", bringt es Yesim Tasöz auf den Punkt. Ihre Mitarbeiterinnen musste sie ohnehin bereits entweder entlassen oder in Kurzarbeit schicken.

 

"Die Leute reisen nicht"

 

Und die Perspektiven? Reisen innerhalb Deutschands werden ohnehin kaum in Reisebüros gebucht. Und die zumindest signalisierten Öffnungen etwa von Italien oder Spanien? "Die öffnen zwar, aber die Leute reisen nicht", sagt Kerstin Apreck. Die Unsicherheit wegen Corona sei einfach zu groß.

Das gelte sogar noch verstärkt für Fernreisen, und Kreuzfahrten sind ohnehin noch nicht erlaubt. "Es geht nicht nur um zwei Monate Lockdown, das ganze Jahr ist gelaufen", sagt Kerstin Apreck.

"Wir verstehen, dass die Leute stornieren und zurückhaltend sind", betont Petra Strohmayer. "Nur überleben wir so nicht", fügt Kerstin Apreck nüchtern hinzu. Bedroht seien nicht nur einzelne Reisebüros, sondern alle rund 10 000 in Deutschland mit ihren etwa 100 000 Beschäftigten, die wie Kerstin Apreck um ihre Zukunft bangen.

 

Wo bleibt der Rettungsfonds?

 

Deshalb die jüngsten Demonstrationen in Berlin und auch in Nürnberg, deshalb der Ruf nach einem staatlichen Rettungsfonds in Höhe von zehn Milliarden Euro, deshalb auch die Bitte an Peter Reiß um Unterstützung. Durch die Pleiten von Germania und Thomas Cook im vergangenen Jahr seien die Reisebüros bereits arg getroffen worden. Corona ist nun der nächste Schlag.

5000 Euro Soforthilfe hätten geholfen, um laufende Kosten wie die Büromieten aufzufangen, so Petra Strohmayer. Mehr nicht. Mit Krediten sei dagegen nicht geholfen: "Wie sollen wir die ohne Einnahmen zurückzahlen?"

Der Verband unabhängiger selbständiger Reisebüros" (VUSR) fürchtet deshalb eine Welle von Insolvenzen. Er fordert einen Rettungsschirm: "Reisebüros erhalten hieraus ihre wohlverdienten Provisionen für die Vermittlungstätigkeit und den enormen Mehraufwand für Rückholungen beziehungsweise Rückabwicklungen."

 

TUI-Hilfen reichen nicht

 

Doch bisher hat die Bundesregierung diesem Rettungsfonds nicht zugestimmt. Dass dem TUI-Konzerngeholfen wird, nütze den kleinen Reisebüros nichts, auch nicht Yesim Tasöz, die ihr TUI-Reise-Center als Franchisenehmerin betreibt und Risiken alleine trägt.

Die Inhaberinnen der beiden Reisebüros haben deshalb zwei Botschaften.

Erstens: "Es ist fünf vor zwölf", sagt Yesim Tasöz. "Wir brauchen Hilfe von der Politik", betont Jolanta Ficek. Finanzielle Unterstützung und möglichst schnell Klarheit, wie es nach dem 14. Juni konkret weitergeht.

Zweitens: ein Appell an die Kunden. "Wir hoffen auf Unterstützung und freuen uns über jede Buchung", so Yesim Tasöz. "Anders als das Internet waren wir immer für unsere Kunden auch jetzt in der Krise da. Daher hoffen wir dass die Kunden nach Corona bei uns im Reisebüro buchen und nicht im Internet. Wir haben die gleichen Preise nur eben mit Service und Erreichbarkeit."

 

Reiß: "Berechtigte Anliegen"

 

Oberbürgermeister Peter Reiß sicherte Unterstützung zu: "Das ist ein sehr berechtigtes Anliegen, weil es eine ganz besondere Notlage ist." Zwar kann ein OB keine Wirtschaftsbranche retten, aber zumindest dazu beitragen, den politischen Druck zu erhöhen: "Ich werde an meine SPD-Parteiführung und an Wirtschaftsminister Olaf Scholz schreiben. Die Reisebüros und ihre Arbeitsplätze sind ja auch für uns als Stadt wichtig."

GÜNTHER WILHELM

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